Hohler: «… I glaub, i blybe z Mellige»

Di, 09. Nov. 2021

50 Jahre literarisches Schaffen – Ein Spaziergang durch Franz Hohlers Gesamtwerk

Mit einem Reim rund um einen alten Kranich, verfasst von leichter Hand, erobert Autor und Kabarettist Franz Hohler in der Aula in Mellingen die Herzen des Publikums.

Als er zum Schluss einen kurzen Reim über den Kranich Morf vortrug, hatte Franz Hohler wohl alle Herzen in der Aula gewonnen. Nicht, dass er im Saal irgendjemanden hätte erobern oder von seinem Können überzeugen müssen. Wer an diesem Abend das Haus verlassen hatte, um einen der beliebtesten Schweizer Schriftsteller, Kabarettisten und Liedermacher live zu erleben, der hatte ein Ziel. An die hundert Frauen und Männer waren gekommen, weil sie sich zum Beispiel das «Totemügerli» erhofft hatten. Natürlich bekamen sie es. Und noch viel mehr.

Göttin Corona – neu im Repertoire
Hohler nämlich spazierte an diesem Abend, zu welchem die Bibliotheken Mellingen und Niederwil, sowie die Frauengemeinschaft Niederwil und das Kulturlokal Tradinoi eingeladen hatten, «durch sein Gesamtwerk». Er erzählte – ganz neu im Repertoire – von der Göttin Corona, der es in der Schweiz so gut gefalle, weil man mit dem Spritzen in Verzug sei. Hintergründig, mit viel Humor und wortgewaltig. Er erzählte auch eine etwas andere Schöpfungsgeschichte rund um eine Kiste Erbsen. Oder vom Teufel als Autostopper, der von einem Langhaarigen mit sanften Augen mitgenommen wird. Gemeinsam machen sich die beiden auf nach Rom, um «den Papst zu erschrecken». Weil der, wie der Fahrer sagt, «doch schon lange nicht mehr an mich glaubt.» Es sind kurze Geschichten mit überraschenden Pointen: Gemeinsam seien sie stärker. «Beide lachten, und Jesus gab Gas», lässt Hohler die Autostopp-Geschichte enden.
Sein Gesamtwerk ist umfangreich. Da sind unzählige Kindergeschichten, etwa «Made in Hong Kong», die in Lesebüchern von Drittklässlern Pflichtlektüre wurden. Geschichten, die dem Autor nicht nur viele Kinderbriefe bescheren, sondern die Mädchen und Buben auch zu eigenen, fantasievollen Geschichten inspirieren.

Die Welt in jedem Dorf
Da sind natürlich die politischen Geschichten, die nachdenklich machen. Den «Weltuntergang» etwa habe er geschrieben, sagte Hohler, nachdem der «Club of Rome» in den 1970er-Jahren Zahlen und Fakten, die globale Veränderungen prophezeien, veröffentlicht hatte. Hohler nahm die Thematik auf und liess zunächst lediglich einen kleinen Käfer auf einer Südseeinsel verschwinden. Dann aber folgt eine lange Kette, Glied um Glied bis der Meeresspiegel steigt. Bereits 1973 war sich Hohler sicher: «...der Weltuntergang, meine Damen und Herren, hat schon begonnen.»
Im Blick hat Hohler die ganze Welt. Die aber sei auch in jedem Dorf, meinte er. Und schenkte dem Publikum noch eine letzte Geschichte. Er wird der Reporterin nach der Lesung erklären, den Reim habe er zuvor im Zug notiert, auf dem Weg nach Mellingen. Hier also die Zugabe: «Ein alter Kranich namens Morf, der lebt schon lang in Birmenstorf. Dort wurden jüngst die Frösche knapp, da sagte er: Ich haue ab! Ich lass mich nicht vertschalpen. Ich überquer die Alpen! Und er hob ab und flog nach Süden. Doch bald begann er zu ermüden. Tief unter sich sah er ein Stedtli. Da rief er laut: Det häre wetti. Das kenni us Erzellige. I glaub, i blybe z Mellige!»

Heidi Hess

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