Ihre Ferienkinder nannten sie stets Oma und Opa
15.10.2021 Niederrohrdorf, Region RohrdorferbergEs fing alles mit einem französischen Ferienbub an. Irma und Toni Merki boten während vielen Jahren Kindern aus Deutschland und Frankreich eine Auszeit aus ihrem Alltag. Sie waren fester Bestandteil der Familie.
Das war ein so herziger und lieber Bueb», sagen ...
Es fing alles mit einem französischen Ferienbub an. Irma und Toni Merki boten während vielen Jahren Kindern aus Deutschland und Frankreich eine Auszeit aus ihrem Alltag. Sie waren fester Bestandteil der Familie.
Das war ein so herziger und lieber Bueb», sagen Toni und Irma Merki über ihr erstes Ferienkind. Farid war gerade einmal vier Jahre alt, als er das erste Mal kam. Er begleitete Toni Merki tagsüber auf dem Bauernhof und Irma Merki las ihm jeweils vor dem Zubettgehen eine Geschichte vor und sang für ihn «Ich ghöre es Glöggli». «Farid hat auf seine Weise, auf Französisch, mitgesungen», sagt Toni Merki. Als der Knabe im nächsten Jahr wiederkam, nahm ihn Irma Merki kurzerhand auch mit in die Skiferien. Toni Merki schaute während dieser Zeit zu Hause auf den Betrieb. Für Farid wurde Oberrohrdorf zu seiner zweiten Heimat. Er kam gleich mehrere Jahre hintereinander. Mit der Zeit kamen auch seine Brüder mit. «Es waren besondere Typen», erinnert sich Merki. Nach dem Essen mussten sie jeweils beim Abtrocknen helfen. Danach gingen die erst 12- und 13-jährigen Teenager jeweils auf die Terrasse und rauchten. Doch die Merkis mussten sie auch im Auge behalten, wenn sie auf Besuch gingen. So tauchte eine beim Nachbar vermisste alte Hunderternote vor der Abreise im Schuh des Ältesten wieder auf. Auch nach diesem Vorfall liessen die Merkis nicht von ihrem Engagement ab. «Da die Buben aus ärmlichen Verhältnissen stammten, waren sie es gewohnt, sich das eine oder andere zu organisieren», sagt Toni Merki. Zu Farid hatten sie immer ein gutes Verhältnis. Die Schwester von Irma Merki besuchte seine Familie in Paris.
Kein Weihnachten ohne Kinder
Für Irma und Toni Merki war es selbstverständlich, dass sie über Weihnachten Ferienkinder aus Berlin für vier bis sechs Wochen bei sich aufnahmen. Ein Weihnachten ohne Kinder, wäre für sie nicht das gleiche gewesen. Für diese Zeit boten sie Kindern aus nicht so gut situierten Verhältnissen eine glückliche Auszeit. Heimweh hatte nur ein einziger Bub nach der Ankunft. Bereits nach zwei Tagen genoss aber auch er, zusammen mit seiner Schwester, die Ferien hoch über dem Reusstal.
Die Merkis nahmen aber nicht nur über Weihnachten Kinder aus Berlin auf. Während den Sommerferien kamen jeweils Ferienkinder aus Frankreich. Gut erinnern sie sich auch an Evrard. Als er zum zweiten Mal kam, war er richtig in die Höhe geschossen. Es wurde vereinbart, dass seine Mutter und Schwester während seiner Ferienzeit zu den Merkis auf Besuch kommen können. «Ich habe ihnen erklärt, dass sie anrufen sollen, wenn sie in Baden sind», erzählt Irma Merki. «Wir würden sie dann dort abholen.» Sie staunte nicht schlecht. Der Anruf kam. Aber nicht aus Baden, sondern aus Baden-Baden. Die Anreise verzögerte sich dadurch etwas. Danach genossen aber auch die verspäteten Besucher eine Woche Ferien bei den Merkis.
Guetzli und Weihnachtsbaum
Viele der Ferienkinder schrieben unter dem Jahr Karten. «Opa, was machen die Schweine?», schrieb klein Dennys. Der Ferienbub fragte bereits bei seiner Abreise, ob er nächstes Jahr wiederkommen könne. Und er durfte. Das erste, was er bei seiner Ankunft auf dem Bahnhof in Aarau zu den Merkis sagte: «Hallo Oma, hallo Opa. Wann darf ich mit dir die Schweine füttern gehen?» Als er im Januar nach Hause fuhr, fragte er, ob er zusätzlich auch im Sommer kommen dürfe. Und er durfte. Und das, obwohl während den Sommerferien immer der Franzosenbub Evrard da war. Drei Wochen vor der Anreise kam die verzweifelte telefonische Anfrage aus Berlin, ob der Bruder auch kommen könne, da dieser noch keinen Ferienplatz habe. Die Merkis zögerten. Drei Buben, das wäre wohl doch zu viel. Das schlechte Gewissen blieb. Eine Woche später kam erneut ein Anruf aus Berlin. Der Bruder hatte immer noch keinen Platz. Nun sagten die Merkis ohne nochmals zu überlegen zu. Zuerst kam Evrard in Brugg an. Ein Begleitbrief im Gepäck. Seine Ersatzgrosseltern sollen mit ihm bitte Rechnen üben. Einen Tag später kamen die Berliner Jungs in Aarau an. Und klein Denny sagte trotz langer Fahrt und Müdigkeit: «Opa, können wir nachher die Schweine füttern gehen?» Während dieser Zeit, begleiten Toni Merki auf Schritt und Tritt die drei Jungs. Verständigungsschwierigkeiten untereinander hatten die drei nicht. Sie verstanden sich bestens. Die Berliner Brüder kamen beide wieder zu Weihnachten. Acht Jahre später kam eine Postkarte aus Berlin: «Liebe Oma, lieber Opa, wie gehd es euch? Leider werden wir diese Jar nich zu euch kommen an Weihnachten, weil wir hir bei Uwe bleiben. Wie geht es den Tieren? Hoffentlich seit teswegen nichtdraurig. Liebe grüsse von Beny und Dennys.»
