Wie alles begann…
26.05.2023 Serie im ReussboteFrühere Drucker in Mellingen
Wenn der «Reussbote» 125 Jahre alt wird, dann heisst das nicht, dass man in Mellingen auch seit 125 Jahren druckt. Um 1860 war ein Buchbinder namens Albert Frey in Mellingen tätig, der auch Drucksachen lieferte. Schon sein ...
Frühere Drucker in Mellingen
Wenn der «Reussbote» 125 Jahre alt wird, dann heisst das nicht, dass man in Mellingen auch seit 125 Jahren druckt. Um 1860 war ein Buchbinder namens Albert Frey in Mellingen tätig, der auch Drucksachen lieferte. Schon sein Vater Michael Frey war Buchbinder und Drucker. Er war, wie auch sein Sohn, eifriges Mitglied der Blasmusikgesellschaft – sein Notenbüchlein ist noch vorhanden. Auf diesem Notenbüchlein prangt ein prächtiges Deckenschild mit der gedruckten Jahreszahl 1826. Diese Etikette ist offenbar von Michael Frey gedruckt worden. Das Schriftenmaterial samt dem übrigen Nachlass aus der ehemaligen «Frey’schen Buchdruckerei» ist circa 1908 öffentlich versteigert worden.
Ein weiterer Buchdrucker wird im Gemeinderats-Protokoll vom 18. Februar 1868 erwähnt. Der Stadtammann von Luzern hatte gemeldet, dass der Buchdruckerlehrling Heinrich Frei krank sei und im dortigen Spital gepflegt werde. Dieser Heinrich Frei betätigte sich bis um die Jahrhundertwende in Mellingen als Buchbinder und fertigte daneben auch Drucksachen an. Nach seinem Ableben übernahm Adelbert Wassmer die Werkstätte an der Grossen Kirchgasse.
Von einem Schriftsetzer auf Wanderschaft erhielt der Gemeinderat 1884 Kenntnis. Am 26. Januar habe sich Franz Alfred Hümbelin von Mellingen mit wunden Füssen im Krankenhaus Hemau (Bayern) gemeldet und sei nach 38 Tagen als geheilt entlassen worden. Die Spitalrechnung von 76,42 D-Mark wurde der Heimatgemeinde Mellingen überwiesen und von dieser, laut Ratsprotokoll vom 16. März 1884, genehmigt. Franz Alfred Hümbelin liess sich später in Zürich nieder und besuchte im Alter oft seine Heimatgemeinde, wo er im Gemeindearchiv Nachforschungen über seine Vorfahrin Bernarda Hümbelin, Klosterpriorin in Gnadenthal, anstellte.
Druckerei «Der Reussbote»
Über die Anfänge der Mellinger Zeitung gibt «Das Buch der Schweizer Zeitungsverleger 1899–1924» Auskunft. Es steht dort zu lesen, dass zu Ende des letzten Jahrhunderts auch im Städtchen Mellingen an der Reuss das Verlangen nach einer eigenen Presse erwachte. In den Orten Baden, Bremgarten, Lenzburg und Wohlen bestanden bereits Zeitungen. Das Mellinger Gewerbe inserierte wahllos in einer dieser Zeitungen, da keine in Mellingen dominierte. Als sich dann aber bei den Geschäftsleuten eine wirtschaftliche Zersplitterung fühlbar zu machen begann, da kamen ein paar kluge Leute auf den Gedanken, ein der Vermittlung von Angebot und Nachfrage dienendes eigenes Blatt zu schaffen. Ein Komitee, unter Führung von Fabrikant Hermann Rohr, wurde bestellt. Dieses veranlasste den Badener Verleger und Buchdrucker Otto Wanner (senior) zur Einrichtung einer kleinen Druckerei im oberen Boden des Gemeindehauses. Dort war bis 1897 die Schule untergebracht, die in das neue Schulhaus an der Bahnhofstrasse gewechselt hatte.
Der Überlieferung nach spielte aber noch ein weiterer Grund zur Schaffung eines Lokalblattes mit. Das im Aargau heftig umstrittene Projekt eines Kraftwerkbaues in Mellingen sollte verwirklicht werden. Die Befürworter gingen nicht immer sanft mit den Gegnern um. Das führte dazu, dass alle Aargauer Zeitungen die Einsendungen nicht mehr veröffentlichten. Um aber ein Sprachrohr zu haben, wurde der «Reussbote» gegründet.
