Eine schlaflose Nacht unter den Kirschblüten
08.04.2022 Region ReusstalHunderte von Antifrostkerzen brennen in der Nacht von Sonntag auf Montag unter den Kirsch- und Aprikosenbäumen
Die Frostnacht Anfang Woche bescherte den Obstbauern eine schlaflose Nacht. Sie liessen einige hundert Kerzen unter ihren Kirschbäumen brennen. Dank viel Aufwand bleiben ...
Hunderte von Antifrostkerzen brennen in der Nacht von Sonntag auf Montag unter den Kirsch- und Aprikosenbäumen
Die Frostnacht Anfang Woche bescherte den Obstbauern eine schlaflose Nacht. Sie liessen einige hundert Kerzen unter ihren Kirschbäumen brennen. Dank viel Aufwand bleiben die Schäden eher klein.
Fürs Erste seien seine Kirschbäume wohl gerettet, sagt auf Anfrage Geri Busslinger vom Gruemethof in Mellingen. In der kalten Nacht von Sonntag auf Montag hatte Busslinger wegen der Minusgrade allerdings alles andere als eine ruhige Nacht. 150 Frostkerzen zündete er auf den 30 Aren an, auf welchen seine Kirschbäume stehen. Unterstützt wurde der Obstbauer von seiner Familie. Anders als Apfel- und Birnbäume, die noch nicht blühen, seien die Kirschbäume aktuell in voller Blüte und bei Eiseskälte entsprechend gefährdet. Die Einbussen aus dieser Frostnacht bezeichnet Busslinger dennoch als gering. «Es sieht gut aus», sagt er. Er rechnet mit Schäden von rund 20 Prozent. Weil der Baum aber ohnehin nur eine begrenzte Anzahl an Früchten zur Reife bringen kann, muss stets auch ausgedünnt werden. «Im besten Fall hat diese einzelne Frostnacht sogar zur Qualitätsverbesserung beigetragen», sagt der Bauer vom Gruemethof. Eisig kalte Nächte und Minusgrade sind noch bis Mitte Mai möglich. Busslinger, der gerade an einer Obstbau-Ausstellung im Wallis weilt, ist jedoch zuversichtlich: «Die Langzeitwetterprognosen sehen momentan gut aus.»
Ein ganzes Feld in Flammen?
Die Frostkerzen, die mitten in der Nacht zwischen den Obstbäumen brennen, vermitteln durchaus einen schönen Anblick. Dennoch habe das weithin sichtbare Feuer auch zu Beunruhigung geführt. Gemäss Geri Busslinger soll die Feuerwehr ein paar Anrufe erhalten haben. Er werde künftig wohl daran denken müssen, dass er die Alarmstelle im Vorfeld über das nächtliche Brennen informiere. Diese Anrufe gelangten indessen nicht bis zu Kommandant Roger Kohler von der Feuerwehr Regio Mellingen. Kohler bestätigt aber, dass der Anblick mit den Frostkerzen bisweilen den Eindruck erwecken könne, dass hier ein ganzes Feld in Flammen stehe. Auch bei der offiziellen Alarmstelle gibt es keinen Eintrag, wie Christina Troglia von der Aargauer Gebäudeversicherung auf Anfrage erklärt. Anzunehmen ist, dass die Anrufenden aufgeklärt und beruhigt werden konnten. Ein offizieller Eintrag bei der Alarmstelle hatte sich damit erübrigt.
«Das war ein Riesenaufwand»
Gefeuert wurde auch auf dem Saumhof in Künten, wo auf über 700 Aren Obstbäume stehen. Einige hundert Kerzen hätten sie in der Nacht auf Montag brennen lassen, sagt Marietta Seeholzer. Am Sonntag hatte die Familie Seeholzer mit ihren Angestellten von 11 Uhr bis 21 Uhr Frostkerzen zwischen den Bäumen mit Steinobst (Kirschen, Aprikosen, Nektarinen, Pfirsiche) verteilt – auf über 100 Aren. «Das war ein Riesenaufwand», sagt Marietta Seeholzer. Um die Blüten zusätzlich zu schützen wurde ein Regendach aufgespannt. In der Nacht seien sie und ihr Mann Andreas Seeholzer dann um 1.30 Uhr aufgestanden, um zwei Stunden lang alle Kerzen anzuzünden. Zwei Stunden später war erneut ein Kontrollgang im Obsthain nötig, um zu prüfen, ob Kerzen ausgewechselt werden müssen. Es seien sicher Schäden entstanden, sagt Seeholzer. «Eher aber in der vorangegangenen Nacht.» Wegen des Schneefalls konnte in der Nacht von Samstag auf Sonntag kein Regendach aufgezogen werden. Der Schnee hätte die Plastikplanen auf die Bäume gedrückt. «Diesen Schnee regelmässig wegzuklopfen ist ein unverhältnismässiger Kraftakt.»
Augen sind noch zu bei den Reben
Glück hatten die Winzer. Der Birmenstorfer Rebbauer Louis Wiederkehr sagt, dass die Vegetation in den Rebbergen noch zu wenig weit fortgeschritten sei. «Die Augen bei den Rebstöcken sind noch geschlossen, die feinen Wollhaare noch nicht draussen.» Dass die Stöcke noch nicht ausgetrieben haben, erklärt Winzer Wiederkehr unter anderem damit, dass die Nächte schon vor der Frostnacht ziemlich kalt waren. Auch die trockenen Böden hätten wohl ihren Teil zum verzögerten Austrieb beigetragen, meint er.
Heidi Hess


