«Das erfordert Mut, dabei eckt man auch an»
26.05.2023 Serie im ReussboteIm Gespräch mit Benedikt Nüssli, Chefredaktor und Verleger des «Reussbote», und Christoph Nüssli, Verwaltungsratspräsident
Chefredaktor Benedikt Nüssli und Verwaltungsratspräsident Christoph Nüssli erinnern sich, wie sie als Kinder in der ...
Im Gespräch mit Benedikt Nüssli, Chefredaktor und Verleger des «Reussbote», und Christoph Nüssli, Verwaltungsratspräsident
Chefredaktor Benedikt Nüssli und Verwaltungsratspräsident Christoph Nüssli erinnern sich, wie sie als Kinder in der Druckerei mithalfen. Sie reden über Herausforderungen im digitalen Zeitalter und sie schauen in die Zukunft.
Eigentlich beginnt die Geschichte der Brüder Benedikt (61) und Christoph Nüssli (58) vor 125 Jahren. 1898, auf einer Etage im Gemeindehaus in Mellingen. Dort wurde der «Reussbote» gedruckt. 1914 konnte Albert Nüssli die Druckerei erwerben und wechselte an die Bahnhofstrasse. Seit 1961 leitete der Vater Adolf Nüssli die Buchdruckerei und den Verlag am heutigen Standort. Im Gespräch erinnern sich Chefredaktor und Verleger Benedikt Nüssli und Verwaltungsratspräsident Christoph Nüssli an Gestern, sie erzählen vom Heute und wagen einen Ausblick auf Morgen.
125 Jahre «Reussbote» – Gratuliere! Wie fühlt sich dieses Jubiläum an?
Christoph Nüssli: Für mich ist das ein sehr freudiges Ereignis. Wenn ein Unternehmen 125 Jahre lang bestehen kann, darf man stolz sein. Das gelingt nicht vielen Unternehmungen. Ich verbinde damit aber auch meine Kindheit, meine Familie.
Benedikt Nüssli: Ich freue mich auch, dass wir dieses Jubiläum feiern können. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Lokalzeitung so lange bestehen kann. Lokalzeitungen wurden regelmässig totgeschrieben, beispielsweise als Lokalradios aufkamen, danach mit dem Aufkommen des Lokalfernsehens und heute wegen der sozialen Medien... Aber es gibt uns immer noch! Das macht mich sehr stolz.
Grossvater Albert Nüssli hatte Schriftsetzer gelernt. Er kam von Rom nach Mellingen, um den «Reussbote» mit der Druckerei zu übernehmen. Albert Nüssli gelang es vor 109 Jahren, Stabilität in die Zeitung zu bringen – nachdem die Zeit vor ihm von Wechseln geprägt gewesen war. Der Vater übergab den Betrieb 1961 seinem Sohn Adolf Nüssli, dem Vater von Benedikt und Christoph Nüssli sowie auch von Brigit, Rainer, Dieter und Ursula – sechs Kinder zählte die Familie. In den 1980er-Jahren stieg Dieter Nüssli als Verantwortlicher der Kundendruckerei und Produktionsleiter im Betrieb ein, 1991 kam Benedikt Nüssli in die Redaktion. Heute gehören auch Benedikt und Jolanda Nüsslis Töchter Selina und Stephanie zum Team. Selina Nüssli leitet die Kundendruckerei, Stephanie Sommer zeichnet in einem Teilzeitpensum für Social Media verantwortlich.
Welche Rolle spielten Zeitung und Druckerei innerhalb der Familie?
Benedikt Nüssli: Letztlich machen Zeitung und Druckerei mein ganzes Leben aus... Es gab für uns nichts Anderes. Das war das A und das O.
«Als kleiner Bub», erinnert sich Benedikt Nüssli, «verbrachte ich viel Zeit in der Druckerei». Die Druckerei und die Redaktion seien damals viel kleiner gewesen, hätten einen Drittel der heutigen Fläche ausgemacht. Ferien habe der Vater, der Redaktion und Büro im Einmann-Betrieb führte, nie gemacht, erzählt Benedikt Nüssli. Und die Kinder, zumindest die Buben, halfen überall mit. «Wir halfen Zeitungen einstecken, Broschüren heften oder auch Fünf-Kilo-Bündel aus Altpapier schnüren.» Der letzte Tag im Jahr sei ihm besonders gut in Erinnerung geblieben, denn Silvester war Zahltag. Zur Mittagszeit habe der Vater die Kinder jeweils zu sich gerufen und ihnen ein Couvert überreicht. Es enthielt den Lohn eines ganzen Jahres. «Ich erhielt 500 oder 600 Franken», sagt Benedikt Nüssli. «Das war für uns Kinder viel.»
