In 5 bis 10 Jahren keine Forellen mehr?
27.01.2023 Mellingen, Region ReusstalFischereiverein beklagt schwindenden Fischbestand in der Reuss. Der Kanton hat den Fischbesatz gestoppt
Seit 2017 darf der Fischereiverein Reuss Mellingen selbst keine Fische mehr in den Bächen der Region aufziehen und in die Reuss einsetzen. Er sieht vor allem den Bestand der Forellen ...
Fischereiverein beklagt schwindenden Fischbestand in der Reuss. Der Kanton hat den Fischbesatz gestoppt
Seit 2017 darf der Fischereiverein Reuss Mellingen selbst keine Fische mehr in den Bächen der Region aufziehen und in die Reuss einsetzen. Er sieht vor allem den Bestand der Forellen gefährdet. Abhilfe konnte auch der seit 2018 praktizierte Laichfischfang durch den Kanton nicht schaffen.
Früher haben wir pro Jahr für 20 000 Franken Fisch besetzt», erinnert sich Reto Lindinger, Präsident des Fischereivereins Reuss Mellingen. Seit 2001 hat der Verein die Reusspacht von der Gemeinde Mellingen übernommen. Im Mülibach in Mellingen und Niederrohrdorf sowie im Schwarzgraben, die wiederum vom Kanton gepachtet sind, zogen die Fischerfreunde Äschen und vor allem Forellen auf. Nach ein bis zwei Jahren wurden diese dann elektrisch abgefischt und anschliessend in die Reuss gesetzt: «Wir waren da recht erfolgreich. Wir haben 20 bis 30 Zentimeter grosse Forellen aus den Bächen gefischt, so Lindinger. Bis zu 2500 Fische jährlich wurden so übersiedelt. Hinzu kamen 10 000 sogenannte «Sömmerlinge», also einjährige Fische, die direkt gekauft und eingesetzt wurden. Da der Kanton Aargau über keine eigene Aufzucht verfügt, stammten sowohl die bis 2017 eingesetzten «Brütlinge» als auch die «Sömmerlinge» von einem privaten Züchter aus der Nähe von Rupperswil. «Der Fischzüchter hatte einen Elterntierstamm von Forellen aus unterschiedlichen Gewässern», erklärt Corinne Schmid, Fachspezialistin Koordination Fischerei beim Kanton. Die Herkunft der Fische ist deshalb wichtig, weil Studien davon ausgehen, dass sogenannte «standortfremde» Fische weniger fit und überlebensfähig sind, als Populationen, die sich über Generationen an die Gegebenheiten im jeweiligen Gewässer anpassen konnten. Eine Untersuchung, die der Kanton neben Aare, Limmat und Rhein auch in der Reuss und den Bächen der Region durchgeführt hat, stützt diese Annahme. Genetische Analysen zwischen den Forellen aus der Fischzucht und den später in den Fliessgewässern abgefischten Forellen zeigten deutliche Unterschiede. Daraus folgern die Experten, dass sich die eingesetzten Fische im Gegensatz zu den «naturverlaichten» Wildfischen in den Bächen nicht durchsetzen können: «Es macht keinen Sinn, Forellen einzusetzen, die man dann gar nicht rausholt», sagt Schmid. Die eingesetzten Fische hätten praktisch keine Chance zu überleben. Darüber hinaus befürchtet man, dass diese die angestammten Populationen bei Vermischung genetisch schwächen und auch Krankheiten unbeabsichtigt verbreitet werden könnten.
Fischlaichfang bringt zu wenig Ertrag
Aufgrund dieser Erkenntnisse beschloss der Kanton, den Besatz für die Reuss und teilweise auch andere Gewässer durch die Vereine zunächst für eine Pachtperiode zu stoppen. Seit 2018 lief stattdessen ein Projekt, bei dem genetisch enger verwandte Fische aus einem Nebengewässer der Reuss gefangen wurden. Nach dem «Abstreifen», also der Entnahme von Eiern und Spermien, wurden diese wieder ins Gewässer zurückgesetzt. Die Forellenbrütlinge wurden dann wieder an die Pächter für den Fischbesatz verteilt: «Der Ertrag war relativ klein. Wir haben gerade einmal 1000 Brütlinge bekommen», sagt Reto Lindinger. Zu wenig für 11 Kilometer Reuss, die der Fischereiverein betreut. Aufwand und Ertrag hätten nicht gestimmt, sagt auch Corinne Schmid. Mittlerweile wurde das Projekt nach Absprache mit allen Beteiligten gestoppt. Und wie geht es nun weiter? «Im Moment laufen verschiedene Studien, zum Beispiel, wie sich die Biomasse der Forelle in Gewässern, in denen man den den Fischbesatz gestoppt hat, entwickelt», erklärt Schmid.
Vielfältige Gründe
Eine Erfolgskontrolle in Limmat und Rhein soll zudem noch mehr Erkenntnisse darüber bringen, ob die von den Fischern gefangenen Forellen aus der Naturverlaichung oder aus der Besatzmassnahme stammen. Bis 2024 werden die Ergebnisse erwartet. Ob die Vereine ab 2026, wenn die neue Pachtperiode beginnt, wieder selbst Fische einsetzen dürfen, ist noch völlig offen. Beim Fischereiverein Reuss Mellingen hofft man es jedenfalls: «Die Aufzucht ist ein wichtiger Bestandteil des Vereins gewesen. Dafür haben wir die Ausrüstung und die Ausbildung», sagt der Präsident. Darüber hinaus ist die Zahl der Fische, welche die Angler aus der Reuss ziehen konnten, über die Jahre stark gesunken. Im Verlauf der letzten 20 Jahre auf nur noch 5 bis 10 Prozent der ursprünglichen Fangmenge, schätzt Lindinger, der sich sehr wohl bewusst ist, dass zahlreiche Einflüsse den Fischbestand in den Flüssen dezimieren. So gebe es zu wenig Nährstoffe, sprich Nahrung, für die Fische. Auch Staumauern, Kraftwerke und ähnliche Eingriffe wirkten sich negativ aus – genauso wie das Freizeitverhalten der Menschen: «Ich gönne es jedem, der in der Reuss baden möchte, aber für die Fische ist das Stress», sagt er. Und natürlich spielte auch der Klimawandel eine Rolle. Der setzt, laut Corinne Schmid, gerade den kälteliebenden Fischarten zu, zu denen die Forelle zählt. Dafür profitierten andere Fischarten wie Wels und Alet. Zumindest eine gute Nachricht – nicht für die Forelle, aber vielleicht für die Fischer.
Michael Lux


