Wie weiter nach der Corona-Pause?

Fr, 26. Jun. 2020

Nach einer IV-Anlehre tastete sich Michael Küng langsam in Richtung Journalismus vor. Er war im Projektmanagement der eidgenössischen Jugendsession und sammelte Erfahrungen mit Online- und Jugendzeitungen. Es folgte eine technische und journalistische Ausbildung beim Radiosender Kanal K. Heute ist er Radiomacher und freischaffender Journalist.

Während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie war ich privat beheimatet. Nun bin ich wieder zurück in meiner Welt. Fazit: Ich würde es jederzeit genau gleich wieder so handhaben. Gemäss den in den Medien verbreiteten Studien sind über 90 Prozent der Covid-19-Erkrankungen in Heimen und Pflegeeinrichtungen eingetreten. Auch meine Welt stellt so eine dar. Auch wenn man dies nicht gerne hört, hat die Lockdown-Phase ganz klar gezeigt, dass die Institutionen harte bis sehr harte Massnahmen umsetzten. Die Vorstellung, mich dauerhaft mit Maske pflegen zu lassen und mit sehr beschränktem Bewegungsradius leben zu müssen, trugen zum Entscheid bei, die heikle Phase im privaten Umfeld zu verbringen. Nur dank meiner Medienaffinität konnte ich die Schritte der öffentlichen Hand antizipieren und die für mich richtigen Schlüsse daraus ziehen, und mich so zum richtigen Zeitpunkt zu Hause aufhalten. Nach der heissen Phase, welche die Gesellschaft mitbekommen hat, geht aber nun das Glücksspiel in eine neue Runde. Die erste Krise ist zwar überwunden, die Krankheit jedoch länger noch nicht. Bei genauerem Hinsehen geht das gesellschaftliche Leben weiter, ich hingegen bin dem Virus so nah wie selten zuvor. Wenn ich wöchentlich an den Ort meiner Physiotherapie gehe, bin ich in der Gesundheitseinrichtung nur wenige Meter von eintretenden Covid-19-Fällen entfernt. Wenn ich dies nicht tue, dann setze ich meine Gesundheit insofern aufs Spiel, da mir die entsprechenden Fitnessgeräte nicht mehr zur Verfügung stehen und ich mich nicht mehr fithalten könnte. Noch habe ich mich nicht entschieden, wie ich mit diesem Dilemma umgehen soll. Soll ich weiterhin in die Gesundheitseinrichtung zur Therapie oder soll ich auf Home-Therapie umstellen? Auch das Tragen von Masken ist in meiner Welt immer noch Pflicht, zumindest für das Personal. Allerdings hat sich auch bei mir eine gewisse Leichtigkeit rund um die Covid- 19-Nachrichten eingestellt nach dem Motto: Nur noch 19 Fälle, wie schön! Als Gesellschaft kommen wir, wie es scheint, sehr gut aus der Krise, aber auch ich als Individuum?

Gehen oder bleiben?
Als extrovertierter Mensch, was ich übrigens als Kind schon war, hat man viele Auftrittsmöglichkeiten. Diese habe ich auch immer wahrgenommen. So habe ich als Kind Projekte mit der Behinderteninstitution realisiert und gleichzeitig bin ich Projekte mit dem Behindertenverein angegangen. Während meiner Kindheit und Jugend war das nie ein Widerspruch, da sich beide Strukturen ergänzt haben. Aktuell gab es aber so etwas wie eine Spaltung in der Behindertenwelt, da sich eine Seite auf das schwedische Modell des autonomen Wohnens beruft und die andere eher den Status quo verkörpert. Bis vor Kurzem schien es mir klar, dass der Trend in Richtung autonomes Wohnen ging.
Deshalb habe ich mich auch privat sehr stark mit dem Thema auseinandergesetzt. Beruflich verfolge ich schon länger das Ziel, in den Journalismus zu gehen. Meine journalistischen Projekte habe ich mithilfe der unterschiedlichen Vereine der Behindertenwelt aufgegleist, die mehr oder weniger alle für den Aufbruch stehen und das autonome Wohnen propagieren. Auf der Seite der festen Institutionen allerdings ist der Zweifel an dieser Haltung gross. Als journalistisch denkender Mensch müsste ich diese Auseinandersetzung äusserst interessant finden und diese schlicht und einfach weiter beobachten und mir die Frage stellen: Welche Haltung setzt sich auf welche Art durch?
Nun bin ich aber auch direkt Betroffener und sehe mich gezwungen, für mein Privatleben eine Entscheidung zu treffen. Ich gehe davon aus, dass der Trend, weg aus den Institutionen, hin zu den eigenständig geführten Haushalten, anhalten wird. Wirklich? Denn nun hat ja ein neuer Akteur Namens Corona die Bühne des Lebens betreten. Hält der Trend, den ich zu spüren glaube, weiter an oder wird das Sicherheitsbedürfnis meines Umfeldes weiter anhalten? Nachdem die Schweiz ein erstes Mal coronabedingt kollektiv auf den Pausenknopf gedrückt hat, kommt nun wieder Leben in das persönliche Umfeld und somit auch in jede persönliche Situation. Wie soll ich mich nun entscheiden? Ich bin gerne Trendsetter und würde den Weg raus in die Eigenständigkeit wagen. Doch ist dies nur halb so schön, wenn dieses Umdenken nur bei mir und ein paar wenigen Individualisten einsetzt und nicht bei einer grösseren Menge an Behinderten und Pädagogen. Die Behindertenwelt wäre eigentlich zu klein, um solche ideologischen Richtungskämpfe zu führen, da wir gegenüber Dritten, also auch in dieser Zeitung, mit einer Stimme sprechen könnten.
Dieser Wunsch dürfte jedoch ein Wunsch bleiben, da die Behindertenwelt mittlerweile genauso divers ist wie der Rest der menschlichen Ansichten. Was natürlich im Sinne der Integration auch zu begrüssen ist. Für mich bleibt jedoch die Frage, soll ich den Schritt wagen oder nicht? Und somit hat dieser Text das, was ich nie schreiben wollte, nämlich ein offenes Ende.

Michael Küng

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