Auch die Freizeit des Jüngsten, dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten Christoph Nüssli, war knapp bemessen. «Ich hatte in der Druckerei drei Termine: Mittwochnachmittag, Samstagnachmittag und abwechslungsweise abends um 18 Uhr, um Briefe und Pakete zur Post zu bringen», erinnert er sich. Zu seinen Aufgaben gehörte zudem das Putzen von Böden und Tischen. «Wenn ich fertig war und glaubte, jetzt glänze alles, kontrollierte unsere Tante Anna, die über der Druckerei wohnte, meine Arbeit.» Selten sei es ihr sauber genug gewesen, erzählt Christoph Nüssli mit einem Schmunzeln. Am Samstagabend habe die gelernte Handarbeitslehrerin nachgeputzt. Die Arbeiter sollten am Montagmorgen eine blitzblanke Werkstatt vorfinden. «Unsere Mutter setzte solchen Kontrollgängen schliesslich ein Ende.»
Christoph Nüssli erinnert sich aber auch an schöne Seiten: «Unser Vater arbeitete sehr viel: Einen wie ihn würde man heute als Workaholic bezeichnen. Er arbeitete auch abends, am Wochenende – meist 80 oder 90 Stunden in der Woche.» Zu Festen am Wochenende durften ihn die Kinder begleiten. Es gab etwas zu trinken, auch mal eine Wurst. Wenn sie zu zweit unterwegs gewesen seien, habe er den Vater ganz für sich alleine gehabt. «Das habe ich sehr geschätzt», sagt Christoph Nüssli.
Die Druckerei Nüssli und der «Reussbote» sollten fortbestehen. Wie wurden Ihre beruflichen Weichen gestellt?
Benedikt Nüssli: Unser Onkel war Verleger der «Schwyzer Zeitung». Als ich ihn in den Ferien in Schwyz besuchte, meinte er bei einem Abendspaziergang, er sehe mich als Offsetdrucker.
Und Sie wurden Drucker?
Benedikt Nüssli: Ja. Ich schnupperte in einer Druckerei in Seon und fand Gefallen an diesem Beruf. In der Familie wurde ich der «Produktiönler». Ich stand sehr gerne an den Maschinen, auch heute noch – bisweilen übernehme ich Ferienablösungen. Damals aber folgten nach der Lehre Weiterbildungen an der Technikerschule in Basel und schliesslich die Stelle bei der Publicitas, einer ehemaligen Vermittleragentur von Inseraten.
Wie kam es zur Rückkehr nach Mellingen?
Benedikt Nüssli: 1991 übernahm ich – in Absprache mit meiner Frau Jolanda – in Mellingen die Verantwortung. Im Journalismus war ich ein Quereinsteiger, ich hatte Kurse am Medienausbildungszentrum in Luzern absolviert und wurde von meinem Vater in den Beruf eingeführt. Von Anfang an mochte ich den Kontakt mit den Menschen, die Vielseitigkeit: Wir sprechen mit Jugendlichen und mit Politikerinnen. Das hat mich immer fasziniert.
Wie gelang der Wechsel an der Spitze?
Benedikt Nüssli: Als sich unser Vater 1993 zurückzog, übernahmen mein Bruder Dieter – er hatte Schriftsetzer gelernt – und ich die Geschäftsleitung, Dieter den Druck-, ich den Verlagsbereich. Das Schöne ist, dass man als Unternehmer sein eigenes Unternehmen führt. Ich hatte Erfahrungen in einem Grosskonzern, bei der Publicitas – Entfaltungsmöglichkeiten gibt es dort kaum.
Christoph Nüssli, Sie sind das jüngste von sechs Kindern. Hatten Sie freie Wahl beim Beruf?
Christoph Nüssli: Ja. Und ich fand, es seien schon genug Nüsslis im Grafikbereich unterwegs. Der Vater, die Brüder und mehrere Onkel – einem gehörte die «Schwyzer Zeitung», einem anderen die «Zuger Nachrichten», der dritte war für den «Zürichbieter» zuständig. Ich absolvierte schliesslich eine Banklehre, wechselte später in die Bauwirtschaft und danach in die Unternehmensberatung. Im Alter von 23 Jahren zog ich weg.
Auch Sie sind zurückgekehrt...
Christoph Nüssli: Ich lebe heute in Hilterfingen am Thunersee. Mit dem Familienbetrieb blieb ich aber stets verbunden. Ich bin stolz, dass unsere Familie eine Zeitung herausgibt. Vor rund 25 Jahren, nach der Überführung in eine Aktiengesellschaft und vor dem 100- Jahre-Jubiläum des «Reussbote», fragte mich unser Vater, ob ich dem Verwaltungsrat beitreten und das Präsidium übernehmen wolle – und ich wollte.
