Ein Streit um pompöse Spitze und zu viel Seide
25.03.2022 Mellingen, Region ReusstalDer Jodelchor geht zu seinem Jubiläum auf Spurensuche und entdeckt Anekdoten, Geschichten und Rätsel rund um eine Festtagstracht
Einst war der Jodelchor eine Trachtengruppe, gegründet 1947 von vier Mellingerinnen. Für ihre Mellinger Festtagstracht ernteten sie damals ...
Der Jodelchor geht zu seinem Jubiläum auf Spurensuche und entdeckt Anekdoten, Geschichten und Rätsel rund um eine Festtagstracht
Einst war der Jodelchor eine Trachtengruppe, gegründet 1947 von vier Mellingerinnen. Für ihre Mellinger Festtagstracht ernteten sie damals viel Lob, es kam aber auch zu einem Streit.
Sie wussten, irgendwo liegt noch eine Schachtel mit alten Sachen. Monika Koch und Margrith Hübscher, Präsidentin und Vizepräsidentin des Jodelchors Mellingen, waren sich einig: «In diese Schachtel müssen wir einen Blick werfen.» Sie vermuteten Wappenscheiben und Medaillen, gefunden haben sie einen Schatz. So zumindest kam es ihnen vor, als sie alte Protokolle und Briefwechsel entdeckten. Erst recht, nachdem sie begonnen hatten, darin zu lesen.
Anna Meier und Anna Nüssli haben seit den 1940er-Jahren fein säuberlich notiert. «Die Gründungsjahre der Trachtengruppe, die später zum Jodelchor wurde, sind liebevoll aufgezeichnet, wunderschön erzählt», sagt Monika Koch. Sie sei in die Aufzeichnungen eingetaucht, als läse sie einen spannenden Roman. Bereits im ersten Buch entdeckt die Präsidentin die Reproduktion eines Aquarells von Paul Wyss, erschienen 1947 in einem Wandkalender des «Reussbote». Gemalt hat der Trachtenmaler zwei Frauen in festlicher Tracht, im Hintergrund Reuss, Iberg und Stadtkirche. Ein erster schriftlicher Eintrag findet sich 1946: «Unser Reuss-Städtchen hat endlich eine eigene Tracht. Die Mellinger staunen ...». Für Koch ist es die erste Begegnung mit der Mellinger Tracht. Zwar kennt sie die Reusstaler Festtagstracht, aber diese Entdeckung kommt ihr wie ein Geschenk vor. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn der Jodelchor Mellingen, hervorgegangen aus der Mellinger Trachtengruppe, jubiliert im Jahr 2022. Er feiert sein 75-jähriges Bestehen mit dem Jubiläumskonzert «Jodelzauber» am 31. April und am 1. Mai.
Die Mellinger Festtagstracht entsteht
Monika Koch kniet sich in Recherchen, fragt nach, klärt ab. Vieles erhellt sich mit fortschreitender Lektüre, manches bleibt im Dunkeln.
Sie lässt sich von der Begeisterung der Frauen, die 1947 die Trachtengruppe Mellingen gegründet hatten, anstecken. Laut Protokoll haben Frau Fischbach, Trachtenschneiderin aus Villmergen, und Fräulein Bernhard aus Aarau, beide in der Beratungskommission des Aargauer Trachtenverbandes, die Mellinger Tracht nach dem Vorbild der Badener Tracht entworfen. Anders als beim Badener Vorbild lassen sie den roten Samt weg, übernehmen jedoch Samthaube, gefältelten Rock, roten Unterrock und auch die reichen Stickereien. Die Stickarbeiten sollen im Kloster Hermetschwil angefertigt worden sein. Berta Gredinger und Anna Nüssli trugen die ersten Festtagstrachten, kurz darauf war auch Anna Meier stolze Besitzerin – ihre Festtagstracht ist heute im Mellinger Ortsmuseum ausgestellt. Mindestens vier solche Trachten müssen existiert haben, meint Koch. Das bezeugen historische Fotografien. Auch die vierte Vorstandsfrau, Anna Stöckli, soll eine besessen haben.
