Der Bub lebt seinen Traum ganz ohne Angst
03.12.2021 Mägenwil, Region ReusstalDer 12-jährige Alessandro Binder fuhr beim diesjährigen ADAC Mini Bike Cup in der Gesamtwertung auf Anhieb aufs Podest
Alessandro Binder ist erst zwölf. Aber er schaut bereits auf seine zweite Saison als Töff-Rennfahrer zurück. Auf Anhieb fuhr er beim ADAC Mini Bike ...
Der 12-jährige Alessandro Binder fuhr beim diesjährigen ADAC Mini Bike Cup in der Gesamtwertung auf Anhieb aufs Podest
Alessandro Binder ist erst zwölf. Aber er schaut bereits auf seine zweite Saison als Töff-Rennfahrer zurück. Auf Anhieb fuhr er beim ADAC Mini Bike Cup vorne mit. Nun träumt er vom nächsten Schritt. «Ale» möchte sich auf grösseren Motorrädern weiter verbessern. Wie seine weitere Karriere verlaufen wird, steht noch in den Sternen. Das hängt von vielen Faktoren ab — nicht zuletzt vom Budget.
Alessandro empfängt den Besucher an der Haustür seines Elternhauses in Mägenwil. Der Bub ist kleiner, als man das auf Grund der Fotos vermuten könnte. Er misst gerade mal 1,46 Meter und bringt aktuell 34 Kilo Körpergewicht auf die Waage. «Ale», wie ihn seine Kollegen rufen, bittet den Gast ins Wohnzimmer des schmucken Einfamilienhauses, in dem er sich neben seinen Eltern und zwei älteren Schwestern heimisch fühlt. Mit Presseleuten habe er an der Rennstrecke zwar schon zu tun gehabt. Aber ein richtiges Interview habe er einer Zeitung noch nie gegeben, sagt der Schüler und lächelt dabei etwas verlegen. «Ale» trägt Jeans und einen türkisfarbenen Kapuzenpulli. Das braunblonde Haar trägt er akkurat zur Seite gekämmt. Vater Heiko serviert Kaffee und nimmt neben seinem Sohn Platz. Nicht etwa, um dreinzureden. Mehr als moralische Unterstützung, um dem Jungen etwas die Hemmungen zu nehmen. Klar, die erste Frage gilt dem Gesundheitszustand. Alessandro Binder ist nämlich nach dem letzten Rennen in Deutschland beim Test einer 250er-KTM in voller Fahrt «abgestiegen».
Es war ein «Highsider» sagt er. Zum besseren Verständnis: Ein Highsider ist ein Sturz, bei dem sich das Motorrad zur kurvenäusseren Seite überschlägt. Er entsteht, wenn ein Motorrad in Schräglage nach einer Rutschphase wieder Grip bekommt und sich dadurch ruckartig aufrichtet. Dabei wirft es den Piloten wie von einem Katapult geschleudert ab. Dabei zog sich der Mägenwiler Junior einige Blessuren zu. Eine davon wurde nach der Heimkehr im Kantonsspital Baden als Milzriss diagnostiziert. «Nicht weiter schlimm», meint Alessandro. «Das verheilt wieder.» Er müsse sich halt einige Wochen schonen. «Ale» sagt es wie ein alter Hase, der weiss, dass Verletzungen dazu gehören. Schliesslich ist er die halbe Saison, ohne zu klagen, mit schmerzendem Handgelenk gefahren. Trotz dieses Handicaps reichte es am Ende, nach 18 Rennen, zum überraschenden 3. Schlussrang. Eine beeindruckend konstante Leistung gegen ganz starke Konkurrenz. Insgesamt waren beim diesjährigen ADAC Mini Bike Cup 34 Fahrer aus vier Ländern eingeschrieben.