Sag niemals nie zu Ferienkindern
War es nun also für die Merkis 2008 an der Zeit mit den Ferienkindern aufzuhören? Etwas später flatterte ein Brief von der Organisation, von der sie die beiden Berliner Buben jeweils vermittelt bekamen. Darauf stand: Nehmen Sie über die Weihnachten ein oder zwei Kinder auf? Zutreffendes bitte ankreuzen. Nach kurzem überlegen, ob es wegen des Alters nicht angenehmer sei, ohne Kinder Weihnachten zu feiern, sagte sie zu. Dieses Mal sollte es aber ein Mädchen sein. Zwei Tage später kam die telefonische Anfrage, ob es nicht auch zwei Buben sein dürfen. Feliciano 9-jährig und Cheverney 8-jährig standen kurz vor Weihnachten am Perron 4 in Aarau. Die Merkis liessen es sich nicht nehmen auf dem Heimweg vorbei am weihnachtlich beleuchteten Mammutbaum, es war damals der grösste Weihnachtsbaum in der Region, zu fahren. Die Buben waren beeindruckt. Die beiden fühlten sich sofort bei den Merkis zu Hause. Sie waren erneut wieder zu Oma und Opa geworden. Natürlich wurden auch Geschenke für die Jungs besorgt. So lagen ein ferngesteuertes Auto und ein Fernglas unter dem Weihnachtsbaum. Die Merkis überraschte es aber, dass nicht die Geschenke, sondern das gute Essen, die selbstgebackenen Weihnachtsguetzli, der Weihnachtsbaum und die -lieder die Buben erfreute. Während der ganzen Ferienzeit zündete Merki jeden Abend beim Eindunkeln die Kerzen des Weihnachtsbaums an und es wurden zusammen Lieder gesungen. Am 12. Januar stiegen die beiden Brüder wieder in den Zug. Mit ihnen ging auch ein Stück von Merkis mit. Auch heute erinnern sie sich gerne an die Zeit. Die Ferienbuben haben immer noch einen Platz in ihrem Herzen.
Kinder nach Ferienkindern adoptiert
Der Abschied, wenn die Ferienkinder wieder nach Hause fuhren, tat den Merkis jeweils weh. Dem Paar blieben eigene Kinder verwehrt. Sie wollten Kindern langfristig ein Zuhause geben. So adoptierten sie Sri Maria (damals 6 Monate) und Christian Anton (damals 2 Jahre). Sie holten beide in Indonesien ab. Die beiden Kinder wuchsen behütet bei den Merkis auf. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, dass jeweils auch Ferienkinder kamen. Das Pflegekind Mario machte das Familienglück komplett. Die Merkis adoptierten ihn mit 12 Jahren. Zu ihren Kindern und Enkeln pflegen sie eine gute Beziehung. Wie wurden ihre Kinder im Dorf aufgenommen? «Christian hat mir später einmal erzählt, dass er in der Schule ‹Mohrenkopf› genannt wurde», sagt Toni Merki. Das sei wohl die Quittung für die meist dunkelhäutigen Ferienkinder aus Frankreich gewesen.
Pfarrer begrüsste Bub in der Messe
Fremdenhass haben die Ferienkinder selbst nicht erlebt. So hätte der Pfarrer immer speziell den französischen Ferienbub in der Messe begrüsst. Mehr Gegenwind verspürte Toni Merki bei den Asylanten. Als er Gemeinderat und später Gemeindeammann war, waren bei ihnen in der unteren Wohnung jeweils drei Männer untergebracht. Er schämte sich, als die Polizei eine Razzia durchführte. «Sie haben alle Schubladen rausgerissen und durchwühlt. Die Männer haben mir nachher gesagt, dass das für sie kein Problem ist.» So willkommen die Asylanten bei den Merkis waren, waren sie nicht bei allen im Dorf. Als es um eine neue Asylunterkunft in der Gemeinde ging, sagte ein Anwesender: «Wir haben Angst vor diesen Menschen Herr Merki.» Merki entgegnete: «Wir haben drei Asylanten bei uns und ich habe keine Angst. Sicherlich machen sie auch im Ausland Ferien. Und da fürchten sie sich auch nicht.» Die Merkis hatten immer gute Erfahrungen mit ihren ausländischen Kindern, aber auch mit Asylanten gemacht. Einer besucht sie auch heute noch. Er wohnt heute mit seiner Familie in der Region. Irma und Toni Merki möchten die Zeit und die Begegnungen mit den Kindern und Erwachsenen nicht missen. Sie werden immer in ihrem Herzen bleiben.
Debora Gattlen




