Warum Mellingen-Dorf «nicht auf den Hund» kam
26.05.2023 Mellingen, Region ReusstalEine wappengeschichtliche Studie von Historiker Rainer Stöckli
Das Gebiet Mellingens rechts der Reuss gehörte erst seit der Zeit der Helvetik (1798–1803) zum Gemeindebann von Mellingen. Man nannte diese Örtlichkeit Mellingen-Dorf oder auch Trostburger Twing, weil bis ...
Eine wappengeschichtliche Studie von Historiker Rainer Stöckli
Das Gebiet Mellingens rechts der Reuss gehörte erst seit der Zeit der Helvetik (1798–1803) zum Gemeindebann von Mellingen. Man nannte diese Örtlichkeit Mellingen-Dorf oder auch Trostburger Twing, weil bis 1364 die Herren von Trostberg im Wynental hier die niedere Gerichtsbarkeit ausübten. Diese Rechte erwarb damals die Stadt Mellingen.
Die Behörden der Stadt konnten hier also alle Gerichtsfälle, die nicht in den Bereich der Blutgerichtsbarkeit gehörten, aburteilen. Verwaltungstechnisch gehörte aber Mellingen-Dorf bis 1798 zum Amt Rohrdorf in der Grafschaft Baden. Kirchlich war der Ortsteil rechts der Reuss sogar bis 1896 der Pfarrei Rohrdorf unterstellt. Ein Grossteil von Mellingen-Dorf wurde jedoch im Alten Zürichkrieg (1436–1450) niedergebrannt und zum grössten Teil nicht mehr aufgebaut. Zahlreiche der dortigen Ländereien und Wälder erwarben damals die Stadt und deren Bürger. Auf diese Weise gewann die Stadt auch in wirtschaftlicher Hinsicht im Trostburger Twing grossen Einfluss, denken wir nur an die ausgedehnten Rebberge.
Das Wappen von Mellingen-Dorf
Das Wappen von Mellingen-Dorf ist weder in einem Schriftstück noch an einem Gebäude oder einem Grenzstein belegt. Als 1966 Otto Hunziker eine Broschüre mit dem Titel «Mellingen-Dorf» herausgab, schuf er das Wappen von Mellingen-Dorf: In Schwarz ein silberner Eberkopf. Als Vorlage diente ihm die wertvolle Wappentafel der Schultheissen von Mellingen vom Jahre 1790 (Bild 2).
Dieses Gemälde wird im Ortsmuseum aufbewahrt. Unter einem Wappen mit einem nicht eindeutig definierbaren Tierkopf steht «Wappen des Dorfs oder Vorstadt auf der Breite bey Mellingen, ward verbrannt 1388». Dass Mellingen-Dorf in diesem Jahr gebrandschatzt wurde, ist chronikalisch mehrfach belegt. In Zusammenhang mit dem sogenannten Näfelserkrieg griffen die Eidgenossen den noch habsburgischen Aargau an und wüteten auch in Mellingen-Dorf. Der Flurname Breite ist auch heute noch geläufig: Es handelt sich um das flache Gebiet zwischen Trottenstrasse und Meli-Areal nordöstlich der Bahnhofstrasse. Neben diesem Wappen mit Tierfigur sehen wir ein Wappen mit Mühlrad. Darunter steht die Inschrift «Hünegg». Die Hünegg ist in ihrem Kern noch heute erhalten: Es handelt sich um das Haus Bahnhofstrasse 9, wo derzeit das Restaurant Chang Cheng – früher Rosengarten genannt - untergebracht ist. Dieses einst schlossähnliche Gebäude war vom 14. bis 16. Jahrhundert im Besitz der Familie Dachselhofer. Als letzter seines Geschlechts wohnte hier der kurz vor 1530 verstorbene Hans Dachselhofer, meist Hans Hünegg genannt. Von Hans Hünegg ist noch weiter unten die Rede.
Nun wieder zurück auf das von Otto Hunziker kreierte Wappen mit Eberkopf. Erstens ist auf der Schultheissen-Wappentafel einerseits nicht eindeutig erkenntlich, um welches Tier es sich beim Wappen von Mellingen-Dorf handelt, andererseits sollte Hunziker auch aufgefallen sein, dass die Beschriftungen unter den Wappen historisch nicht immer zutreffend sind. Trotzdem ist das Eberwappen auf Glasscheiben, welche die Gemeinde Mellingen herstellen liess, verewigt. Solche Wappenscheiben erhielten eifrige Stimmbürger im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts geschenkt, wenn sie lückenlos an allen Abstimmungen, Wahlen und Gemeindeversammlungen teilgenommen hatten (Bild 1).
