Meli verarbeitete bis zu 10 000 Tonnen Obst im Jahr
01.09.2023 Mellingen, Region ReusstalErnst Busslinger blickt zurück auf Zeiten, in denen die Meli an der Bahnhofstrasse Most produzierte und abfüllte
Heute ist der stattliche Bau an der Bahnhofstrasse in Mellingen ein Wohn- und Geschäftshaus. Früher aber, wurde dort Obst verarbeitet. Äpfel und Birnen ...
Ernst Busslinger blickt zurück auf Zeiten, in denen die Meli an der Bahnhofstrasse Most produzierte und abfüllte
Heute ist der stattliche Bau an der Bahnhofstrasse in Mellingen ein Wohn- und Geschäftshaus. Früher aber, wurde dort Obst verarbeitet. Äpfel und Birnen wurden gepresst, eingedickt, gemischt und in Flaschen abgefüllt.
Ernst Busslinger (77), ehemaliger Chef der Meli Fruchtsäfte AG, empfängt den «Reussbote» in seinem Büro in einem Mehrfamilienhaus, oberhalb seines ehemaligen Betriebes. Die Firma wurde 1917 gegründet. Aus der damaligen Obermühle entstand eine Mosterei. Seine Urgrossmutter soll auf dem Totenbett den Wunsch geäussert haben, dass ihre Familie eine Mosterei gründe, erzählt Busslinger.
Der Aufbau begann steinig, waren doch praktisch in jeder zweiten Ortschaft Obstverarbeitungen, respektive bäuerliche Mostereien beheimatet. Obwohl die Entwicklung in den Jahren des Ersten Weltkrieges die damalige Obstverwertung begünstigte, ging die Modernisierung nur langsam voran. Nach 1918 herrschten im schweizerischen Mosterei-Gewerbe bittere Zeiten.
Brennverbot begünstigt Mostproduktion
Ein Bremsklotz zur Weiterentwicklung war die fehlende Technologie zur ganzjährigen Herstellung von Süssmost. So wurde vorwiegend Obstwein gekeltert und zu Schnaps verarbeitet. Bald drückte die Überproduktion auf die Obstpreise und dies brachte einen Preiszerfall für die Obstproduzenten. Im Jahre 1933 trat die Alkoholgesetzgebung in Kraft. Der durch die Alkoholverwaltung garantierte Übernahmepreis für Schnaps war so interessant, dass erneut zu viel Schnaps produziert wurde. 1936 erliess die Alkoholverwaltung deshalb ein Brennverbot und der Ruf nach alkoholfreier Verwertung wurde immer grösser. Bei der Mosterei Meli begann 1939 die Süssmosterei, welche sich rasch positiv entwickelte. Schon bald wurden Gebäulichkeiten und Anlagen erweitert. 1941 wurden die ersten Tanks angeliefert und in Betrieb genommen, sechs Jahre später wurde ein grosser Anbau südlich des Geschäftshauses erstellt. Dieser enthielt im Parterre den Lagerkeller, Filteranlagen und den Maschinenraum, im ersten Stock befand sich die Flaschenabfüllanlage, im 2. Stock das Lager. Mit dieser Erweiterung konnte die Firma Obst aus 45 Gemeinden der Umgebung Mellingen in der Mosterei verwerten. Bis zu 10 000 Tonnen Obst, vorwiegend Äpfel, wurden verwertet. Grosse Obsternten brachten die Mosterei an den Rand der Verarbeitungskapazität. Daher wurden im freien Feld an der Bahnhofstrasse Aussenlager angelegt und kontinuierlich verarbeitet.
Gepresste Frucht zu Pektin verarbeitet
Die reiche Obsternte wurde gewaschen, gemahlen und unter Druck gepresst. Die gepresste Frucht wurde anschliessend getrocknet und zu Pektin verarbeitet. Aus dem nassen Trester entstand der Kernobstbranntwein, erinnert sich Ernst Busslinger. Die Landwirte, die mit Traktor und Anhänger das Obst nach Mellingen brachten, kassierten den Betrag für das Obst am Schalter der Meli. «Wir bezahlten immer bar auf die Hand», erinnert sich Busslinger. 1980 erfolgte erneut ein Ausbau auf dem Firmengelände. An den Hauptteil wurde eine grüne Lagerhalle angebaut.
Immer weniger Obst
In den 1990er-Jahren brachten die Landwirte von Jahr zu Jahr weniger Obst nach Mellingen. Was sind die Gründe dafür? Viele Hochstammplantagen gingen infolge Überbauungen zugrunde. Die Produktion nahm von 10 000 Tonnen kontinuierlich ab auf 1500 Tonnen jährlich. Eine rentable Verarbeitung war nicht mehr möglich. Deshalb kaufte die «Moschti» das Obst in der Ostschweiz ein – es gab einen Handel wie an der Börse erinnert sich Busslinger. Er hinterfragte den Einkauf von Obst. Ist es sinnvoll, das Obst in der Ostschweiz einzukaufen, nach Mellingen zu transportieren und damit die Umwelt zu belasten und gleichzeitig den Mostereien in der Ostschweiz das Obst wegzukaufen? Busslinger kam zum Entscheid, dass es nicht sinnvoll ist und stellte den Betrieb der Verarbeitung von Obst ein. 1996 ist der letzte Teil der Obstverwertungsanlage in den Iran verkauft worden. Seit 1996 war die Meli keine Mosterei mehr, sondern dem Firmennamen getreu ein Fruchtsaftbetrieb (Meli Fruchtsäfte AG).
Neue Flaschensirup-Anlage
Ernst Busslinger erinnert sich: «Wir mussten uns neu erfinden. Durch die Umstellung wurden neue Sparten geschaffen.» Es folgte eine neue Flaschensirup-Abteilung, die neue Produkte ermöglichte. 1992 erfolgte die Eröffnung eines Ladens mit Getränkehandel, der über Jahre gut florierte. Zehn Jahre später wurde der Laden verkauft an die Kette Rio Getränkehandel.
Gemäss Busslinger ist der Rückgang von Obst dafür verantwortlich, dass keine rentable Verarbeitung gelang. Hinzu kam, dass der Kanton Aargau sich zu einem Industrie- und Wohnkanton entwickelte und sich deshalb für die Obstverwertung nicht mehr eignete. Diese Gründe zwangen die Meli Direkt AG das Areal zu verkaufen. Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Mellingen erwarb das Areal und nutzte es zu einem Wohnund Gewerbepark um.
Benedikt Nüssli
Quellen: Ernst Busslinger; Fotoarchiv der Stadt Mellingen; Umnutzung des Meli-Areals von Barbara Habermacher (2006/2007).