Verleger Wanner schickte seinen Angestellten Schmid nach Mellingen, der sich als Redaktor, Setzer und Drucker betätigte. Am 4. Juni 1898 kam die erste Nummer der neuen Zeitung «Der Reussbote» heraus. Das halbwöchentlich erscheinende Blättchen von vier Seiten Umfang erklärte sich politisch neutral. Im Juni 1903 gelangten Druckerei und Zeitung in den Besitz von Albert Rymann-Bitterli, eines anderen Angestellten der Buchdruckerei Wanner. Er konnte für die Redaktion regsame Mitarbeiter gewinnen, vorab Stadtpfarrer Karl Abegg. Doch diese Mitarbeiter konnten die Zeitung in den Einflussbereich der Katholisch-konservativen Partei locken. Das verstimmte besonders bei Wahlen die liberalen Gemüter so stark, dass sie sich schliesslich an den Badener Zeitungsmann und Politiker J. Jäger wandten und ihn dazu brachten, einige Jahre lang ein Kopfblatt der «Schweizer Freien Presse» unter dem Namen «Reusstaler» in den Verbreitungskreis des «Reussbote» zu senden. Das war ein schwerer Schlag für das Mellinger Blatt; seine Auflage erlitt empfindliche Einbussen.
Am 7. Dezember 1911 verabschiedet sich Albert Rymann. In der folgenden Ausgabe wurde der Fislisbacher Ernst Schibli-Seiler als Nachfolger vorgestellt. Gleichzeitig wurde die Druckerei ins Eckhaus Grosse/Kleine Kirchgasse beim Brunnen am Kirchplatz verlegt. Die Frau des neuen Besitzers kannte sich, als Tochter von Bezirksrichter Fritz Seiler, Wohlenschwil, mit den Eigenheiten der Reusstaler bestens aus.
Aber bereits an Weihnachten 1913 machte Ernst Schibli dem in Rom arbeitenden Albert Nüssli das Angebot, die Druckerei mit Zeitung zu übernehmen.
Dieser Kauf erfolgte auf den 1. April 1914. Seither ist die Druckerei mit Verlag im Besitze der Familie Nüssli; sie wird heute in dritter und vierter Generation geführt.
Politische Wirren
Wie bereits erwähnt, sind zu Anfang des letzten Jahrhunderts in Mellingen harte politische Auseinandersetzungen erfolgt. Naturgemäss wirken sich diese in erster Linie auf ein Lokalblatt unangenehm aus. Das hat die ersten beiden Verleger zermürbt und auch den Nachfolgern oft Sorgen bereitet. Ganz schlimm muss es so um 1906 herum gewesen sein. Der Wettinger Dr. Alfred Wyrsch wurde nach einem heftigen Wahlkampf gegen Josef Jäger, dem späteren Badener Stadtammann, zum Nationalrat gewählt. Im «Reussbote» wurde in auffälliger Weise zugunsten Wyrschs Stellung bezogen. In der Druckerei soll «das Hauptquartier» der Freunde von Wyrsch oder der Gegner des Badener Bezirksschullehrers und Buchdruckers Jäger gewesen sein. Jäger hatte von 1906 bis 1917 seine «Schweizer Freie Presse» als Kopfblatt für den zweimal wöchentlich erscheinenden «Reusstaler» zur Verfügung gestellt.
Ein weiteres Mal wurde gegen den «Reussbote» ein Konkurrenzblatt aufgezogen. Ein ehemaliger Lehrling von Albert Nüssli gründete um die 1940er-Jahre an der Grossen Kirchgasse eine zweite Druckerei in Mellingen. Mit Unterstützung eines Gewerbetreibenden vom Städtchen wurde dieses Konkurrenzblatt geschaffen, das sich allerdings nicht lange halten konnte.
Die grösste Konkurrenz waren aber die Tageszeitungen. Je länger je mehr drangen sie in die Domäne der Lokalzeitungen ein und berichteten über Geschehen, die eigentlich den Lokalzeitungen vorbehalten waren. Die Abonnenten merkten es aber erst, wenn wieder ein Lokalblatt «gebodigt» war und dann die Lokalnachrichten in den Tageszeitungen aus dieser Region spärlicher wurden …
In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind die ehemals politischen Zeitungen «neutralisiert» worden. Die freisinnigen Blätter «Aargauer Tagblatt», «Badener Tagblatt» und «Zofinger Tagblatt» wurden liberal und parteiungebunden, das «Aargauer Volksblatt» war nicht mehr Sprachrohr der CVP. Als aber 1914 der neue Verleger des «Reussbote» auch diesen Weg beschritt und in seiner Antrittsrede festhielt, das Blatt werde sich parteipolitisch neutral verhalten, da wurde der «Reussbote» von den Kanzeln der Umgebung herab als «nicht katholische» Zeitung taxiert! Heute könnten wir uns eine solche Einstellung nicht mehr vorstellen.