Neben dem Wappen von Mellingen-Dorf wurden eifrigen Mellinger Bürgern das alte und neue Wappen der Stadt Mellingen sowie jene des Spitals und der Bürger von Mellingen geschenkt. Auch im 1996 erschienen Bildband «Bilder einer aargauischen Kleinstadt – Mellingen» ist das Wappen von Mellingen-Dorf abgedruckt. Möglicherweise schuf Hunziker dieses Eberwappen auch deshalb, weil im südlichen Teil von Mellingen-Dorf das Ebereich, das Gebiet zwischen Stetterstrasse und Reuss gegen die Risi hin, liegt. Dieser Flurname deutet darauf hin, dass Eber gerne in die Eichwälder gingen, um die Eicheln zu fressen. Allerdings widerspräche der Flurname Ebereich der Angabe auf der Schultheissentafel, Mellingen-Dorf liege in der Breite.
Die Wappenscheibe von 1522
Bis vor wenigen Jahrzehnten war nicht bekannt, dass sich die beiden oberwähnten Wappen – in der Farbgebung allerdings etwas abweichend – auch auf einem Glasgemälde von 1522 im Kreuzgang des ehemaligen Klosters Wettingen finden (Bild 3).
Gestiftet wurde diese Scheibe vom obgenannten Hans Hünegg und seiner Gattin Regina von Sur, wie dies in kleiner Schrift ganz unten auf dem Gemälde verzeichnet ist. Und nun das Entscheidende, worauf die Überschrift dieses Artikels hinweist: Das Wappen mit dem vermutlichen Eberkopf erweist sich nicht als Wappen von Mellingen-Dorf, sondern als jenes von Regina von Sur, die einem Geschlecht von Aarau entstammte. Das dort abgebildete Tier ist nicht, wie Hunziker vermutete, ein Eber, sondern – wie dies auch anderweitig belegt ist – der obere Teil eines aufrecht stehenden Hundes! Zudem ist die Farbgebung auf der Wappenscheibe von 1522 umgekehrt als bei der Vorlage von Hunziker: Es ist ein schwarzer Hund auf silbernem Hintergrund.
Hans Hünegg
Das mit «Hünegg» bezeichnete Wappen auf dem Gemälde im Museum und jenes von Hans Hünegg auf der Wappenscheibe von 1522 stimmt formal überein: ein Mühlrad in einem gespaltenen Schild, wobei auf der Glasscheibe der vom Betrachter aus gesehen linke Teil rot gefärbt ist, der rechte gelb.
Beim Wappen auf der Schultheissentafel ist die Farbgebung umgekehrt. Es ist aber gut möglich, dass diese zwei Wappen als sogenannte Allianzwappen einstmals beispielsweise auf einem steinernen Torbogen an der Hünegg (Bild 4) – allerdings ohne Beschriftung – angebracht waren. Diese könnten dem Maler der Schultheissentafel als Vorlage gedient haben. Der schlossähnliche Bau mit Ecktürmchen wurde aber in den letzten 200 Jahren mindestens zweimal umfassend umgebaut. Wappen sind heute keine mehr angebracht.
Hans Hünegg war ein bedeutender Söldnerhauptmann, der u.a. im Dienste des Papstes mit seinen Soldaten nach Italien zog. Daneben warb er in der Hünegg mehrmals Söldner für italienische Fürsten. Er war damals zweifelsohne der einflussreichste Bewohner im Trostburger Twing. Ohne den Frauen nahe treten zu wollen, wäre es sinnvoller gewesen, für Mellingen-Dorf das Mühlrad-Wappen Hans Hüneggs zu wählen. Übrigens hatte dieser den Beinamen «Mehlseck», was darauf hinweist, dass er auch mit dem Müllereigewerbe zu tun hatte. Im Weiteren hätte das Mühlradwappen einen historischen Hintergrund: In Mellingen-Dorf existierten bis ins 19. Jahrhundert drei Getreidemühlen: die Buggenmühle, eine Doppelanlage im Bereich des heutigen Meli-Areals und des Werkhofs, die Widenmühle (unterhalb des Frigemo-Areals am Grumetweg) und die bereits 1253 erwähnte Bruggmühle. Diese war lange im Besitz des Klosters Wettingen und befand sich an der Stelle, wo heute der Gewerbebau Zentralplatz 2a steht.
Rainer Stöckli




