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Storch geht fremd, treu bleibt er nur dem Nest

Fr, 02. Apr. 2021

Erst wurde das Nest neu aufgebaut, dann verunfallte die Störchin – nun wagt der Storch mit einem neuen Weibchen einen Neuanfang

Wird das gut gehen? Als die Störchin nicht mehr auf den Kamin zurückkehrt, lässt der Storch eine Neue in sein Nest – so will es die Natur. Die Störchin aber war verunfallt, ist jetzt in der Reha. Gut möglich, dass sie, wenn sie wieder fliegen kann, den Horst an seiner Seite zurückerobern will.

Es war viel los in den letzten Wochen. Und das dürfte beim Horst auf dem Hochkamin der Schnapsbrennerei Humbel auch so bleiben. Denn bald müsste es in luftiger Höhe in die entscheidende Phase gehen: Die Paarung steht an. Eier sollten gelegt werden. Luis Humbel, Brennermeister, jedenfalls sagt: Erste Annäherungsversuche hätten sie von unten bereits beobachtet. Klappern, Kraulen und Schnäbeln. Ein Idyll. Dieses allerdings könnte getrübt werden. Denn das Paar, das den Frühling spürt, ist nicht das alte. Zumindest nicht ganz. Neu ist die Störchin. Neu ist im Übrigen auch das Nest. Zwar hat das Eine mit dem Anderen wenig zu tun. Dennoch geniessen jetzt der alte Storch und die neue Störchin im neuen Nest den Ausblick auf Obsthaine und die Reussebene. Und das könnte noch zu Konflikten führen.

Das Nest wird abgetragen
Aber der Reihe nach. Sommers und winters verbrachte das Storchenpaar in Stetten seine Tage auf dem Horst der Schnapsbrennerei. Längst hatte es darauf verzichtet, in den Süden zu fliegen, um der kalten Jahreszeit zu entfliehen. Die Kälte konnte dem Paar wenig anhaben und Nahrung fanden die beiden auf Feldern, in Sümpfen, am Reussufer und auch im Murimoos zur Genüge.
Über die Jahre wuchs somit auch das Nest, wurde gross und schwer. Als es Anfang Jahr schräg über dem Kamin hing, sorgten sich unten die Humbels. Was, wenn es fällt? Der Schaden, wenn es ein Loch in das Dach der Schnapsbrennerei reissen würde, wäre immens, sagt Luis Humbel. «800 Kilo waren auf dem Hochkamin – Holz und Humus.» Das alles habe sich angesammelt nach zwanzig Jahren gewissenhaftem Nestbau. Schliesslich hätten sie beim kantonalen Wildhüter eine Bewilligung eingeholt. Im Februar hätten sie gemeinsam mit Fischer Transport versucht, das Nest abzutragen. Mit einem Kran wurden Luis Humbel und Stefan Fischer zum Horst gehievt. «Zunächst haben wir das Nest halbiert und leicht ausgehöhlt.» Dann aber sei es zusammengebrochen, sagt Humbel. Schliesslich sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, als den ganzen Horst abzutragen, ein riesiger Humusklumpen, viel Dreck, darunter auch Handschuhe und eine Mütze. Auf den leeren Kamin hätten sie einige Äste gelegt – Beat Humbel war gerade am Schneiden und Pflegen der Kirschbäume und des Holunders. Damit sei der Grundstein gelegt worden. «Das neue Nest sieht ordentlich aus», meint Brennermeister Luis Humbel.

Der alte Storch geht fremd
Oben auf dem Kamin der Schnapsbrennerei aber hat sich eine neue Störchin ins gemachte Nest gesetzt. Aus gutem Grund. Die langjährige Partnerin des Storchs kam im März nicht zum Nest zurück. Und die Zeit drängte, musste genutzt werden: Die Brutzeit steht an. Allzu lange konnte der Storch auf seine langjährige Partnerin nicht warten. Als eine Störchin auf seinem Horst landete, die die lange Reise aus dem Süden hinter sich hatte, wovon auch ihr noch dreckiges Gefieder zeugte, liess er sie gewähren. Im Ungewissen, was seiner Partnerin geschehen war.

Erlitt Störchin einen Stromschlag?
Diese Geschichte aber kennt Alois Vogler, Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Stetten. Die Störchin sei neben einem Strommast beim Moosweiher in Niederrohrdorf gefunden worden, sagt er. Otto Wettstein aus Fislisbach war dort mit seinen Hunden unterwegs, als ihn ein Velofahrer auf den verletzten Storch ansprach. Was genau passiert sei, hätten sie nicht gesehen, sagt Wettstein. Aber sie hätten einen Knall gehört. Die Störchin sei auf dem Boden gelegen, dann aufgestanden und unsicher Richtung Weiher getorkelt. Von Hand einfangen liess sie sich nicht, davon fliegen konnte sie aber auch nicht. Mit Kollegen vom Vogelschutzverein sei es schliesslich gelungen, das Tier mit einem Feumer einzufangen, so Wettstein.
Alois Vogler berichtet, dass das verletzte Tier danach in die Greifvogelstation in Berg am Irchel gebracht worden sei. Dort ist die Störchin noch immer, erholt sich in einer Flugkammer. Sichtbare Verletzungen hätten sie nirgends entdeckt, sagt Amber Gooijer von der Greifvogelstation. Die Vermutung liege deshalb nahe, dass sie durch einen Stromschlag verletzt wurde. Der Störchin geht es mittlerweile besser. «Sie steht, sie läuft, sie frisst auch wieder selber, aber sie fliegt noch nicht», sagt Gooijer. «Wir lassen sie erst gehen, wenn sie fit ist.» Vorläufig bleibt sie deshalb in der Flugkammer. Sobald es ihr besser geht, darf sie in eine offene Volière. Dort steht es ihr frei, davon zu fliegen.
«Intuitiv müsste sie ihren Horst in Stetten anpeilen», meint Naturschützer Alois Vogler. Dann allerdings wäre ein Konflikt vorprogrammiert: Akzeptieren wird die Störchin die neue Situation nicht. Das «brutalste Szenario», sagt Vogler, «wäre ein Kampf der beiden Weibchen. Sollten dann bereits Eier im Nest liegen, werde die alte Störchin versuchen, diese aus dem Nest zu werfen». Fragt sich einzig, ob sie bis dahin kräftig genug ist. Ausserdem ist ein romantischeres Szenario möglich: Trifft die Störchin auf ihrem Flug von Berg am Irchel nach Stetten nämlich einen Storch, so könnte auch sie ein neues Nest wählen.

Heidi Hess


Das Storchenpaar im Niederwiler Kreisel

Ein weniger lauschiges Plätzchen hat sich das Storchenpaar ausgesucht, das auf einer Lampe im Kreisel Niederwil-Gnadenthal-Nesselnbach nistet. Und das bereits im zweiten Jahr, wie Alois Vogler sagt. «Spannend», kommentiert er den Standort. Letztes Jahr hätten die Vögel dort zwar Eier gelegt, die Brut dann aber nicht durchgebracht. Den Grund dafür kennt der Vogelexperte nicht. «Nun versuchen sie es in einem zweiten Anlauf.» Schön zu beobachten war in den letzten Tagen jedenfalls das Paarungsritual der beiden Störche in luftiger Höhe. An Nahrung dürfte es auch an dieser besonderen Lage, umgeben von Feldern und Gewässern, kaum mangeln. (hhs) 

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