Total authentisch: «Es gibt keine zwei Valentinas»
26.01.2024 Stetten, Region ReusstalValentina Wetter (29) steht seit einem Jahr an der Spitze der Stahlbaufirma H. Wetter AG. In dieser Zeit hat sie ganz schön viel verändert
Sie hat sich früh in ihrem Leben entschieden, welchen Weg sie beruflich gehen will. Sie will Verantwortung als Unternehmerin tragen. Seit ...
Valentina Wetter (29) steht seit einem Jahr an der Spitze der Stahlbaufirma H. Wetter AG. In dieser Zeit hat sie ganz schön viel verändert
Sie hat sich früh in ihrem Leben entschieden, welchen Weg sie beruflich gehen will. Sie will Verantwortung als Unternehmerin tragen. Seit einem Jahr steht Valentina Wetter mit noch nicht einmal 30 Jahren an der Spitze des Stahlbau-Unternehmens H. Wetter AG in Stetten. Eine Aufgabe, die sie unerschrocken mit viel Schwung und neuen Ideen anpackt.
Valentina Wetter ist gerade zurück aus Costa Rica. Mit sanfter Bräune und frischen Kräften, die sie in ihrem Job gut gebrauchen kann. Sie hat sich eine dreiwöchige Auszeit gegönnt. Ein Blick in ihren LinkedIn-Account zeigt: Ferien und Auszeiten von Führungskräften sind ein viel und oft heiss diskutiertes Thema. Auf der einen Seite stehen jene, die Job und Karriere alles unterordnen und sich förmlich von der Schwere ihrer Aufgaben auffressen lassen. Auf der anderen Seite finden sich die, die Auszeiten als Chance packen, um nicht nur frische Energie zu tanken. Valentina Wetter sagt zu ihrem jährlichen «Auszeit-Ritual», bei dem sie sich drei bis vier Wochen Distanz zur Arbeit gönnt: «Als CEO im Familienunternehmen weiss ich, dass wahre Erholung Zeit braucht. Eine längere Pause ermöglicht es mir, Abstand zum Alltag zu gewinnen und Energie zu tanken. Gleichzeitig nutze ich diese Zeit, um meine Gedanken zu ordnen und mich selbst zu reflektieren. Diese Auszeit ist nicht nur persönlich wertvoll, sondern auch für das Unternehmen von Bedeutung. Sie ermöglicht mir: Gestärkt und mit frischer Perspektive zurückzukehren; bessere strategische Entscheidungen zu treffen; die Kreativität im Team zu fördern; ein inspirierendes Führungsklima zu schaffen.
Eine Teamplayerin durch und durch
Valentina Wetter lässt vieles leicht aussehen, was für andere Last und Bürde wäre. Sie lässt Menschen an sich heran, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Ihre braunen Augen verraten ihre ungestillte Neugier und einen grossen Wissensdurst. Geht nicht, scheint in ihrem Vokabular gänzlich zu fehlen. Sie interessiert sich für das was geht und möglich ist. Statt Probleme zu wälzen, ist sie ständig darauf bedacht, Lösungen zu finden. Aber nicht im stillen Kämmerlein. Valentina Wetter versteht sich rundum als Teamplayerin. Sie geht auf Menschen zu. Offen und direkt, stets auf Augenhöhe, selbst wenn das Gegenüber einen guten Kopf grösser ist, wie wir das im Bild in dieser Reportage festgehalten haben (siehe Seite 17).
Innovation wird grossgeschrieben
Ein gutes Beispiel für die lösungsorientierte Herangehensweise und ihren Innovationsgeist, ist das Projekt «Terrorsperre». Unter dem Markennamen «Fair Guard» haben die Stetter Stahlbauer eine mobile Sicherheitssperre aus Spezialstahl entwickelt, mit der Amokfahrten mit Lastwagen aufgehalten werden können. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, die einfach transportiert, schnell auf- und auch wieder abgebaut werden kann. Die Firma Wetter hat diese Konstruktion mit Ingenieuren aus Deutschland entwickelt. Ein Video zeigt, wie ein schwerer Lastwagen in voller Fahrt auf die Sperre aufprallt und förmlich «aufgespiesst» wird.
«Zurzeit sind wir dabei, die Sperre zu vermarkten», sagt Valentina Wetter. Die Innovation aus Stetten stösst dabei auf grosses internationales Interesse. Die Nachfrage zeigt: Die Erfindung entspricht einem echten Bedürfnis weltweit. Innovation ist im Hause Wetter ein Schlüsselwort. Es gibt kaum etwas, was die Stetter Stahlbauer nicht mit Stahl bauen können.