Tausende Kilometer unterwegs
Den Ärmel reingezogen hat es dem Mägenwiler Bub vor drei Jahren, nachdem er mit der Familie beim Moto GP in Mugello, sein erstes richtiges Töffrennen erlebt hatte. Von da an lag er Vater Heiko in den Ohren. Der konnte nicht wirklich Nein sagen. Er hat nämlich, wie sein Junge, Benzin im Blut. Heiko Binder fuhr in jungen Jahren selbst Rennen, hängte aber das Rennkombi zugunsten der Familie schon früh an den Nagel. Das Team Binder trat gegen ausgewachsene Teams an, gegen die sie im Grunde genommen auf verlorenem Posten standen. Die beiden fuhren mit ihrem eigens umgebauten «Rennbus» meistens schon am Donnerstagnachmittag los. Freitags war freies Training. Am Samstag stand in der Regel das Qualifying auf dem Programm, und sonntags zwei Rennläufe. Bis zu den Rennstrecken waren es nicht selten tausend Kilometer, die Vater und Sohn gemeinsam abspulten. Übernachtet haben die beiden im Bus. Das Essen wurde auf dem Gaskocher zubereitet. «Diese Erlebnisse haben uns so richtig zusammengeschweisst», sagt Heiko Binder, der für die die Leidenschaft seines Sohnes die ganzen Ferien im Geschäft hergibt. Ohne die Unterstützung der Bezirksschule in Mellingen wäre das Abenteuer aber nicht möglich gewesen. «Man muss sich schon gut benehmen und gute Noten schreiben, um so viel frei zu bekommen», sagt Alessandro dazu. Offenbar hat er sich gut benommen und die Noten waren auch gut. Jedenfalls gaben die Lehrer und das Rektorat für die rennbedingten Absenzen grünes Licht. Unterwegs auf den langen Reisen hatte «Ale» jeweils seinen Laptop dabei, mit dem er die Schulaufgaben machen konnte.
Alessandro weiss um die Gefahren
Nach seiner «Rookie»-Saison im letzten Jahr, bei dem er sein Talent ein erstes Mal aufblitzen liess, konnten sich die Binders dem Team «Hessen-Thüringen» anschliessen, von dem sie technische Unterstützung erhielten. «Ohne diese Unterstützung wären wir sicher nicht so weit gekommen», relativiert Heiko Binder seine Rolle als «Schrauber» und «Mädchen für alles». Wir sind gerade dabei, über die Gefahren im Motorrad-Rennsport zu reden. Alessandro hat den im Mai dieses Jahres tödlich verunglückten Jason Dupasquier gekannt. Der 19-jährige Romand verunglückte bei den Qualifyings in der Moto3-Klasse der Motorrad-Weltmeisterschaft in Mugello so schwer, dass er an den Folgen des Sturzes verstarb. Dupasquier war für den Mägenwiler Youngster ein Vorbild. «Wir waren gerade in Hockenheim, als das mit Jason passiert ist», erinnert sich Heiko Binder. «Mich hat es geschüttelt, als ich die traurige Nachricht vernahm. Jason und Ale waren schon seit einiger Zeit per SMS in Kontakt. Nach solch einem Unglück macht man sich als Vater natürlich schon Gedanken.» Und Alessandro sagt, er sei sich der Gefahr durchaus bewusst. «Aber der Motorrad-Rennsport ist zu schön, um ihn deswegen aufzugeben.» Während des Gesprächs kommt Alessandros Mutter dazu und hört mit. Während den Schulferien war sie mit «Ales» beiden Schwestern an der Rennstrecke mit dabei. Wie sie sich fühlt, wenn Alessandro auf der Rennstrecke ist, darüber mag sie lieber nichts sagen.
Auf der Suche nach Sponsoren
Und wie geht es nun weiter? «Wir haben zwar einen Plan», sagt Vater Binder. «Aber wir wissen noch nicht, wie wir ihn umsetzen wollen.» Eine Wiederholung des ADAC Mini Bike Cups in Deutschland kommt eher nicht in Frage. «Ale ist zu gut, um nochmals dasselbe zu machen», sagt sein Vater.
Für Alessandro ist klar: «Ich will weiterkommen.» Er ist sich aber auch bewusst, dass er noch eine Menge lernen muss. Der gemeinsame Plan zielt in Richtung Italien. Alessandro soll sich bei professionellen Renn-Fahrlehrern weiter entwickeln. In welche Rennserie sie einsteigen wollen, ist nicht zuletzt eine Frage des Geldes. Bis jetzt haben die Binders die Kosten praktisch aus eigener Tasche bezahlt. Mit den gestiegenen Ansprüchen geht es nicht mehr ohne Sponsoren oder Geldgeber. Je nach Rennserie kostet eine Saison mit Trainings und Fahrlehrer schnell einmal 50 000 Franken. Zwar hatte das Binder-Team in diesem Jahr technische Unterstützung von Réne Dünki. Mit «Lüthi Haushaltgeräte» in Mellingen und «Go Express & Logistics» einem Logistikdienstleister der Emil Frey-Gruppe fanden sich erste Sponsoren.
Um aber eine italienische Rennserie fahren zu können, ist weitere Unterstützung notwendig. Sollte sich in der Region jemand für das Projekt von Alessandro und Heiko Binder interessieren, so findet man die Kontaktdaten über die Webseite: alessandrobinder.com.
Beat Gomes



