Familie Peterhans nimmt Abschied vom Brandhof
25.01.2022 Mellingen, Region ReusstalLetzte Woche wurde der Bauernhof an der Stetterstrasse abgerissen. Damit verschwindet ein Stück vom Reuss-Städtchen
Der Brandhof an der Stetterstrasse war das Zuhause von Sepp und Franz Peterhans. Jetzt mussten sie von ihrem Hof Abschied nehmen, wo sie viele Jahre ihres Lebens ...
Letzte Woche wurde der Bauernhof an der Stetterstrasse abgerissen. Damit verschwindet ein Stück vom Reuss-Städtchen
Der Brandhof an der Stetterstrasse war das Zuhause von Sepp und Franz Peterhans. Jetzt mussten sie von ihrem Hof Abschied nehmen, wo sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hatten. Er weicht einer Überbauung mit vier Mehrfamilienhäusern.
Sepp Peterhans steht vor dem Brandhof an der Stetterstrasse in Mellingen. Hinter ihm ein Schutt Steine. Die Ziegel des Daches sind bereits abgedeckt. Sichtbar ist der von Meisterhand gefertigte Dachstuhl. Er könnte ein Lehrstück für jeden Zimmermann in Ausbildung sein. Ein mächtiges Konstrukt. Mit diesem Haus verbindet Sepp Peterhans viele Erinnerungen. Dort verbrachte er seine Jugendzeit. Es war eine schöne, aber strenge Zeit, erinnert sich der bald 80-Jährige. «Frühmorgens mussten wir Kinder» – sie waren drei Buben und zwei Mädchen – «im Stall helfen, die Kühe zu melken.» Da hiess es früh aus den Federn zu gehen. Hin und wieder machte sich das Frühaufstehen in der Schule während dem Unterricht bemerkbar. «Auf die Bauernkinder wurde damals in der Schule noch Rücksicht genommen», erinnert sich Peterhans. Er ging beim bekannten Lehrer Alfons Isler in die Schule.
Woher der Brandhof seinen Namen hat
Der Brandhof hat seinen Namen nicht etwa vom naheliegenden Flurnamen Brand, oder weil dort einmal eine Feuersbrunst gewütet hätte. Der Name des Bauernhofes stammt vermutlich von der Familie Brand her, die den wohl aus dem 19. Jahrhundert stammenden Bauernhof im Jahre 1940 an Josef Peterhans (Vater von Sepp und Franz) und seine Frau Marie, geborene Zehnder von Müslen, verkauften. Während 39 Jahren bewirtschafteten die Eltern von Sepp und Franz Peterhans den Bauernhof an der Stetterstrasse. 1979 ging der Hof an Sohn Franz, der im gleichen Jahr die Gebäude renovierte.
Erster Motormäher
Sepp Peterhans mag sich noch gut erinnern, wie er mit den drei Freiberger-Pferden das Heu vom nahegelegenen Brandhügel in die Scheune brachte. «Unser Vater hatte als erster Bauer, damals zählte Mellingen noch eine stattliche Anzahl Bauernbetriebe, einen Motormäher.» Geblieben ist ihm auch das Schlachten von Vieh und die Metzgete. Im wunderschönen Gewölbekeller wurde das Fleisch eingelegt. Familie Peterhans hatte – wie zu dieser Zeit üblich – mehrere Kühe und drei «Freiberger». Neben Milchwirtschaft betrieb die Familie auch Ackerbau, unter anderen Weizen. «Den Strom für die Weiterverarbeitung der Ernte nahmen wir ab der Leitung vor dem Zähler», erinnert sich Sepp Peterhans. Hätten wir den Strom am Hausanschluss angezapft, wäre das Netz zusammengebrochen», lacht der Mellinger. «Einmal», so Peterhans, «hatten wir 40 Säcke Weizen à je 100 Kilogramm. Diese führten wir auf den Bahnhof. Für einen Sack erhielten wir 65 Franken. Zu dieser Zeit hätte man für 40 Franken den Weizen aus Kanada importieren können. Der Bund schützte die heimische Landwirtschaft und den Preis.» Viele Erinnerungen hat Sepp Peterhnas an den Brandhof. Es sind schöne Erinnerungen. Dass der Hof jetzt einer Überbauung weicht, sei halt der Lauf der Zeit. Peterhans erwähnt nebenbei noch die Kinder, die an der Stetterstrasse aufwuchsen. «Wir waren berüchtigt», sagt er. Halters Buben, der Rey Erwin, die Peterhans Buben und der Nydegger. «Wir waren bei der Lehrerschaft nicht die Beliebtesten, erinnert er sich.
Der Vertrag mit dem Zuchtstier
Hof mit Stall und weiteren Ökonomiegebäuden boten über viele Jahrzehnte hinweg vielen Generationen ein Einkommen. Die Familie Brand ist seit 1756 in Mellingen nachweisbar: Ein Jakob Brand wurde damals als Beisasse angenommen, das heisst, er erhielt Wohnrecht in Mellingen. Es spricht einiges dafür, dass auch er schon Landwirtschaft betrieb. Es ist aber kaum anzunehmen, dass dies schon auf diesem Brandhof geschah, denn praktisch alle Ställe und Scheunen befanden sich bis 1800 innerhalb der Stadtmauern, so Historiker Rainer Stöckli. Mit Leodegar Brand, einem Nachkommen Jakobs, schloss die Gemeinde Mellingen 1846 einen Vertrag ab: Er wurde verpflichtet, gegen eine Entschädigung, einen Zuchtstier zu halten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts stand der Zuchtstier immer im Brandhof. Zweimal beglückte der Zuchtstier eine Kuh ausserhalb des Stalls, weshalb Josef Brand wegen dieser «öffentlichen Züchterei» einen scharfen Verweis erhielt.
2009 baute Franz Peterhans gegen Holzrüti zu einen Siedlungshof mit stattlichem Ökonomiegebäude und mit einem Zweifamilienhaus. Ein Jahr später wurde das Vieh in den neuen Stallungen untergebracht. 2011 bezog die Familie das neue Wohnhaus. Seither wurde der Brandhof vermietet. Seit 2015 bewirtschaftet Gregor Peterhans, Sohn von Franz, den neuen Hof.
Benedikt Nüssli