Im November 1946 bezog der Vorstand des Aargauer Trachtenverbandes Stellung: «Frau Fischbach gebührt die ganze Anerkennung für das Geschaffene.» Einstimmig wurde die Festtagstracht genehmigt, auch die einfachere Sonntagstracht sowie die Leinentracht. In Trachtenkreisen soll die Mellinger Tracht grössten Gefallen gefunden haben. Sie wird rund um Mellingen von Mägenwil bis Oberrohrdorf und von Gebenstorf bis Künten getragen. Mellingen wird zum eigentlichen «Trachtenzentrum».
Der Streit um Haube und Blümchen
Dann aber folgen jahrelange Diskussionen. Zu viel Spitze an der Haube, zu viele Blümchen auf der seidenen Schürze. Die Mellingerinnen hatten ausdrücklich um diesen Spitzenrand gebeten. Die Aargauer Trachtenkommission meinte jedoch: «Die Spitzenhaube wirkt wie ein Fremdkörper.» Wäre die Tracht ohne Stickerei, wäre eine solche Haube gerechtfertigt. «Doch bei der Mellinger Haube wirke der reich gestochene Samt schon allein genug, so dass durch die pompöse Spitze die ganze Tracht viel zu sehr aufgeputzt wirke und ihr ganzes Cachet verliere. (...) Die Kommission wolle keinesfalls gegen die Wünsche der Trachtenleute von Mellingen vorgehen, doch mit gutem Gewissen könne und dürfe sie weder die Spitze an der Haube genehmigen noch die Seidendamast-Schürzen mit Blumen-Müsterchen.» Solche Schürzen seien ein Vorrecht der Berner, deren Röcke sehr einfach gehalten seien, lautet die Begründung. Im Aargau würden Schürzen gestreift getragen.
Die Mellinger Frauen sind beharrlich. Monika Koch sagt, Protokolle und Briefe würden zwar Aufschluss geben über den Streit, die Wortwahl bleibe aber stets höflich. Besonders gefallen habe ihr, dass die Frauen sehr genau wussten, was sie wollten. 1951 schreibt der Aargauische Trachtenverband erneut an Anna Nüssli: «Nach unserem Dafürhalten ist die Haube schöner ohne irgendwelche Spitzen. (...) Sicher werden auch Sie zu dieser Auffassung kommen je mehr Trachtenstudien Sie machen.» Danach verschwinden Thema und Disput aus den Aufzeichnungen. Koch geht davon aus, dass die Frauen ihre Spitzenhauben nach Lust und Laune trugen und zwischen gestreifter und seidener Blümchenschürze abwechselten.
Von Rätseln und einem Wunsch
Manche Fragen bleiben offen: Wie wurde aus der Mellinger die Reusstaler Festtagstracht und warum derart festlich? Benedikt Nüssli, Verleger des «Reussbote» und Neffe von Anna Nüssli erinnert sich an Erzählungen seiner Tante: Für den Besuch eines Bundesrates in Mellingen soll ein besonders festlicher Auftritt der Frauen gewünscht worden sein. Wurde deshalb die Festtagstracht entworfen?
Monika Koch liess sich von Geschichte und Tracht verzaubern: Zum Jubiläum reicht es wohl nicht mehr. Aber wie die Frauen vor 75 Jahren hegt auch sie heute einen Wunsch: Sie hätte gerne eine Mellinger Festtagstracht.
Heidi Hess
D’Melliger Tracht, gar wondernett,
Jo lueged si nur a.
Es Modedämli nebetzue
Bestemmt ned lande cha.
De g’fältlet Rock, de Sammethuet,
Met Bändle hindedra,
De g’sticknig Broschtlatz, d’Schnalleschueh,
Wer wett ned Freud dra ha.
’s Ehrechleid för Mellige
Hed lang im Städtli g’fehlt!
Drom: wer en neue Rock muess ha,
Nor d’Melliger Tracht sech wählt!
Anna Meier, 1947



