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Sein Herz brennt für seinen Job

Di, 18. Mai. 2021

Ein Brandermittler erzählt, worauf es in seinem Beruf ankommt und was er schon erlebt hat

Valentin Schmid, seit 30 Jahren Polizist und seit 14 Jahren Brandermittler, ist von der Spurensuche immer wieder aufs Neue fasziniert. Ausserdem hat der ehemalige Vize-Kommandant einer Feuerwehr als Brandermittler der Kantonspolizei sein Hobby zum Beruf gemacht.

Die Brandermittlung der Kantonspolizei Aargau ist der Kriminaltechnik angegliedert. Valentin Schmid hat Pikettdienst im Büro des Polizeikommandos in Aarau und trägt Hemd und Jeans. Er und seine vier Kollegen (im Team arbeitete nur einmal eine Frau) sind in zivil, ziehen erst Feuerwehrhelm und -stiefel sowie die Brandschutzjacke mit der Aufschrift «Polizei» über, wenn sie am Brandort eintreffen. Im Schnitt kommt das ungefähr drei Mal pro Woche vor, sagt der Ex-Feuerwehrmann: «Rund 220-mal pro Jahr machen wir uns auf den Weg, um eine Brandstelle das erste Mal zu untersuchen.» Natürlich sind danach noch weitere Ausrückungen nötig, um einen Fall eingehend zu untersuchen. Diese sind in dieser Zahl nicht enthalten.

Jederzeit einsatzbereit
Den Pikettdienst teilen sich die Mitglieder des Teams so auf, dass rund um die Uhr jemand erreichbar ist. Rund 650 Brandereignisse werden von ihnen pro Jahr registriert. Aber nicht zu jedem müssen die Brandermittler ausrücken, da es auch eindeutige Ursachen für Brände gibt. Zudem können auch die Front-Polizisten in eigener Regie Brandfälle bearbeiten.
Das Gespräch wird das erste Mal unterbrochen: Eine Polizeipatrouille ist gerade an einem Wiesenbrand und benötigt Instruktionen, wie man Asche entsorgen muss. Das ist so ein Fall. «Wir unterstützen die Uniformpolizei per Telefon, anstatt selbst hinzufahren», erklärt Schmid. Dennoch wird so ein Brand registriert.

Brände, die im Gedächtnis bleiben
Dem Team gehören Mitarbeiter aus verschiedenen Branchen an. Handwerkliches Geschick, technisches Verständnis sind gute Voraussetzungen. Hat man zusätzlich Feuerwehrerfahrung hat dies den Vorteil, dass man am Tatort die Arbeit der Feuerwehr besser versteht. «Wir sprechen dieselbe Sprache», nennt er das. Obwohl Brände zu seinem Alltag gehören, gibt es solche, die ihm auf ewig im Gedächtnis bleiben. Zum Beispiel der Grossbrand 2013 beim Campus in Windisch. Da traf er als Polizist auf Kollegen der Feuerwehr, in der er selbst mal aktiv war. Es war einer der teuersten Brände, die er erlebt hat. Die Ursache war relativ früh in den Fokus geraten: Das Feuer entzündete sich im Abfall, der im Bereich der Parkettverlegearbeiten gelagert war. Dort lagen in Leinöl getränkte Stofflappen, und es gab auch Schleifstaub. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, bei dem die Bauherrin letztendlich unterlag und wegen grober Fahrlässigkeit 3,3 Millionen Franken weniger Schadenersatz erhielt. Oder die Brandserie in Merenschwand 2019, als ein Mann fünf, mutmasslich sogar sechs Brände legte. «Wir erkannten die Brandserie früh. Es war ja schon die Zweite in diesem Dorf», erzählt Schmid. Besonders bizarr sei der Grossbrand bei einer Lebensmittelfabrik in Egliswil gewesen. «Das Feuer brach an einer Industrie-Friteuse aus», sagt Schmid. «In dieser wurden Fleischbällchen für ein grosses Möbelgeschäft hergestellt.» Auch hier konnte durch Beharrlichkeit, nach vielen Untersuchungen vor Ort, vielen Befragungen und Besichtigungen gleicher Frittiergeräte die Ursache trotz grosser Trümmerlage geklärt werden. Über die Schuld wurde jahrelang gestritten. Letztendlich sprach das Gericht den beteiligten Arbeiter, aber auch seine Vorgesetzten schuldig. Alle hätten wissen müssen, dass die Instruktionen an der Maschine mangelhaft waren man einen Sicherheitsmechanismus nicht bewusst ausschalten darf.