Als Hans Wetter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Baden eine Kunstschlosserei gründete, die auf die Herstellung von Kerzenständern und Lampen spezialisiert war, konnte niemand ahnen, was aus der Firma mehr als 75 Jahre später einmal werden würde. Nach dem frühen Tod des Firmengründers 1968, übernahmen seine Söhne Heinz und Hans Peter Wetter den Betrieb mit damals gerade einmal sechs Mitarbeitenden. Die Wetter-Brüder entwickelten die Firma zu einem mittelständischen Unternehmen, das heute schweizweit zu den führenden Stahlbauern mit rund 150 Mitarbeitenden gehört. Heute baut Wetter Stahlbau ganze Hallen und Häuser. Was aus Stahl irgendwie machbar ist: Wetter plant, konstruiert und baut es.
Im zarten Alter von 23 Jahren übernahm Valentina mit ihrem Bruder Sandro und Cousin Gabriel Wetter, gemeinsam mit Philip Doka das Aktionariat der Firma. «Ich musste mich früh entscheiden, in welche Richtung mein Berufsweg gehen sollte», sagt die junge Frau, die täglich von ihrem Wohnort Meggen (LU) nach Stetten pendelt. «Ich habe mich entschieden, Verantwortung zu übernehmen und Unternehmerin zu sein.» Lernen kann man das bekanntlich nicht. Zwar hat Valentina Wetter einen Bachelor in Betriebsökonomie und ein Masterdiplom in Wirtschaftspsychologie in der Tasche. Sie entschied sich aber, zuerst einmal ausserhalb des Betriebes einige Jahre Erfahrungen zu sammeln. So arbeitete sie beim renommierten österreichischen Baukonzern Porr in Zürich als Leiterin Unternehmensentwicklung, ehe die Tochter von Hans Peter Wetter im November 2022 die Position als CEO übernahm.
Geht das überhaupt?
Mit erst 28 Jahren als Frau an der Spitze eines Stahlbauunternehmens – Geht das überhaupt? Eine Wirtschaftspsychologin, die weder Ingenieurin noch Konstrukteurin oder gar Stahlbauerin ist? Ja, das geht. Das sagen nicht nur sie und ihre Familie. Das sagen auch Mitarbeitende, die von ihrer jungen Chefin schwärmen. «Sie hat enorm viel frischen Wind in den Betrieb gebracht», lautet unisono der Tenor, wenn man sich im Betrieb umhört. Es ist noch nicht überall bekannt.
Valentina Wetters Führungsrolle
Aber dort, wo Frauen die Führungsrolle übernommen haben, wird von einer neuen Firmenkultur berichtet. Frauen in Führungspositionen zeichnen sich oft durch andere Herangehensweisen aus. Valentina Wetter selbst sagt, warum das geht: «Bei 150 Mitarbeitenden bin ich in einer absoluten Führungsrolle und nicht in der operativen Tätigkeit, wo das tiefgreifende Fachwissen zum Stahlbau nötig wäre. Dafür habe ich meine Fachexperten in den jeweiligen Bereichen. Ich bringe meine Qualitäten als empathische Persönlichkeit und mein Wissen als Wirtschaftspsychologin ein, was entscheidend für die Führung unserer Mitarbeitenden ist – meiner Hauptaufgabe. Zudem bilden meine Kenntnisse in Betriebsökonomie das Fundament für die finanzielle und strategische Leitung des Unternehmens. Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich das Unternehmen nicht alleine führe. Die Zusammenarbeit mit der erweiterten Geschäftsleitung ist essenziell, und wir folgen dem Motto: «Wir machen es gemeinsam.» Ich habe nicht den Anspruch, die Firma allein zum Erfolg zu führen, sondern vertraue auf die Stärke unseres Teams.»
