Er nutzt Strategien, um akzeptiert zu werden

Fr, 03. Jul. 2020

Es geht nicht um Statuen, es geht auch nicht um Desserts. Timi Osoko fordert mehr Bewusstsein im Alltag. Wichtig ist die Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe oder Nationalität.

Eigentlich wollte sich Timi Osoko zunächst nicht zu diesem Thema äussern. Dann aber wurden online und in seinem privaten Umfeld so viele unterschiedliche Meinungen geäussert, auch von Menschen mit weisser Hautfarbe, welche sich mit den aktuellen Anti-Rassismus-Diskussionen und -Demonstrationen in den USA stark solidarisierten. Zwar erlebte Osoko diese Unterstützung als positiv, gleichzeitig waren ihm manche Positionen zu extrem. Nach dem ersten Sturm auf Statuen in England, deren Repräsentanten kolonialistische oder Sklavenhaltervergangenheit hatten, folgte in den Sozialen Medien der Aufruf, auch beim Zürcher Bahnhof die Statue von Alfred Escher vom Sockel zu reissen. Vor einigen Jahren hatte die Forschung nachgewiesen, dass Eschers Vermögen unter anderem dank Kaffee-Plantagen in Kuba, bewirtschaftet von Sklaven, gewachsen war. Zu extrem für Osoko auch die Debatte um Dublers Süssgebäck, die «Mohrenköpfe». «Solche Aktionen und Diskussionen schiessen am Ziel vorbei», sagt er. Natürlich sollten historische Ereignisse aufgearbeitet und hinterfragt werden, auch Begriffe können irgendwann aus der Zeit gefallen sein.
Dennoch muss der Fokus ein anderer sein: «Wir sollten die aktuelle Situation nutzen, um die Gleichberechtigung aller Menschen zu diskutieren.» Lieber als von Rassismus redet Osoko deshalb von Gleichberechtigung. Für ihn sei der Begriff Rassismus mit Hass verbunden, Hass auf Menschen anderer Hautfarbe. Hass erlebe er in seinem Alltag kaum. «Ich hatte aber immer wieder gegen viele Vorurteile zu kämpfen.» In seiner Generation, in seinem Kollegenkreis stelle er ein Umdenken fest. Viele haben Erfahrungen mit Menschen aus verschiedensten Nationen, mit unterschiedlichster Hautfarbe. «Sie erleben, dass wir alle ähnlich sind», sagt Osoko. Hänseleien und Diskriminierungen musste Timi Osoko dennoch aushalten und begegnen, in der Schule, bei der Lehrstellensuche, im täglichen Umgang mit Menschen weisser Hautfarbe.
Osoko sagt, er sei sensibilisiert auf Körpersprache, die Kontaktaufnahme über den Blick. Oft lese er darin Ablehnung, bis er angefangen habe, schweizerdeutsch zu sprechen oder auf seine Schweizer Wurzeln hinzuweisen. Der Unterschied zwischen «sehen» und «hören» sei enorm. «Das führt dazu, dass ich mich zunächst beweisen muss bei neuen Kontakten, besonders bei älteren Menschen», sagt Osoko. Nicht reagieren, besonders freundlich sein, das wurde zu seiner Strategie.

Die Frage nach der Herkunft
In Mellingen aufgewachsen, besuchte der Sohn eines Nigerianers und einer Schweizerin die Primar- und Sekundarschule, machte eine KV-Lehre, hängte Matura und ein Studium in Wirtschaftsinformatik an, absolvierte auch den Militärdienst bis zum Oberleutnant. Heute arbeitet der 25-Jährige als IT-Projektleiter und Consultant. Die Frage nach der Herkunft, die auch Interesse oder Neugier für das Gegenüber widerspiegeln kann, wirft ihn dennoch jedes Mal auf sein «Anderssein» zurück: «Man sieht mich, meine Hautfarbe.» Unlauter sei diese Frage zwar nicht, sagt er, aber muss sie wirklich als Erste gestellt werden?
Als ihn ein Mitschüler in der Primarschule unüberlegt im Streit als «Neger» bezeichnet hatte, sei damals Osokos Mutter eingeschritten, erzählt er. Sie habe in der Klasse Unterschriften gesammelt: Unterzeichnen durfte, wer das N-Wort ablehnte. Die ganze Klasse habe unterschrieben. «Das war eine coole Geste und ich spürte in diesem Moment die Solidarität aller.»
Zugenommen hätten Hänseleien dann in der Oberstufe. Hautfarbe, Nase, Afrika, Lehmhütten, alles war gut genug für einen Witz. Oft musste er die gleichen Witze wochenlang hören. Wie reagieren? Petzen wollte er nicht, weder bei den Lehrpersonen noch bei den Eltern. «Ich hatte mich ein Stück weit damit arrangiert, im Fokus ihrer Witze zu sein», sagt Osoko, «auch um meinem Ansehen nicht weiter zu schaden.» Er sei einer der Jüngsten, der Kleinsten, vermutlich ein «einfaches Opfer» gewesen. In der Klasse wurden andere aus anderen Gründen gemobbt. Zwar habe man sich gegenseitig unterstützt, sagt Osoko. Allzu viel Solidarität aber war nicht möglich. Um sich selbst nicht zusätzlich zu schaden.

«Ich wollte zeigen, dass ich es kann»
Als ausserordentlich schwierig erwies sich schliesslich die Lehrstellensuche: «Ich musste drei- oder viermal mehr Bewerbungen schreiben als alle anderen.» Die Zusage für eine KV-Lehrstelle erhielt er schliesslich von einer Schule für Migranten. Irgendwann in der Lehre habe er angefangen, sich mehr anzustrengen als die anderen: «Ich wollte zeigen, dass ich es kann.» Nach Lehre und Matura absolvierte er den Militärdienst. Er habe sich und seine Fähigkeiten besser kennengelernt, sagt er. In der Führungsposition habe er erfahren, was andere an ihm schätzen. Das gab Selbstvertrauen.
Bei zwei Podcasts macht er mit. «Çay & Ziggis» oder «Sadboys» förderten ebenfalls sein Selbstbewusstsein. In der Episode 37 spricht Timi Osoko bei «Çay & Ziggis» unter dem Titel «es isch nid immer so gsi» über seine eigenen Erfahrungen rund um Rassismus. Er wollte das Bewusstsein für die Problematik schärfen. «Das Feedback war enorm», sagt er. Bekannte und Unbekannte hätten sich gemeldet – auch der einstige Primarschulkollege. Aufklärung sei nötig, mehr Verständnis füreinander, weniger Vorurteile, auch ein paar dumme Witze weniger. «Vielleicht wächst dank dieser Debatte», sagt er, «das Bewusstsein?» Dann wäre ein wichtiges Ziel erreicht.

Heidi Hess

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