Ein weiteres «Müsterchen» aus längst vergangenen Zeiten: Pfarrer Karl Abegg von katholisch Mellingen war ein eifriger Zeitungsschreiber für den «Reussbote», da ihn ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Verleger verband. Als seine Berichte sich aber je länger je mehr der konservativen Seite zuwandten, da stiegen die freisinnigen Kreise auf die Barrikade und sorgten dafür dass die vorerwähnte täglich erscheinende «Schweizer Freie Presse» (später «Aargauer Volksblatt») am Dienstag und Freitag (den Erscheinungstagen des «Reussbote») als «Reusstaler» im Reusstal und am Rohrdorferberg erschien. Heute lächeln wir vielleicht über solche Reaktionen, aber damals war es bitterer Ernst, der an die Existenz ging.
Vier Generationen Nüssli
Der neue Verleger Albert Nüssli (1891) wuchs als Pflegekind bei Jakob und Verena Wettstein-Suter aus Fislisbach im ehemaligen Bahnwärterhaus an der Reussbrücke auf. 1898 zog die Familie ins neuerworbene Bauernhaus an der Bahnhofstrasse, wo heute die Druckerei stationiert ist. Albert Nüssli absolvierte die ersten drei Lehrjahre als Schriftsetzer bei Albert Rymann (1906–1908), und das vierte Lehrjahr in der Buchdruckerei Frauenfelder bei der Stadtkirche in Bremgarten. Nach zwei Gehilfenjahren im Effingerhof in Brugg, zog Albert Nüssli im Mai 1912 nach Rom in die Buchdruckerei Armani + Stein, die vorwiegend Kunstbücher herstellte. Dort wurde ihm, wie erwähnt, die Buchdruckerei in Mellingen angeboten.
Der Start war nicht vielversprechend. Kaum hatte er die Arbeit aufgenommen, brach der Erste Weltkrieg aus und er musste für längere Zeit in den Grenzdienst. Zu Hause besorgten die neuvermählte Gattin Ida Nüssli-Stutz und der Lehrling Walter Seiler (Wohlenschwil) den Satz und Druck der Zeitung, während wohlgesinnte Leute die Redaktion übernahmen.
Adolf Nüssli (1927) von der zweiten Generation, war nach der Handelsschule, der Lehre als Schriftsetzer, weiterer Ausbildung und einigen Wanderjahren am 1. Dezember 1956 in den Betrieb eingetreten. Am 1. Januar 1961 übernahm er die Buchdruckerei und den Verlag.
Von der dritten Generation kam im Jahre 1983 Dieter Nüssli (1954) in den Betrieb. 1991 folgte Benedikt Nüssli (1961). Beide hatten die Technikerschule für die Grafische Industrie besucht und mit dem Diplom abgeschlossen. Nach weiterer praktischer Ausbildung in verschiedenen Betrieben übernahmen sie ihre Führungsaufgaben in der «Reussbote»-Druckerei. Dieter Nüssli war für den Bereich Drucksachen zuständig, während Benedikt Nüssli für die Zeitung verantwortlich ist.
2017 folgte mit Selina Nüssli (1993), Tochter von Jolanda und Benedikt Nüssli, die vierte Generation. Sie hatte die Ausbildung als Technikerin HF mit Diplom abgeschlossen. Nach der Pensionierung von Dieter Nüssli übernahm sie im Oktober 2019 die Leitung der Kundendruckerei. Vor einem Jahr nun folgte der Eintritt von Stephanie Sommer (1994), Tochter von Jolanda und Benedikt Nüssli. Sie studierte an der Universität Freiburg Medien und Kommunikation, bildete sich an der Fachhochschule Nordwestschweiz weiter zur Digital Marketing Spezialistin und betreut seither die Social Media-Plattformen des «Reussbote» in einem Teilzeitpensum.
Nach der baulichen Erweiterung und einer totalen technischen Erneuerung wurde die bisherige Einzelfirma auf den 1. Januar 1991 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Verwaltungsratspräsident war Adolf Nüssli. Seit 1996 ist Christoph Nüssli (1965) Präsident des Verwaltungsrats.
So sind dann im Jubiläumsjahr 2023 Druckerei und Verlag seit 109 Jahren von der Familie Nüssli mit viel Engagement geführt worden.
