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Erich Schön segelt bis heute hart am Wind

Di, 23. Feb. 2021

Auf dem Wasser ist Erich Schön im Element. Er hat schon die Weltmeere durchsegelt und an zahlreichen Regatten teilgenommen

Ein Leben ohne Segeln kann sich Erich Schön (83) nicht vorstellen. In rund einem Monat wird er sein Segelschiff wieder fit für die neue Segelsaison machen. Wenn er mit einer leichten Brise über den Neuenburgersee fährt, bedeutet das für ihn Glück pur.

Auch heftige Sturmböen können ihn nicht aus der Ruhe bringen. Richtiges Handeln und immer einen Plan B in der Tasche, bewahrten ihn vor kritischen Situationen beim Segeln. Erich Schön ist am Wasser aufgewachsen und mit Schiffen grossgeworden. Seine Eltern betrieben einen Ruderbootsverleih am Zürichsee. Zum Segeln kam er mit 30 Jahren. Dieser Leidenschaft ist er bis heute treu geblieben. Segelte er früher über die Weltmeere, so ist er heute mit seinem Segelboot auf dem Neuenburgersee anzutreffen. «Die Dulcinea ist meine heimliche Geliebte», sagt er lachend. Dies sieht seine Frau Elisabeth Schön (85) gelassen. Sie teilte bis vor zwei Jahren die Segelleidenschaft ihres Mannes. Aus gesundheitlichen Gründen muss sie heute darauf verzichten. Früher war sie immer mit von der Partie. Zuerst mit dem Ruderboot auf dem Zürichsee, später mit dem Segelschiff auf verschiedenen Seen der Schweiz und auf dem Mittelmeer. «Mit ihr war das Segelschiff ein Fünfsternehotel», sagt Schön. «Ohne sie ist es ein Dreisternehotel geworden.»

Segelschiff mit Lkw gekauft
Sein Segelschiff ist ausgewassert. So kann er es während den Wintermonaten in Schuss halten. Als er das Boot 1982 erstand, kam es im Doppelpack, mit einem Lkw, der extra für den Tiefgang des Schiffes umgebaut worden war. Per Zufall bekam er den Tipp von einem Arbeitskollegen. Der frühere Besitzer war in die USA ausgewandert. Der Preis jedoch war zu hoch für Schön, den Zuschlag erhielt ein anderer. Dieser trat aber wenig später vom Vertrag zurück. «Sehr wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass das Schiff in keinem guten Zustand war», sagt er. Schön gab ein deutlich tieferes Gebot ab. Und siehe da, der Besitzer akzeptierte den Preis.
So wurde Schön stolzer Besitzer eines hochseetauglichen Segelschiffes. Beides wurde im Winter hinter seinem Haus in Stetten geparkt. Dort führte er nicht nur die Unterhaltsarbeiten aus, sondern es wurden zuweilen auch Feste gefeiert.

Unterhaltsarbeiten selbst ausführen
An seine Schiffe legt Schön immer selbst Hand an. Das war auch schon bei seinem ersten Ruderboot so. Dieses besass er, bevor er sich ein Auto leistete. Darin wurden auch seine Frau und später seine zwei Söhne über den Zürichsee gerudert. Die Ausflüge am Wochenende auf dem Wasser, inklusive Badevergnügen, waren fester Bestandteil der Familie.
Bereits damals träumte er von einem eigenen Segelschiff. Da dies damals ein reiner Luxus war, hiess es sich gedulden. Mit 30 erfüllte er sich den Wunsch mit einer Jolle auf dem Hallwilersee. Viele Jahre fuhr er damit Regatten. Die Auszeichnungen im Haus zeugen von der erfolgreichen Zeit. Viele Siege wurden eingefahren, auch drei Schweizermeistertitel in der Klasse Rafal 600. Er erinnert sich noch gut, als sie den ersten Sieg einfuhren und über die imaginäre Ziellinie fuhren. «Ich sah wie das Gewehr mit einer riesigen Patrone geladen wurde. Als der Schuss ertönte, wussten wir, dass wir gewonnen haben», sagt er. Demnächst wird Sohn André zusammen mit einem Kollegen die Dulcinea übernehmen. Und Schön kann ohne Verpflichtung weitersegeln.

Sechs Monate auf See gelebt
Höhepunkte in seiner Segelkarriere war ein halbjähriger Segeltörn mit seiner Frau und dem jüngeren Sohn auf dem Mittelmeer. Sie fuhren mit dem Lkw und dem Schiff nach Ravenna, wo sie einwasserten. Die Fahrt ging der Küste entlang Richtung Türkei und wieder zurück. Heikle Situationen habe er während dem Trip nie erlebt. Heftige Winde mit Windstärke bis zu 11 Beaufort schon. Vor Korfu konnten sie so «fliegendes Wasser» sehen, durch den starken Wind in die Luft gewirbeltes Wasser.
Schön weiss Risiken einzuschätzen. Ist der Wind zu stark, heisst es, das Hauptsegel einholen und mit reduzierter Fläche segeln. Herausfordernd sei, bei starkem Wind, einen Hafen anzulaufen. Klappt es nicht beim ersten Mal, steuert er, bis der Sturm vorbei ist, auch einen ihm nicht zugeteilten Standplatz an. Noch während seiner Arbeit als Prüfungsexperte für Fahrprüfungen und Wageninspektionen beim Strassenverkehrsamt erfüllte sich Schön den Wunsch von einer Atlantiküberquerung. Mit vier Kollegen segelte er 1994 in 21 Tagen über den Atlantik. Davon berichtete Schön im «Reussbote». Er war für die Technik und für die Navigation mit dem Sextanten zuständig.

