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Am Rohrdorferberg hatten Frauen das Sagen

Fr, 29. Jan. 2021

Hedy Zehnder freute sich über das Frauenstimmrecht. Sie nimmt bis heute am politischen Geschehen teil

Frauen am Rohrdorferberg haben bereits vor der offiziellen Einführung des Stimmrechts für Frauen politische Entscheide massgeblich beeinflusst. Auch wenn nicht alle das gegen aussen kommunizierten. Hedy Zehnder erinnert sich.

Das beste Beispiel dafür, wie Frauen vor der Einführung des Frauenstimmrechts Einfluss auf politische Abstimmungen nahmen, ist der Waldfriedhof zwischen Holzrüti und Niederrohrdorf», sagt Hedy Zehnder (88). Die Gemeinden am Rohrdorferberg hatten früher einen gemeinsamen Friedhof in Oberrohrdorf. Dieser war zu klein geworden. Im Gebiet der «Möser» war eine Erweiterung durch einen Waldfriedhof vorgesehen. Die damalige Präsidentin des Landfrauenvereins, Agnes Heimgartner-Egloff mobilisierte den Widerstand gegen den geplanten Standort. Ihr Votum: «Ihr Frauen müsst wissen, dass die Männer nach der Arbeit nicht auf den Friedhof gehen und die Gräber pflegen. Dann müsst ihr im Dunkeln durch den Wald gehen und diese Aufgabe übernehmen.» Sie rief die Frauen auf, ihren Männern diesen Standpunkt zu unterbreiten, damit diese gegen den neuen Standort stimmen. Und siehe da, die Männer legten ein «Nein» in die Urne. Auch bei anderen Abstimmungen berieten sich die Frauen oft im Vorfeld. Am Küchentisch wurde dann gemeinsam mit dem Ehemann beschlossen, wie gestimmt wurde. «Das funktionierte natürlich nur, wenn die Ehe intakt war», sagt Hedy Zehnder. So politisiert wurde früher bei ihr als Kind zu Hause und nach der Heirat mit ihrem Mann. Deshalb empfand Zehnder die Einführung des Frauenstimmrechts als nicht ganz so weltbewegend. Für sie ist es aber seitdem eine Selbstverständlichkeit, als Frau das Stimmrecht auch zu nutzen.

Erste Frau im Gemeinderat
Hedy Zehnder setzte sich immer für Frauen ein. Trotzdem sei sie keine Feministin. Sie hat selbst erfahren, dass eine Frau es nicht immer leicht hat, bis sie sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten kann und Anerkennung findet. Beides hat sie erreicht. Als sie 1981 in den Gemeinderat gewählt wurde, war sie die erste Frau in der Region, die in dieses Amt gewählt wurde. Eine politische Karriere hat sie nie bewusst angestrebt. Das Politisieren war ihr aber in die Wiege gelegt. Bereits ihr Vater Josef Wettstein war in Remetschwil Gemeinderat und Grossrat. Er und die kaufmännisch ausgebildete Mutter, Hedwig Wettstein, diskutierten zu Hause oft über politische Themen. Bereits ihre Mutter war nicht nur Hausfrau und Mutter von sechs Kindern. Sie schrieb für ihren Mann Protokolle und war freie Journalistin. Pro veröffentlichten Artikel im Aargauer Volksblatt erhielt sie jeweils direkt durch den Pöstler einen Fünfliber. Bei der Frage um die Einführung des Frauenstimmrechts sei ihre Mutter zwar nicht dagegen, aber auch nicht eine glühende Befürworterin gewesen.

