Er hört auch gerne Rockmusik

Mi, 19. Feb. 2020
Johannes Zürcher ist im Pastoralraum Region Mellingen in einem Teilzeitpensum als Diakon tätig.

Unser Fragebogen: Diakon Johannes Zürcher, Tägerig über Aschermittwoch und Musik. Zürcher ist Diakon und lebt in Tägerig. Wie ist das mit dem Aschermittwoch und der Fasnacht?

Herr Zürcher, morgen Mittwoch ist Aschermittwoch. Die Fasnacht geht in den katholischen Ortschaften mit diesem Tag zu Ende. Was hat es mit dem Aschermittwoch auf sich?

Hans Zürcher: Der Aschermittwoch ist wie ein Wendepunkt, eine deutliche Zäsur zum bunten Treiben der Fasnacht. An diesem ersten Fastentag wird Asche ausgestreut. Konfettis sind Vergangenheit. Es ist ein abrupter Wechsel, ohne Wenn und Aber, mitten in der Nacht vom Fasnachtsdienstag zum Aschermittwoch. Ich liebe diese Entschiedenheit, dieses Gegensätzliche, denn es macht deutlich, dass das Leben sich zwischen Polen bewegt. Mal laut und lustig, mal still und besinnlich. Und beides hat seine Qualität. Wenn die Fasnacht ein Aufbäumen und Freisetzen an Lebenslust ist, dann schafft der Aschermittwoch die Gewissheit, dass allem Leben ein Ende gesetzt ist. Wir werden zu Staub und Asche. Und genau dieses Bekennen setzt Kräfte frei ganz im Jetzt zu leben. Das Leben ist nicht aufschiebbar, jetzt will es gelebt sein. Hierzu ist der Aschermittwoch wie eine Mahnwache und wie eine Initialzündung auf Ostern hin, wo das Leben in neue Koordinaten hineingestellt wird.

 

Welche Bedeutung hat die Fasnacht für die Kirche?

Es ist interessant, wie ausgelassen an katholischen Orten die Fasnacht gefeiert wird. Sie scheint wie ein Ventil zu sein, endlich mal die starren Normen und Gesetze hinter sich zu lassen und in Rollen zu schlüpfen, die man sich immer schon zugedacht hat. Insofern ist die Fasnacht für die Kirche eine wunderbare Plattform, den Menschen erleben zu lassen, dass er mehr ist, als er sich im Allgemeinen zugesteht. Ich denke, in jedem Menschen steckt ein unglaubliches Potential, das oft nicht sichtbar wird. Die Fasnacht ist daher eine ideale Gelegenheit der Vielfalt in sich Raum zu geben, ja der Kirche selbst den Spiegel vorzuhalten, wo sie Leben unterdrückt und verhindert, wo sie unglaubwürdig geworden ist und wieder auf Kurs kommen sollte. Insofern tut die Fasnacht der Kirche nur gut, weil sich hier die Chance der Selbstreinigung bietet.

 

Wo ist es im Reusstal/Freiamt am schönsten?

Das müssen Sie mich nicht zweimal fragen. Ich liebe das Wasser über alles. Und so ist es die Reuss, die mir Stunden der Entspannung schenkt. Wie oft sass ich schon stundenlang am Reuss Ufer, sinnierend, träumend, fragend, suchend, auf das Wasser blickend, erkennend, dass alles fliesst, dass nichts zurückgehalten werden kann. Und jedes Mal komme ich wie ein neuer Mensch zurück, als ob mir ein Stück Ewigkeit begegnet wäre. Und ich schätze die Städtchen an der Reuss. Mellingen und  Bremgarten. Ich mag die Gässchen, das dichte Wohnen Haus an Haus. Sie schaffen Nähe und Gemeinschaft, stossen das Ringen um eine gemeinsame Lebensqualität an. Sie lassen mich ahnen, dass unser Leben immer auf Individualität und Gemeinschaftssinn angelegt ist.

 

Wie sind Sie am liebsten im Reusstal unterwegs?

Am liebsten auf Schusters Rappen. So weiss ich nachher, was ich geleistet habe und wo es rauf und runter geht. In langsamen Vorwärtsschreiten zeigt sich mir die Natur in voller Grösse. Ich sehe Dinge, die beim schnellen Vorbeiflitzen unbeachtet blieben. Die Blumen auf den Wiesen, die Rinde der Bäume, die Pfütze am Wegrand, die Dornen im dichten Gestrüpp, die bemoosten Steine. Und nicht selten steige ich aufs Rad. Sei es, um etwas zu erkunden oder um mich sportlich zu beweisen. Als Jugendlicher wollte ich einmal Radprofi werden. Ich schaffte es, den anderen den Meister zu zeigen. Aber das ist Vergangenheit. Jetzt rühme ich mich, wenigstens noch mit eigener Kraft unterwegs zu sein, sei es am Flachsee, sei es im Dorf zu Besuchen.

