Das Klima und die Landwirte – wo ansetzen?
05.10.2021 Remetschwil, Region RohrdorferbergBio Suisse und FiBL zeigen auf, wie die Futterzusammensetzung oder Photovoltaik auf dem Feld das Klima beeinflussen können
Wie kann Landwirtschaft klimaneutral werden? Bio Suisse und das FiBL stellen auf dem Hof Algier Studien vor und diskutieren in einem Podium ...
Bio Suisse und FiBL zeigen auf, wie die Futterzusammensetzung oder Photovoltaik auf dem Feld das Klima beeinflussen können
Wie kann Landwirtschaft klimaneutral werden? Bio Suisse und das FiBL stellen auf dem Hof Algier Studien vor und diskutieren in einem Podium Lösungsansätze.
In der Schweiz stammen 14 Prozent aller Treibhausgasemmissionen aus der Landwirtschaft. Das ist zu viel, finden Bio Suisse und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Sie prüfen daher in einer Vorstudie, ob und wie die biologische Landwirtschaft klimaneutral werden kann.
«Wir alle wissen, dass unser Ernährungsverhalten einen Einfluss auf das Klima hat», sagte in einem Impulsreferat Knut Schmidtke, Direktor Forschung, Extension und Innovation am FiBL, vor den Medien. Er erwähnte etwa den Verzehr von tierischen Lebensmitteln oder «Food Waste». Wo aber ansetzen? Laut Schmidtke zum Beispiel bei der Reduktion des Ausstosses von Methan. Am FiBL werde untersucht, wie biologische und technologische Massnahmen diese Emmissionen um rund 30 Prozent reduzieren können. «Um den Ausstoss an Treibhausgasen bei Wiederkäuern zu reduzieren, muss die Vegetation auf klimaschonendere Pflanzen umgestellt werden.» Zudem könne die Zusammensetzung der Fütterung angepasst werden: Spitzwegerich, Leinsamen oder Kohlgewächse verringern dank ihrer Gerbstoffe den Methan-Ausstoss bei Wiederkäuern.
Nötig seien aber auch andere Kompensationsleistungen, betonte Knut Schmidtke. Er sprach von Agroforstsystemen, die Kohlenstoffe speichern, oder von Agri-Photovoltaik-Anlagen. Bei letzteren handelt es sich um Photovoltaik-Anlagen, die im Feld platziert auf einer Hektare rund 600 Kilowatt Strom erzeugen können. Unter diesen Anlagen kann Gemüse angebaut werden. «Gemäss neuester Erkenntnisse wird unter diesen Anlagen sogar eine deutlich höhere Nahrungsmittelproduktion erzielt», sagt der FiBL-Forschungsdirektor. Was letztlich eine Wertschöpfung auf dem Feld und in der grünen Landschaft sein kann, müsse zunächst aber von der Gesellschaft akzeptiert werden: Ein solcher Lösungsansatz, ist sich Schmidtke bewusst, werde durchaus als radikal erlebt.
«Biolandbau muss Spass machen»
Beim anschliessenden Podiumsgespräch, moderiert von FiBL-Mediensprecherin Seraina Siragna-Kalchofner, die in Künten vor einer Woche neu in den Gemeinderat gewählt worden ist, kamen weitere Expertinnen und Experten zu Wort.
Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse, gab den Ball zunächst zurück an das Forschungsinstitut FiBL und bat um gute Fakten und Grundlagen. Wenn sich Betriebe an eine klimaneutrale Landwirtschaft wagen sollen, dürfe keine Angst mitschwingen. «Das muss Spass machen, sagte er und versprach, «dann soll es uns auch gelingen.» Veränderungen im Bereich Fütterung betrachtet Raphael Peterhans, Co-Betriebsleiter beim Agrino-Biohof Algier, als gangbaren Weg. Er begrüsst denn auch den Austausch mit der Forschung. Dass die Nachfrage an Bio-Produkten mehr als nur ein Trend sei, betonte Salome Hofer, Leiterin Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik bei Coop. Es werde aber auch künftig Konsumentinnen und Komsumenten geben, die auf den Preis achten müssten. Der Detailhändler lege den Fokus auf die Information und die Sortimentsgestaltung; die Erziehung der Konsumenten zähle nicht zu den Aufgaben des Unternehmens.
Die kritische Note kam schliesslich von Eva Wyss, Projektleiterin Landwirtschaft WWF Schweiz. Sie erachtet die erwähnten Vorschläge zwar «als total zielführend». Hochwasser in Europa und Brände weltweit hätten diesen Sommer aber gezeigt, dass ein systemischer Ansatz nötig sei. Dort sehe sie auch den grössten Handlungsbedarf. Schmidtke gab ihr recht: «Wenn wir jetzt nicht reagieren, werden uns Klimafolgeschäden unglaublich viel kosten.» Auch deshalb sei es nötig einen Mehrwert über das Produkt zu erreichen. Die jüngere Generation, die sich zunehmend vegetarisch und vegan ernährt, sieht er als Hoffnungsträger.
Aspekte wie Ernährungssicherheit, Selbstversorgung, Konsumverhalten und Ernährungsumstellung, auch innovative Ansätze im Grünland, wo Roboter Kräuter ernten und anschliessend Wiederkäuer weiden könnten, wurden diskutiert. Einig aber waren sich alle: Das Ziel «Klimaneutralität in der Landwirtschaft» muss die Gesellschaft gemeinsam anstreben. Die Phase, in welcher einzelne Akteure die Klimaherausforderung angehen, ist vorbei.
Heidi Hess