Im Laufe der Zeit wandelte sich der «Reussbote». In die Zeitung, die wie die meisten Zeitungen während Jahrzehnten einer sogenannten «Bleiwüste» glich, stahlen sich erste Bilder: Fotografiert hatten vor allem Keystone-Fotografen. Meldungen und Nachrichten kamen von Agenturen, international und national, sie kamen vom Bund oder aus dem Kantonsparlament. Die Region sei damals weniger im Fokus gestanden, erinnert sich Benedikt Nüssli. Den Wandel hatte der Vater, Adolf Nüssli, in den 1970er-Jahren eingeleitet. «Er besuchte Feste und machte Fotos, die er in der Dunkelkammer selbst entwickelte», erzählt Benedikt Nüssli. Mit den Jahren wurde das Einzugsgebiet kleiner. Berichte aus dem Eigenamt, aus Gebenstorf oder Habsburg fielen weg. «Der ‹Reussbote› war früher eine Einmann-Redaktion.» Auch er habe die Redaktion zunächst alleine geführt, sagt Benedikt Nüssli.
Benedikt Nüssli, was erlebten Sie als journalistischen Höhepunkt?
Benedikt Nüssli: Den Empfang von Christine Egerszegi-Obrist nach ihrer Wahl zur Nationalratspräsidentin mit Delegationen aus dem Bundesrat, aus dem National- und dem Ständerat. Zu Höhepunkten zählen aber auch Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen oder im Sport das Kommentieren eines Fussballmatches. In sehr schöner Erinnerung behalte ich die Hundert-Jahr-Feier des «Reussbote», die 1998 in einem Zirkuszelt stattfand. Die vielen Gäste, die mit uns feierten... Sogar Hans Heinrich Coninx, von 1992 bis 2003 Präsident des Verlegerverbandes Schweizer Medien, kam nach Mellingen.
Der «Reussbote» ist eine regionale Zeitung im unteren Reusstal. Was soll diese Zeitung leisten?
Benedikt Nüssli: Der «Reussbote» soll informieren und zur Meinungsbildung beitragen. Das ist eine wichtige Funktion, heute besonders auch im Hinblick auf die sozialen Medien, die ungefiltert Geschichten verbreiten. Unsere Journalistinnen und Journalisten greifen Themen auf, recherchieren und ordnen ein. Das hilft den Abonnentinnen und Abonnenten bei ihrer Meinungsbildung.
Gibt es weitere Funktionen?
Benedikt Nüssli: Der «Reussbote» soll Sprachrohr sein für Vereine. Er informiert über den Präsidentenwechsel beim Kaninchenzüchterverein genau so wie über die Veranstaltung des Musikvereins und der Theatergruppe. Wir dürfen auch die Bedeutung von Inseraten nicht vergessen. Inserate informieren über Angebote und Aktionen von lokalen Unternehmen, über Baugesuche, sie kündigen den Tag der offenen Türe an oder ein Fest. Für die Zeitung sind sie ausserdem eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle.
Das ist die Sicht des Chefredaktors und Verlegers. Sieht das der Verwaltungsratspräsident ähnlich?
Christoph Nüssli: Ja. Ergänzend erwähnen möchte ich die Zeitung als wichtiges Instrument der direkten Demokratie. Die Zeitung soll Meinungen widerspiegeln – auch konträre: Leserinnen und Leser sollten über die Darstellung von unterschiedlichen Meinungen zu Diskussionen angeregt werden. Dazu können natürlich auch Leserbriefe beitragen.
Es braucht einiges bis ein Leserbrief geschrieben wird...
Christoph Nüssli: Die Hemmschwelle ist leider relativ hoch. Aber die Leute sollten wagen, sich zu exponieren... Ich bedaure, dass man zunehmend Angst hat, seine Meinung zu äussern. Das ist gesellschaftspolitisch eine gefährliche Entwicklung. Erst die Kenntnis kontroverser Positionen ermöglicht den Dialog und öffnet den Blickwinkel. Das kann zu neuen, kreativen und unerwarteten Lösungen führen. Die Zeitung hat die wichtige Funktion, diese unterschiedlichen Meinungen einzuholen und abzubilden.
Die Digitalisierung gehört zur grossen Herausforderung unserer Zeit, auch für die Medien. Wie geht es dem «Reussbote» damit?