 

Was ist für Sie Luxus?

Eine schwierige Frage. Wenn ich eine globale Brille anziehe und mich an meine Kindheit zurückerinnere, wo ich jeweils bei meinen Grossvater zu Besuch war und wir Kinder uns morgens am Brunnen vor dem Haus frisch machten, dann ist es für mich ein Luxus, im Haus Strom, Wasser und Heizung zu haben. Da denke ich an die Millionen von Leuten, die davon nur träumen können. Und wenn ich mir unsere industrialisierte Brille anziehe, dann ist es für mich ein Luxus in unseren Geschäften dutzende Sorten von Joghurts, von Brot und von anderen Speisen zu haben, als ob es beim Essen nur um den Feingeschmack geht und nicht um die Ernährung. Ich persönlich suche das Elementare und hierzu brauche ich keinen Luxus, weder einen Ferrari noch eine Villa.

 

Wann findet einen das Glück?

Wie klug Sie diese Frage stellen! Wahrhaftig, das Glück findet sich, ich kann es nicht suchen, auch in einer Lottomillion nicht. Das Glück findet mich, wenn ich beispielsweise am frühen Morgen aufwache und mit dem Fotoapparat auf Pirsch gehe. Was es da alles zu sehen und zu hören gibt. Pfeifende Vögel, rauschendes Bächlein, Grashalme im Tau, erste Sonnenstrahlen in den Bäumen, Spiegelungen im Teich und das alles ist mir geschenkt. Unglaublich. Es ist einfach da, ohne mein Zutun. Und es ist da für mich, für mich ganz persönlich. Mich berührt das, mich belebt das! Und ich mag staunen, trete so ein in einen Dialog, bewundere, was sich mir zeigt. Und wenn dann per Zufall ein Wanderer mir entgegenkommt und wir beide uns austauschen, dann beschleicht mich ein Glück, wie es keine Worte wiederzugeben vermögen.

 

Besitzen Sie alles? Oder ist da noch ein Wunsch offen? 

Welche Frage! Wollen Sie mich aus dem Schlupfloch herauslocken? Ja, natürlich gab es in meinem Leben offene Wünsche. Ein eigenes Haus zu bauen, war ein Wunsch an vorderster Stelle. Aber das ist Vergangenheit. In der Zwischenzeit mutiere ich zum Hans im Glück und erkenne mehr und mehr, dass Besitz letztlich nicht glücklich macht. Nicht Haben, sondern Sein schreibe ich mir auf die Fahne. Wenn ich das verwirklichen kann, was in mir steckt, meine Kreativität, meine Leidenschaft, meine Empathie, meine Entdeckerlust, meine Liebe zu Menschen, dann gibt es keine offenen Wünsche mehr, dann lebe ich. Was brauche ich mehr?

 

Wenn Sie nicht Diakon wären, welchen Beruf würden Sie dann ausüben?

Als Kind wollte ich immer Lokomotivführer werden. Ich baute eine grosse Eisenbahnanlage, begann eine Lehre als Elektromechaniker, immer im Hinblick auf meinen Traumberuf. Und dann kam alles anders. Als Diakon tat sich mir ein weites Feld auf. Und ich war dabei nie unzufrieden. Doch wenn Sie mich fragen, welcher Beruf mich sonst noch ansprechen würde, dann zögere ich keine Sekunde, Ihnen zu sagen, dass es der Architektenberuf wäre. Es muss etwas Einmaliges sein, seine Ideen in einem Bauwerk realisieren zu können, Räume zu schaffen, wo man sich zu Hause fühlt. Da werden aus Bachsteinen vollendete Formen, da werden Fenster zu Himmelsöffnungen, da werden gerade Linien und Rundungen zu einem Spiel und alles lässt dich frei atmen. Wie denke ich da an Mario Botta und Peter Zumthor mit ihren Sakralbauten. Das wäre für mich das absolute Highlight, eine Kirche bauen zu können. Übrigens, in der kath. Kirche Obfelden konnte ich bei einem Umbau meine kreativen Kräfte ins Spiel bringen!

 

Es kommen spontan Freunde, was dürfen Sie immer von Ihnen als Gastgeber erwarten?