Die Spurensuche beginnt
Wir werden zum zweiten Mal unterbrochen. Die Meldung einer Rauchsäule geht ein. Wieder nichts Ernstes. Schmid fährt fort, von seinem Alltag zu erzählen. Wenn die Löscharbeiten fertig sind, machen die Brandermittler sich mit Schaufel und Hacke fein säuberlich an die Arbeit, tragen Schicht um Schicht ab, «das ist wie eine archäologische Ausgrabung», sagt er. Die Spurensuche beginnt. Den Experten fällt zum Beispiel verdächtige Asche oder geruchsmässig abnormer Brandschutt auf. Oder sie deuten charakteristische Veränderungen, verkohltes Holz, Spuren am Mauerwerk, Abplatzungen am Beton oder Verfärbungen an Metall. Wichtig sei, den Ort zu finden, an dem das Feuer ausgebrochen war. Dann ist schon viel gewonnen. Wichtigster Ansprechpartner vor Ort ist darum immer die Person, die den Brand entdeckt hat. Von deren Aussagen können die Profis viel entnehmen. Auch die ersten Bilder sind wertvoll: «Wir sind froh, wenn die Leute erst zu uns, nicht zur Presse rennen», meint Schmid.
Im Untersuchungsraum benutzt das Team zudem moderne Technik wie Digital 3-D-Mikroskopie oder ein Röntgengerät. «Was bei unseren Untersuchungen herauskommt, ist immer offen», erklärt der Brandermittler das Schwierige und zugleich Faszinierende an seiner Arbeit. Brandstiftung, Fahrlässigkeit, ein technischer Defekt oder ein Umwelteinfluss – diese Möglichkeiten gebe es. Die Brandursache wird dann im Eliminationsverfahren gesucht. «Im besten Fall bleibt eine mögliche Ursache übrig», sagt Schmid.
Es kann ein Marder gewesen sein, der eine elektrische Leitung anfrass, sodass es einen Kurzschluss gab. Oder ein Handwerker, der einen Nagel durchschlug. «Die Brandursache finden wir in etwa 85 Prozent der Fälle», sagt Schmid.
Täter oder Verursacher zu finden, sei hingegen nicht ihre primäre Aufgabe. Darum kümmern sich die Ermittler der Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte. Bei Brandstiftung sei es besonders schwierig, Täter ausfindig zu machen. Nur in etwa 40 Prozent der Fälle gelinge dies. Unter anderem liege dies daran, weil der Bezug zur Tat so vielfältig sein kann. Die Motive reichen von krankhaftem Verhalten bis zu bewussten Racheaktionen oder beispielsweise Versicherungsbetrügen. Ein grosser Teil des Brandermittlungsalltags ist darum eher unspektakulär: In der Zeit wo es nicht brennt, wird das Aufgenommene in Schrift und Fotodokumentationen verfasst, damit alle nicht vor Ort anwesenden Parteien trotzdem über die Fallkenntnisse verfügen können.
Nicht selten müssen die Brandermittler auch Szenarien nachstellen, die ihnen Augenzeugen genannt haben. Schmid erinnert sich noch an den Grossbrand bei einer Autoverwertung in Wohlenschwil vor elf Jahren. Eine ganze Halle fiel den Flammen zum Opfer. In dieser waren Autoteile gelagert, die dem Feuer reichlich Nahrung boten. Die Flammen loderten zeitweise über 20 Meter hoch. Das Feuer begann, als ein Mitarbeiter ein Auto ausschlachtete. Den Trennschleifer, den der Mann benutzte, fanden die Ermittler in den Trümmern. Später mussten die ursächlichen Schleifarbeiten zusammen mit der Versicherung nachgestellt werden, wie und ob überhaupt ein Funkenflug unter ähnlichen Bedingungen möglich sei.
Besonders oft weichen die Aussagen der Beteiligten bei Pfannenbränden von der Wahrheit ab, wundert sich Schmid. Oft sagen die Beteiligten, sie wären neben der Pfanne gestanden, als diese plötzlich Feuer gefangen habe. Dabei entwickeln die meisten Ölsorten minutenlang sehr viel Rauch, bevor sie brennen. «Pfannenbrände sind am schnellsten aufgeklärt», sagt Schmid. Aber jeder Fall muss einzeln betrachtet werden und ist anders. Und das macht seinen Beruf so interessant.

Stefan Böker


Brand in Fislisbach

Der Brand bei der Schreinerei «Peterhans, Schibli & Co. AG» wird derzeit weiter untersucht. Klar ist für die Ermittler, dass das Feuer an der Rückwand des betroffenen Gebäudes unter dem Vordach ausgebrochen ist. In einer Gitterbox wurden hier Entsorgungsmaterialien gelagert. Da das Areal nicht abgesperrt ist, muss auch eine externe Möglichkeit in Betracht gezogen werden.«Die Befragungen laufen weiter», sagt Valentin Schmid. (sb)

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