«Männer verhalfen mir zur Karriere»
«Es gab Gemeinderäte, die bei der Einführung des Frauenstimmrechts sagten, dass solange sie im Gemeinderat sind, keine Frau die Schwelle des Gemeindehauses überschreiten werde», sagt Hedy Zehnder. Festzuhalten sei, dass damals nicht alle Gemeinderäte diese Meinung vertraten. Trotz diesen Aussagen war es nach elf Jahren soweit. Hedy Zehnder zog als erste Gemeinderätin ins Gemeindehaus ein. Ihr Mann Bruno Zehnder, er hatte eine Kaderstelle bei der Egro im Dorf, war zu Beginn ihrer politischen Tätigkeit eher zurückhaltend. Ihre Kinder unterstützen sie aber und sagten: «Jetzt bist du einmal an der Reihe.» Zu kurz kam die Familie trotzdem nicht. Die Mittagspause mit der Familie war Zehnder immer heilig. Punkt 12 Uhr stand das Essen auf dem Tisch. Vorgeschlagen für den Gemeinderat hat sie ihr Vorgänger. Er gab dem Gemeinderat den Tipp, Hedy Zehnder als Kandidatin aufzustellen. Sie hätte als Frau Zeit, während dem Tag Termine für den Gemeinderat zu übernehmen. Zu Beginn ihrer Amtszeit musste noch ein Gemeinderat zusammen mit dem Gemeindeschreiber bei einem Todesfall ausrücken und die öffentliche Inventaraufnahme vor Ort vornehmen. Zehnder war bei der Wahl kein unbeschriebenes Blatt. Ihr Vorgänger holte sie, nachdem sie mit der Familie 1961 nach Niederrohrdorf zog, in die Kindergartenkommission. Damals wurde der erste Kindergarten in der Gemeinde eröffnet. Bis 1997 blieb sie in der Kommission. Und das ohne je einen Franken Entgelt dafür zu bekommen. «Es war mir immer bewusst, dass ich als Frau in der Politik doppelt so viel leisten muss, um anerkannt zu werden.» Zu Beginn las sie sich stundenlang in die Amtsgeschäfte ein. Sie war sich aber auch nicht zu schade ihren Vorgänger zu fragen, wenn sie etwas nicht verstand. Später lief es immer besser und sie habe in der Politik selbst die Fäden gezogen. Gegenwind verspürte sie zu Beginn als Gemeinderätin nicht nur von Männern, sondern vor allem von Frauen. Sie wurde sogar von einigen verbal angriffen. «Eine Frau mit vier Kindern gehöre ins Haus», liessen sie verlauten. Einige wechselten sogar die Strassenseite, wenn Zehnder durchs Dorf ging. Aber auch bei den Männern musste sie sich zuerst die Sporen abverdienen. Sie kann sich noch gut erinnern, als sie im ersten Monat ihrer Amtstätigkeit an eine Sitzung der Regionalplanung ins Rathaus nach Wettingen musste. Sie war nebst 21 Männern die einzige Frau. Der Professor, welcher einen Vortrag hielt, fragte was hier eine Frau mache. Zehnder setzte sich während ihrem politischen Engagement vor allem für die Schule, die Sozialpolitik und die Landwirtschaft ein.
Bereits in ihrer zweiten Amtsperiode als Gemeinderätin wurde sie zum Vizeammann gewählt. Der Widerstand den sie als Frau vor vier Jahren spürte, war inzwischen nicht mehr so gross. Es war bekannt, dass sie sich mit grossem Einsatz auch für das Sozialwesen verdient gemacht hatte. So ging sie jeweils vor der Gemeinderatssitzung beim Büro des Sozialdienstvorstehers vorbei, um sich über den neusten Stand zu informieren. Sie machte sich aber auch vor Ort, in Muri, Königsfelden oder in der Strafanstalt ein Bild von den Mündeln. Teilweise standen tragische menschliche Schicksale dahinter.

Frauenpower im Grossrat
1989 wurde Zehnder in den Grossen Rat gewählt. Ob ihr bei dieser Wahl der Bekanntheitsgrad ihres Vaters geholfen hat oder ob die Frauen ihr zum Sieg verholfen haben, weiss sie nicht. Sicher geholfen habe, dass auch Freunde Flugblätter für ihre Wahl in die Briefkästen verteilt hätten. Dass auch zwei kantonale Frauenverbunde sie bei der Wahl unterstützten, kam im Grossen Rat gut an. Gefreut hat es sie, dass ihre Ratskollegen bereits nach kurzer Zeit sagten: «Du hast ein sehr grosses Wissen.» 1993 war die Sensation perfekt. Gleich drei Frauen von der CVP-Reusstalliste, nebst den bisherigen Grossrätinnen Hedy Zehnder und Ruth Humbel aus Birmenstorf wurde auch Marlies Haller (†) aus Stetten gewählt. Die drei Frauen fuhren jeden Dienstag gemeinsam an die Sitzungen nach Aarau. «Wir haben bereits auf der Fahrt über politische Geschäfte gesprochen», sagt Zehnder. In Aarau sass sie neben Ruth Humbel. Dort wurde oft weiterdiskutiert. Geschätzt hat sie auch den Austausch mit dem inzwischen verstorbenen Grossratskollegen Roland Brogli. Er sagte einmal zu ihr: «Du kennst dich aber sehr gut mit Gemeindeangelegenheiten aus.» 1997 trat sie nicht mehr zur Wiederwahl für den Grossrat an.

