Wie alte Drainagerohre zum Glücksfall werden
20.05.2022 Stetten, Region ReusstalDie Gewässer-Initiative will mehr Feuchtgebiete im Aargau. Im Bösimoos erklärt Matthias Betsche, Pro Natura Aargau, warum
Der Verlust an Feuchtgebieten ist immens, weil seit 100 Jahren entwässert wird. Die Drainagerohre aber sind alt und müssen ersetzt werden. ...
Die Gewässer-Initiative will mehr Feuchtgebiete im Aargau. Im Bösimoos erklärt Matthias Betsche, Pro Natura Aargau, warum
Der Verlust an Feuchtgebieten ist immens, weil seit 100 Jahren entwässert wird. Die Drainagerohre aber sind alt und müssen ersetzt werden. – Für den Geschäftsführer von Pro Natura Aargau eine Chance.
Der Wasserkanton wurde trockengelegt», sagt Matthias Betsche, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau. 14 000 Hektare zählte der Kanton Aargau an Feuchtgebieten noch vor über 150 Jahren. Und verfügte damit über einen unglaublichen Schatz an Artenvielfalt. Dann wurde entwässert, beackert und das Land als Kulturland über Jahrzehnte hinweg zunehmend intensiver genutzt. Die Feuchtgebiete sind im Aargau auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Fläche geschrumpft. 64 Prozent aller Brutvögel, die auf Feuchtgebiete angwiesen sind, stehen heute auf der roten Liste. So brüten etwa Kiebitze, Zwergdommeln und Bekassinen nur noch an wenigen Orten. «Wassr ist Leben», bringt es Betsche auf den Punkt.
Von Bekassinen und Laubfröschen
Wir stehen im Bösimoos, hinter dem Gewerbeareal auf Stettener Gemeindegebiet. Das Bösimoos dehnt sich auf 140 Aren aus. Entwässert wurde es im Zweiten Weltkrieg, Gräben und Drainagerohre leiteten damals Wasser aus dem ehemaligen Feuchtgebiet. 1994 konnte Pro Natura das Bösimoos erwerben. Es wurde renaturiert, die Entwässerung aufgehoben und der Boden vernässte wieder.
Jetzt pfeift und singt und summt es hier. Es schwirrt, hüpft und quakt. Matthias Betsche erzählt von Bekassinen, die er hier vor einigen Wochen beobachtet hat, sie seien auf dem Durchzug gewesen und hätten sich im Feuchtgebiet vor ihrem Weiterflug verköstigt. Der Neuntöter ist hier daheim, weil er genügend Insekten findet. Auch die Kreuzkröte und der Laubfrosch. Gerade eben hat Betsche einen Schwalbenschwanz entdeckt. Er spricht von einem «Paradies». Gerne hätte Pro Natura mehr davon.
Diesen Wunsch hegt nicht nur die Naturschutzorganisation. Handlungsbedarf sieht auch der Kanton, wie eine Ende 2021 erschienene Publikation der Abteilung Landschaft und Gewässer zeigt: «Feuchtflächen sind Lebensraum für unzählige bedrohte Tier- und Pflanzenarten und erbringen unverzichtbare Leistungen von hohem ökologischem, wirtschaftlichem und sozialem Wert.» Rund 1000 Hektare Feuchtgebiet sollten deshalb im ganzen Kanton wiederhergestellt werden. «Das ist keine willkürliche Zahl», sagt Betsche. Es brauche eine Fläche in dieser Grössenordnung – alleine, um die heute noch vorhandene Biodiversität langfristig zu sichern.
Das bringt die Gewässer-Initiative ins Spiel. Lanciert wurde sie vor einigen Wochen durch ein Komitee bestehend aus den Organisationen Aargauischer Fischereiverband, Birdlife Aargau, Kulturlandschaft Aare Seetal, Landschaftsschutzverband Hallwilersee, Pro Natura Aargau und WWF. Grundgedanke: Der Lebensraum Wasser soll mit zusätzlichen Feuchtgebieten besser vernetzt und gestärkt werden. «Die Initiative», sagt im Bösimoos Matthias Betsche, «verlangt nicht mehr, als was der Artenschutz benötigt.»