Unter Mordverdacht geraten
Erich Schön kann auf ein ausgefülltes und teils abenteuerliches Berufsleben zurückblicken. Sein Kindheitstraum war, auf den Weltmeeren zur See zu fahren. Deshalb absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser. Einen Strich durch seine Berufspläne machte eine Teil-Farbenblindheit. Seine Leidenschaft für die Seefahrt musste er deshalb künftig als Hobby betreiben. Er arbeitete jahrelang im Aussendienst für verschiedene Nutzfahrzeugbetriebe. Ihm setzte dabei zu, dass er Pendenzen nie abarbeiten konnte und zu wenig Zeit für sein Hobby, das Bootfahren, hatte. 1971 wechselte er zum Kanton. Er wurde Experte für Fahrprüfungen und nahm auch Inspektionen an Fahrzeugen und an Schiffen vor. Ohne Zwischentöne lief sein Berufsleben nicht ab. Als er Werkstattchef in einer Garage in Würenlos war, kamen unverhofft zwei Kriminalbeamte bei ihm vorbei und befragten ihn zu einem Mord an einer Zürcher Prostituierten. Er stünde im Adressbuch des Zuhälters, liessen sie verlauten. Das Kreuzverhör dauerte an, bis sein Kollege dazu stiess und die Sachlage aufklärte. Der Zuhälter war ein Bekannter seines Kollegen und betrieb auch einen Autohandel. Als Schön ein Auto suchte, gab sein Kollege diesem seine Adresse an. Die Erleichterung war bei Schön gross.
Als Experte bei Fahrprüfungen, fiel es ihm zu Beginn nicht immer leicht, auch Prüflinge durchfallen zu lassen. Einige erzählten ihm zuweilen während der Prüfung ihre ganze Lebensgeschichte. Mit der Zeit, konnte er das aber immer besser verarbeiten. Dass nicht alle mit einem Negativbescheid klarkamen, musste er hautnah erleben. Als er an einem Morgen von Stetten Richtung Mellingen unterwegs war, hielt er an, um einen Anhalter mitzunehmen. Der junge Mann nahm auf dem Rücksitz Platz, da der Beifahrersitz mit Akten belegt war. Plötzlich spürte Schön den kalten Lauf einer Pistole im Nacken. Der Mann war ein durchgefallener Prüfling. Er forderte 600 Franken Schadenersatz. Da Schön das Geld nicht dabei hatte und auch glaubhaft versichern konnte zu Hause ebenfalls nicht so viel Geld zu haben, flüchtete der Mann in den nahe gelegenen Wald. Dank den Aktenaufzeichnungen konnte er später den Mann identifizieren. Es handelte sich um den Sohn eines Polizisten. Er wurde in Baden verurteilt. Trotzdem hatte Schön eine Zeitlang Angst vor weiteren Bedrohungen.

Uhren aus Schiffsteilen angefertigt
Erich Schön erledigt alle Unterhaltsarbeiten, vom Anstrich bis zur Revision des Motors, selbst. Er versteht es aber auch aus ausgedienten Schiffsteilen Dekoartikel für sein Haus in Stetten zu fertigen. Über der Garage ist ein altes Steuerruder zu sehen. Schön rettete dieses vor der Entsorgung und restaurierte es. Als Beeteinfassung dient ein Stahlträger eines ausgedienten Schiffsrumpfs. Diesen entdeckte er bei einer Inspektion als Schiffskontrolleur. Er sollte ebenfalls entsorgt werden. Er nahm ihn mit nach Hause und wollte ihn zu einem Gartenhaus umbauen. Von dieser Idee war seine Frau gar nicht begeistert. Kurzerhand entschloss er sich für einen Plan B. Er zersägte den Rumpf in Einzelteile und stellte verschiedene Uhrengehäuse her. Sie zieren seitdem sein Wohnzimmer.

«Vendée Globe» weckte Erinnerung
Ein wenig gekitzelt hat es ihn schon, als er die kürzlich stattgefundene Vendée Globe am TV verfolgte. Das sei nicht mit herkömmlichem Segeln zu vergleichen, sondern Extremsport. Als er nach seiner Pensionierung 1994 21 Tage auf der Atlantiküberquerung war, sei nur gleich gewesen, dass es keine Dusche gab. «Wir wuschen uns täglich mit Meerwasser», sagt er. Sturm und schlechtes Wetter erlebte er damals nicht, neun Meter hohe Wellen aber schon. Herausfordernd war das Navigieren. Er musste auf dem Wellenkamm innert weniger Sekunden die Koordinaten mittels Sextanten bestimmen.
Heute geht er es gemütlicher an. Wo er früher noch bei Sturmwarnung hinausfuhr, liebt er es heute, frühmorgens die Segel bei leichter Brise zu setzen und über den Neuenburgersee zu segeln. Wenn er mit einer Tasse Kaffee in der Hand das leise Plätschern unter dem Kiel hört, bedeutet das für ihn reine Glückseligkeit.

Debora Gattlen

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