Das Druckhaus an der Bahnhofstrasse
Wie bereits erwähnt, wurde der «Reussbote» von 1898 bis am 7. Dezember 1911 im Rathaus gedruckt. Dann war die Buchdruckerei im Haus beim Brunnen am Kirchplatz untergebracht wo Albert Nüssli bis am 28. Juni 1919 die 1914 erworbene Buchdruckerei betrieb. Seit diesem Datum ist der «Reussbote» mit Buchdruckerei an der Bahnhofstrasse 37 domiziliert. Dieses Haus, damals Nr. 5, wurde um 1825 von Gemeindeammann Josef Marin Gretener, genannt der «Neumüller» (er war Besitzer der Bruggmühle und der Wydenmühle) erbaut. Er hatte auch die Häuserzeile von der heutigen «Krone» bis zum Schulhaus gebaut. 1854 kam er in den Geldstag (Konkurs), und Roman Zumstein-Stöckli erwarb es für 2100 Franken (neue 3360 Franken). Da er auch Reben im Brand pflegte, durfte er in der heutigen grossen Wohnstube eine Eigengewächs-Pintenwirtschaft betreiben. 1867 kam auch er in den Geldstag, und am 11. Mai 1867 erwarb seine Ehefrau Magdalena Zumstein-Stöckli aus der Familie des Bauernhofes droben am Rank (heute Garage Vecchio) das Haus samt Umgelände für 5000 neue Franken. Am 18. Juli 1886 erwarb ihr Bruder Meinrad Stöckli, Fuhrmann, die Liegenschaft Wohnhaus Nr. 5 zu 4600 Franken, 134 Quadratmeter Land (worauf das Wohnhaus stand) für 65 Franken, und 545 Quadratmeter Garten für 390 Franken nebst weiterem Land. Bürgen waren unter anderen Jakob Wettstein, Bahnwärter (der Pflegevater von Albert Nüssli), der am gleichen Tag diese drei Positionen für 4300 Franken erwarb und bar bezahlte.
Am 3. September 1898 kaufte Jakob Wettstein von Gustav Strebel, Holzhändler (Nachbar), 4,04 Aren Mattland auf der Breite, welches den Dreispitz zwischen eigener Liegenschaft und Mühlebach in sich schliesst. Schatzung 195 Franken, Kaufsumme 800 Franken. Der Verkäufer behielt sich sechs Pappeln vor, welche bis 1899 gefällt werden mussten! Am 1. September 1906 kaufte Jakob Wettstein von der Erbschaft Schneider 1,43 Aren Garten. Kaufsumme 220 Franken. 1919 hat Albert Nüssli diese Liegenschaft für 22 000 Franken gekauft. Die auf der Nordseite befindliche Scheune baute er für die Druckerei um.
Bald war jedoch der Raum zu klein. 1926 wurde das ganze Parterre für die Druckerei genutzt. Der Keller wurde um gut einen Meter vertieft und das Papierlager, die Waschküche, die Zentralheizung mit Kohlenkeller untergebracht. 1935 gab es einen weiteren Total-Umbau. Der Dachfirst wurde um gut zwei Meter gehoben, damit im ehemaligen Estrich vier Zimmer und das Archiv untergebracht werden konnten. Im Ostgiebel wurde damals der Granitfindling, auf welchem sich das Mellinger Wappen mit der Jahreszahl 1769 befindet, eingemauert. Er zierte den Eingang der Gemeindetrotte, die 1930 abgebrochen worden war. Albert Nüssli fand damals die Beziehung Trotte-Druckerei so: in der Trotte wurden die Reben gedrückt, im Haus 193 «Der Reussbote» gedruckt! 1990/1991 wurde die ganze Liegenschaft umgebaut und ein grosszügiger Anbau erstellt.
Die Druckerei
Die Einrichtungen der ersten Jahre waren nach heutigen Bedürfnissen einfach, ja primitiv. Die meiste Arbeit wurde von Hand erledigt. Ein gewaltiger Schritt wurde 1926 getan. Eine neue Schnellpresse-Druckmaschine im Format 70 x 100 cm wurde angeschafft, mit der vier Seiten des «Reussbote» auf einmal gedruckt werden konnten. Sie war 18 Tonnen schwer und hatte einen Falzapparat angebaut, mit dem in der Stunde 1500 Zeitungen gedruckt und gefalzt werden konnten. Im gleichen Jahr wurde auch eine Typograph-Setzmaschine angeschafft. Das setzte die technische Voraussetzung, dass ab diesem Jahr von der zweimaligen zur dreimaligen Ausgabe pro Woche übergegangen werden konnte.
In den folgenden Jahren wurde bis heute immer wieder investiert, neue Druck- und Setzmaschinen, Falzmaschinen und weitere Apparate angeschafft.
Eine grundlegende Umstrukturierung erfolgte im Zuge der Umstellung vom Buch- zum Offsetdruck, vom Bleisatz zum Fotosatz, verbunden mit dem Neubau. Der Druck des «Reussbote» erfolgt jetzt auf einer Zweifarbenmaschine.
Es wird aber auch in den kommenden Jahren immer wieder grosse Anstrengungen brauchen, um den Betrieb «à jour» zu halten. Hoffen wir, dass die jeweiligen Verantwortlichen immer den nötigen Elan haben werden. (bn)