Benedikt Nüssli: Wir können uns dieser Entwicklung nicht verschliessen. Wir müssen Informationen so zur Verfügung stellen, wie sie der Leser oder die Leserin will. Manche mögen eine gedruckte Zeitung zum Blättern und auf die Seite legen. Andere wollen ihr E-Paper zum Frühstück lesen. Wieder andere wollen nur ganz knappe Informationen. Seit Kurzem findet man den «Reussbote» auch auf Social Media: Twitter, Instagram und Facebook.
Christoph Nüssli: Unser Weg muss pragmatisch sein. Der «Reussbote» ist eine kleine Zeitung mit beschränkten finanziellen Mitteln. Der Ausbau im digitalen Bereich generiert hohe Fixkosten. Grosse Zeitungen können solche Fixkosten auf viel grössere Abonnentenund Leser innen zahlen verteilen. Eine Lokaloder Regionalzeitung kann da kaum mithalten, die Rechnung würde nie aufgehen. Das ist die grosse Herausforderung von Lokalzeitungen. Wir müssen das Machbare vom Wünschbaren unterscheiden.
Gibt es Vergleiche?
Christoph Nüssli: Im Vergleich mit anderen Regionalzeitungen, deren Zahlen zugänglich sind, zeigt sich, dass viele im Digital-Business mit Verlust arbeiten. Ob solche Investitionen zum Fliegen kommen, sich lohnen? Beispielsweise sind die Hürden für digitale Bezahlschranken für einzelne Zeitungsartikel sehr hoch. Im Zeitalter von Internet und Social Media ist es für Zeitungen eine echte Herausforderung, die Leserschaft dazu zu bewegen, für Informationen zu bezahlen. Dies gelingt nur mit qualitativ hochwertigem Journalismus.
Wie sehen die Zahlen beim «Reussbote» aus?
Christoph Nüssli: Der Markt ist extrem herausfordernd geworden. Der Inserateumsatz der Schweizer Printmedien sank beispielsweise von 1860 Millionen Franken im Jahr 2002 auf noch 430 Millionen Franken im Jahr 2020. Auch wir spüren die Abwanderung des Werbevolumens zu Tech-Giganten wie Google und Co. Erfreulich ist jedoch, dass wir – im Gegensatz zu vielen, auch grossen Zeitungen – nach wie vor profitabel sind. Zudem sind wir zu 100 Prozent eigenfinanziert.
Verleger Benedikt Nüssli windet seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Redaktion und in der Druckerei ein Kränzchen. Ihr Anteil an der Erfolgsgeschichte «Reussbote» sei sehr gross, betont er. Röbi Höhener, der im August 2022 gestorben ist, arbeitete ein Leben lang beim «Reussbote», als Journalist, Schriftsetzer und Drucker. Langjährige Mitarbeiter sind auch Carl Höchli in der Inserateabteilung (seit 1993) oder Marcel Müller in der Druckerei (seit 1996). Wichtig seien zudem treue Kundinnen und Kunden – für Druckerzeugnisse und als Inserenten in der Zeitung. «Manche Kundenbeziehungen hatte bereits unser Vater geknüpft», meint Benedikt Nüssli. Solche Beziehungen müssten gepflegt werden. Schliesslich erwähnt er, dass Familienunternehmen ihr eigenes Geld in die Firma stecken und ein ureigenes Interesse am Wohlergehen dieser Firma haben – und zwar langfristig.
Wie gelingt es, bei so viel Nähe unabhängig zu berichten?
Benedikt Nüssli: Die Nähe im Lokaljournalismus ist eine ständige Frage... Wir müssen fähig sein, uns abzugrenzen, hartnäckig zu recherchieren und unabhängig zu schreiben. Das erfordert Mut, dabei eckt man auch mal an. Aber das ist unsere Aufgabe.
Wo sehen Sie Ihre Verantwortung für diese Zeitung? Wie sieht die Nachfolgeregelung aus?
Benedikt Nüssli: Ich bin 61 Jahre alt. Es ist Zeit, sich Gedanken zu machen. Die Nachfolgeregelung ist ein Thema. In unseren Familien sprechen wir darüber, loten Möglichkeiten aus – spruchreif ist allerdings noch nichts. Nach den Feierlichkeiten zu unserem 125-Jahre-Jubiläum rutscht dieses Thema auf unserer Traktandenliste höher.
Christoph Nüssli: Heute ist die dritte Generation am Zug, mit Bene und mir. Aber eigentlich ist mit Selina Nüssli und Stephanie Sommer auch die vierte Generation dabei. Wie eine Lösung aussieht, wissen wir noch nicht. Das ist ein laufender Prozess, der für verschiedene Personen passen muss. Ich hätte am liebsten, wenn sich eine Lösung innerhalb der Familie abzeichnen würde...
Heidi Hess