«Die Drainagen sind alt»
Betsche sagt auch, dass der Zeitpunkt ideal sei. «Die Drainagen, die ehemalige Feuchtgebiete entwässern, sind alt. Viele müssen in den nächsten Jahren erneuert werden.» Nicht nur im Aargau, sondern landesweit. Das geht ins Geld, im Aargau würde der Ersatz von Drainagen mehrere 100 Millionen Franken kosten, schweizweit geht es dabei um Milliarden. Der Geschäftsführer meint: «Das ist die Chance für einen Dialog.» Mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Landwirtschaft müsse das Gespräch gesucht werden. Statt die alten Drainagerohre durch neue zu ersetzen, welche auch die nächsten Jahrzehnte entwässern, sollten sie aufgegeben werden. Verzicht. Landwirte sollten aber bei der Umstellung auf eine extensive Bewirtschaftung von wiedervernässten Feuchtgebieten unterstützt werden.
«Mit der Wiedervernässung von ehemaligen Feuchtgebieten können wir ein Miteinander von Landwirtschaft und Naturschutz fördern. Kanton und Gemeinden tun gut daran, grosszügig Flächen für die notwendigen Feuchtgebiete auszuscheiden und uns allen damit eine Zukunft mit Artenvielfalt und erträglichem Klima zu ermöglichen», sagt der Geschäftsführer von Pro Natura.
Diese Möglichkeit bestünde auch im Bösimoos. Denn neben dem vor über 20 Jahren zurückgewonnenen Feuchtgebiet liegt Kulturland. Drainiert und weitgehend trocken gelegt, bis an die Waldgrenze. Zwar bezeichnet Betsche die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Stetten als «ideal» und er hat das Bösimoos auch bewusst als positives Beispiel gewählt, um den Mehrwert, den Feuchtgebiete bringen, zu illustrieren: Artenvielfalt, beliebtes Naherholungsgebiet, Förderung der Diversifizierung der Landwirtschaft, durch weniger intensive und flexiblere Nutzung – im Bösimoos zum Beispiel als Weide für Galloway-Rinder. «Feuchtgebiete», sagt Betsche, «kennen viele Nutzungsarten.» Fest steht für ihn aber auch, dass eine solche Nutzung mit Direktzahlungen gefördert und unterstützt werden muss. Gefragt sei eine standortangepasste Nutzung. «Das ist die Stossrichtung unserer Initiative.» Eine solche Unterstützung sei richtig, betont er. Und sie bringe einen Mehrwert für alle.
Um Argumente nicht verlegen
Und was ist mit der Ernährungssicherheit, die der Souverän 2017 mit überwältigender Mehrheit angenommen hat? Matthias Betsche ist um Argumente nicht verlegen. Es fehle nicht an Fläche, sagt er. Die rund 60 000 Hektaren landwirtschaftlich genutzter Flächen im Aargau könnten effizienter genutzt werden. Schweizweit werden über 40 Prozent der Ackerflächen für den Anbau von Tierfutter benötigt. Auch Food-Waste ist ein Problem, das es zu vermeiden gilt. 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der Schweiz jedes Jahr weggeworfen. Damit geht auch viel Anbaufläche für Lebensmittel verloren, die letztlich im Müll oder auf dem Kompost landen. Warum nicht Food-Waste und Fleischkonsum reduzieren und ein paar Hektaren zugunsten von mehr Biodiversität aufwenden?
Was den Klimawandel betrifft, so wird es überall trockener. Wasser droht zur Mangelware zu werden oder anders gesagt zum «Gold der Zukunft». Auch dies ist ein Argument für die Förderung von Feuchtgebieten, die ideale «Wasserspeicher» sind. «Das Wasser versickert und reichert dadurch das Grundwasser an», so Betsche.
Wo im Aargau sollen denn neue Feuchtgebiete entstehen? Gerade im Reusstal entdeckt man an jeder Reussbiegung einen Sumpf oder ein Moor. Man soll sie auf natürliche Art und Weise zulassen. «Dort, wo einst Feuchtgebiete waren und wo es sinnvoll ist», meint Betsche. Abklärungen und Umsetzungen sollen in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und der Bevölkerung erfolgen. Er bestätigt, dass im Reusstal «ganz tolle Erfahrungen» gemacht worden seien. Das Potenzial für die Wiederherstellung von Feuchtgebieten sei in allen Regionen des Wasserkantons vorhanden.
3000 Unterschriften sind nötig für das Zustandekommen der Gewässer-Initiative. Fürs Sammeln bleibt ein Jahr Zeit. Bis Februar 2023.
Heidi Hess