Dass sie willkommen sind und ich Zeit für sie habe. Und natürlich würde ich in den Keller gehen, um eine feine Flasche Wein zu entkorken! Spontane Begegnungen sind für mich wie das Salz in der Suppe, eine Bereicherung. So ungeplant, so direkt, so ungezwungen, das macht das Leben erst spannend. Heute, wo wir alles planen und dann schnell verunsichert sind, wenn der Zeitplan nicht eingehalten wird, ist das Unmittelbare wie ein Heilmittel, sich der Gegenwart zu stellen. In Überraschungen ist für mich oft das eigentliche und wahre Leben zu finden!

 

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welcher Epoche möchten Sie landen?

Im Mittelalter. In jener Zeit, wo die grossen gotischen Kirchen und Städte gebaut wurden. In meinem Studium lebte ich vier Jahre im gotischen Stadtteil Fribourgs. Das war für mich immer so etwas Erhebendes, so etwas Ordnendes und Ruhiges, so dass ich mich richtig verliebte in diesen Baustil. In der Gotik erlebe ich das Majestätische, das Öffnende und Klare. Es führt mich hinein in das Bewundern und Sich selber Übersteigen.

 

Wenn Sie in einem Film mitspielen dürften, welchen würden Sie wählen?

Dann wäre das der schwedische Film "Wie im Himmel" von Kay Pollak. Ein berühmter Dirigent zieht nach einem Herzinfarkt zurück in seine Heimat. Angekommen in seinem Dorf beginnt er den Kirchenchor zu reformieren. Anstelle des bigotten Gesangs weckt er in den Frauen und Männern die echte Freude am Singen. Und das hat Auswirkungen auf das Leben der Sängerinnen und Sänger. Plötzlich entdecken sie, wie gefangen sie in einem Gesellschaftssystem sind und wie Konventionen sie am eigentlichen Leben hindern. Ich möchte gerne diese Rolle des Dirigenten spielen, der die Menschen befreit und Liebe und Freude in ihr Leben bringt. Berührend ist die Schlussszene. Ein geistig Behinderter gibt auf der Bühne vor grossem Publikum den Ton an und alle stimmen ein.

 

Welche Sportart würden Sie gerne lernen?

Keine mehr! Ich bin ganz zufrieden mit meinem täglichen Fitnessprogramm von gut einer Stunde. Da spielen Kraft und Ausdauer eine Rolle. So halte ich mich fit und mein Geist bleibt beweglich. Und wie sehr schätze ich es, dass ich immer noch den Weg zu SAC Hütten finde und dort eintauchen kann in die alpine Welt, die mich mit ihren Felsabgründen, Bergspitzen und Schneefeldern nach wie vor begeistert.

 

Lesen Sie, ein Buch? Welches?

Oh ja. Lesen ist mein Lebenselixier. Hier finde ich Inspirationen, entdecke Spiegelungen meines eigenen Seelenlebens, da werde ich angesprochen in meiner Sehnsucht nach dem Reichtums des Lebens. Und ich muss sagen, die Bibel ist für mich nach wie vor eine Schatzgrube. Aber nicht nur sie ist für mich wichtig. Ich bin so frei und lese, was man mir in die Hände drückt. Da wurde ich kürzlich auf das Buch von John O'Donohue aufmerksam gemacht. Es trägt den Titel "Anam Cara. Das Buch der keltischen Weisheit." Was sich mir hier eröffnet, ist wahrlich eine Offenbarung. Mir kommt vor, ich würde in dem irischen Autor und Philosophen einen Seelenfreund finden, der mich so einfühlend und überzeugend mit dem spirituellen Erbe der keltischen Welt vertraut macht.

 

Bei welchem Lied können Sie nicht sitzen bleiben?

Das kann ja kaum ein Kirchenlied sein! Denken Sie, wie vermessen es wäre, auf die Kirchenbank zu steigen und hüfteschwingend ein Halleluja anzustimmen. Also bleibe ich ganz brav und geerdet und wende mich dem Rockmusiker Bruce Springsteen zu, der mich mit seinem lyrischen Song "Jersey Girl" zwar nicht aus der Fassung bringt, aber mich immerhin dazu animiert, die Lautstärke bis aufs Äusserste zu optimieren. Ich schwinge dann ein in ein Melodrama, geprägt von Poesie, von Innigkeit und Ausdruckstärke. Im Übrigen kann ich nur empfehlen, die Biografie von Bruce Springsteen zu lesen. Auch so einer mit irischem Blut! Wie ich vermutlich auch!

 

Wem – tot oder lebend – würden Sie gerne ein paar Frage stellen? Welche?

Ich möchte von Nelson Mandela wissen, wie das geht, nach 30 Jahren Gefängnis ohne Verbitterung die Freiheit anzutreten. Ich staune immer wieder, wie es Menschen gibt, die den Glauben an die Menschenwürde trotz schmerzvollsten Erfahrungen nicht verlieren und fähig sind, Umwälzungen in Staaten zu bewirken.

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