Für Frauenverbund unterwegs
Zehn Jahre nachdem Zehnder als Grossrätin von der politischen Bühne abtrat, kontaktierte sie Elisabeth Seiler, Grossrätin und Präsidentin vom Katholischen Frauenverbund Aargau. Sie fragte, ob sie bei der Verteilung von Geldern an Frauen mithelfen könne. Zehnder zögerte nicht und sorgte ab dieser Zeit dafür, dass Frauen, die in Not gerieten, unbürokratisch zu Geld kamen. Noch während ihrer Zeit als Gemeinderätin war sie 17 Jahre im Vorstand und später Vizepräsidentin der Spitex Rohrdorferberg. Zusätzlich war sie zudem zwölf Jahre im Vorstand des Alterszentrums Fislisbach. Nach dem Ausscheiden aus dem Gemeinderat war sie noch fünf Jahre Präsidentin der Heimkommission. Bis heute geht sie ehrenamtlich Bewohner des Alterszentrums am Buechberg und des «Reussparks» besuchen. Aktuell ist das leider wegen Corona nicht möglich. Das hält Zehnder aber nicht davon ab, den Kontakt telefonisch weiter zu pflegen.

Zufrieden mit Erreichtem
«Ich bin heute zufrieden, mit dem was ich als Frau im Leben erreicht habe», sagt Zehnder. Dabei war der Start nicht so einfach. Sie durfte zwar während dem Krieg in die Bezirksschule nach Mellingen. Nur drei Schüler schafften damals die Aufnahmeprüfung. Den Schulweg musste sie zu Fuss zurücklegen. Kam ein Fliegeralarm, gab es keine Versteckmöglichkeiten. Immerhin konnten auswärtige Schüler über den Mittag eine Suppe beim ehemaligen Restaurant Hirschen neben der Brücke und später im «Löwen» essen. Nach dem Schulabschluss musste sie statt zu studieren oder eine Lehre zu machen, zu Hause auf dem elterlichen Hof und bei der Tante im Konsum arbeiten. Groll, dass sie nicht wie ihre anderen Geschwister studieren durfte, hat sie nicht. Mit 23 Jahren heiratete sie ihren Mann und bekam vier Kinder. Als ihr jüngster Sohn zehn Jahre alt war, begann ihre Zeit in der Politik. Am besten hat ihr das Engagement auf Gemeindeebene gefallen. Mussten Entscheide im Grossrat gefällt werden, empfand sie das als schwerfällig und langsam.Während im Gemeinderat Beschlüsse rasch gefasst und umgesetzt wurden, dauerte es im Grossrat zwei bis drei Sitzungen, bis ein Geschäft abgesegnet wurde.

Stricken, Lesen und Besuche
Auch wenn Zehnder sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hat, verfolgt sie diese immer noch. Sie scheut sich auch nicht an der «Gmeind» ihre Meinung kundzutun. Das Schulprojekt «Jim Knopf» findet sie in der aktuellen Form gut. Sie hofft, dass die Stimmbürger das Projekt annehmen. Langeweile kennt Zehnder auch heute nicht. Jeden Morgen liest sie die Zeitung, zwei Mal in der Woche den «Reussbote». Das halte geistig fit, ist sie überzeugt. Die kreative Ader übt sie mit Stricken aus. Seit dem Lockdown strickt sie für die «Ostmission» 1,5 Meter lange Halstücher. Bis jetzt hat sie schon 50 Stück gestrickt. Bekannte, die das wissen, bringen ihr Wollreste vorbei. Wer aber denkt, dass sie tagelang beim Stricken sitzt, täuscht sich. Wie auch früher während ihrer politischen Tätigkeit, braucht sie Abwechslung. Zwischen Zeitunglesen und Stricken, sind Besuche, Telefonate und auch Spaziergänge angesagt. Zudem liest sie sehr gerne Bücher. Aktuell liegt «Mit Gottvertrauen im Gepäck» auf ihrem Tisch. Wen wundert’s – eine Geschichte über eine starke Frau.

Debora Gattlen

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