Auch Reusstal ist Testfeld der Moderne

Fr, 12. Nov. 2021

Im Projekt Zeitgeschichte Aargau untersucht ein Forscherteam den Aargau zwischen 1950 und 2000

Morgen ist Buchvernissage: Gefeiert wird das Erscheinen des vierten Bandes der Aargauer Kantonsgeschichte.

Ein Buch, ein Dokumentarfilm und eine Ausstellung im Stadtmuseum Aarau, das ist das Ergebnis von vier Jahren Forschungsarbeit im Rahmen des Projekts Zeitgeschichte Aargau. Als erster Kanton hat der Aargau seine jüngere Zeitgeschichte aufgearbeitet. Herzstück dieser Forschungsarbeit ist der vierte Band der Kantonsgeschichte, den die Historische Gesellschaft des Kantons Aargau in Auftrag gegeben hat. 625 Seiten mit fast ebenso vielen Bildern, unterteilt in die Hauptkapitel Raum und Mensch, Staat und Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag sowie Kunst und Kultur. «Fünf Pfund. Schwer wie ein Baby», lacht Patrick Zehnder, Historiker aus Birmenstorf. Es sei schon ein besonderes Gefühl gewesen, dieses Buch nach jahrelanger Arbeit endlich in den Händen zu halten. Morgen wird es getauft, an der Buchvernissage in Aarau. Ab Montag ist der jüngste Band der Kantonsgeschichte im Buchhandel erhältlich (Verlag Hier und Jetzt, 59 Franken).
Gemeinsam mit Fabian Furter ist Zehnder Leiter des Forschungsprojektes Zeitgeschichte Aargau. Beide sind auch Herausgeber und Mitautoren des umfangreichen Geschichtswerkes. Bevor man sich in die Lektüre vertieft, darf man getrost einfach mal darin blättern. Alleine die vielen Bilder lassen einen in die Geschehnisse der letzten fünf Jahrzehnte eintauchen. Da findet man neuartige Formen des Protests gegen das AKW in Kaiseraugst oder städtebauliche Experimente im Aarauer Telliquartier. Man entdeckt aber auch die Siedlung Neugrüen in Mellingen, die erste Aargauer Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi, Frauen bei einer Arbeitspause im Rebberg von Birmenstorf, eine Diplomfeier an der Pflegeschule Gnadenthal oder die Denner-Verteilzentrale in Mägenwil.
Zwei zentrale Thesen stehen im Zentrum des Forschungsprojektes. Die Schweiz im Kleinen, so kann der Aargau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstanden werden. Und er erweist sich auch als eine Art Testfeld der Moderne. Im Reusstal, zum Beispiel in Birmenstorf, wo sich Anfang der 1970er-Jahre eine Hippie-Kommune niederlässt, die im Kapitel «Arbeitsgemeinschaft Lovecraft als Experiment» beschrieben wird. Ein Testfeld insofern, weil dort «neue Arten der Zusammenarbeit, des Zusammenlebens oder der Ernährung ausprobiert wurden, auch neue Arten von bewusstseinerweiternden Stoffen», wie Historiker Zehnder erklärt.
Beendet ist das Projekt Zeitgeschichte noch nicht. Kleinere Projekte sind geplant, weitere Gespräche mit Zeitzeugen (zeitgeschichte-aargau.ch) und bis 2023 auch ein Geschichtsmagazin als illustriertes Überblickswerk.
Einen begehbaren Bilderkosmos mit Pressebildern aus dem Ringier-Bildarchiv zeigt das Stadtmuseum Aarau ab dem 14. November. Zu sehen ist dann auch der Dokumentarfilm «Stromland» mit zeitgeschichtlichen Episoden aus dem Wasserkanton.

Heidi Hess

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