Klartext von Anfang an
Als erstes hat Valentina Wetter mit den Mitarbeitenden das persönliche Gespräch gesucht. «Ich habe erfahren wollen, was sie von mir als Chefin erwarten würden. Dabei habe sich herausgeschält, was von einem CEO erwartet wird, nämlich dass er am Morgen als erster im Büro ist und abends als letzter das Licht löscht. Sie aber sagt: «Unternehmerin ist man nicht nur von 8 bis 17 Uhr. Ich definiere meine Rolle nicht über Präsenzzeit, sondern über Verlässlichkeit, was einer meiner Grundwerte- und Prinzipien ist.» Und: «Es besteht oft ein generationsübergreifender Konflikt in der Auffassung von Leistung und Arbeitspräsenz. Die ältere Generation betrachtet Leistung häufig im Kontext von Anzahl der Arbeitsstunden und Präsenz im Büro. Der Grundsatz «der Chef ist der erste, der kommt, und der letzte, der geht» spiegelt diese Denkweise wider. Doch in der heutigen sich rasant verändernden Arbeitswelt wird immer deutlicher, dass es nicht mehr nur um Präsenzzeit geht.»
Echte Präsenz zeigen
«Es ist möglich, zwölf Stunden im Büro zu verbringen und dennoch nicht präsent zu sein, da keinerlei Zeit für die Mitarbeitenden eingeplant wird. Vielmehr steht der Wert der Verlässlichkeit im Mittelpunkt. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, nachzufragen und echte Präsenz zu zeigen. Diese Aspekte sind nicht zwingend an die Präsenzzeit gebunden, sondern betonen die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen. In der modernen Arbeitswelt geht es nicht mehr ausschliesslich um die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern vielmehr um die erbrachte Leistung und den Beitrag zum Unternehmenserfolg.» Valentina Wetter sagt, sie habe ihren Entscheid, die Führungsrolle im Familienbetrieb zu übernehmen, davon abhängig gemacht, ihre eigenen Prinzipien einbringen zu können, wie sie sie eben in groben Zügen umschrieben hat.
«Es gibt nur eine Valentina»
Sie sagte: «Ich mache den Job nur dann, wenn ich ihn auf meine Weise machen kann. Denn es gibt keine zwei Valentinas, eine privat und die andere im Geschäft.» Sie darf. Die ganze Familie hat dazu ihren Segen erteilt. Und so hört sich ein Gespräch mit Valentina Wetter nicht so an, wie man es sich von einer von Zahlen geprägten Wirtschaftselite gewöhnt ist. Sie redet von einem guten Betriebsklima, guten Arbeitsbedingungen, Freiräumen zur Entfaltung kreativer Möglichkeiten, guter Kommunikation, Empathie, sozialer Kompetenz und offener und transparenter Kommunikation. Sie setzt auf die Zusammenarbeit und den Austausch von Ideen, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, in dem Teammitglieder effektiv zusammenarbeiten können.
Ihr Ansatz lautet: «gute und motivierte Mitarbeitende führen zum Erfolg und dem langfristigen Bestehen des Unternehmens. Deshalb stehen sie für mich im Fokus.» Als CEO ist ihr wichtig, die Bedürfnisse und Perspektiven der Mitarbeitenden zu verstehen und darauf einzugehen, um ein positives Arbeitsumfeld zu schaffen. Das erfordere Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Das Reiten auf den Wellen
Valentina Wetter ist Frühaufsteherin. Der Wecker klingelt um fünf. Als erstes steht ihre Fitness auf dem Programm. Etwas Krafttraining oder Yoga, bevor sie den Weg nach Stetten zur Arbeit unter die Räder nimmt.
Angesichts ihrer vollgepackten Arbeitstage, bei denen ein Meeting das andere jagt, legt sie umso mehr Wert auf den Ausgleich. Dieser beinhaltet unter anderem ihre sportliche Morgenroutine und auch die regelmässigen Auszeiten. Und das Reiten auf den Wellen mit dem Surfbrett. «Beim Surfen finde ich nicht nur sportliche Herausforderung, sondern entdeckte auch eine inspirierende Parallele für meinen beruflichen Weg», teilte sie ihren LinkedIn-Followern mit. «Als ich auf dem Board stand, wurde mir klar, wie wichtig Balance im Leben ist. Die Kunst, auf den Wellen das Gleichgewicht zu halten, spiegelt wider, wie wir auch in turbulenten Zeiten persönliche und berufliche Balance finden können.» Und: «Surfen lehrt mich, flexibel zu sein und im Einklang mit den Wellen des Lebens zu schwingen. Diese Erkenntnisse trage ich mit zurück ins Unternehmen und in den Alltag.»
Zurück im Nebel
Nun ist sie zurück im Alltag, zurück im Betrieb in Stetten – und hat den Sonnenschein gleich mitgebracht.
Die Mitarbeitenden wissen es zu schätzen. Sie spüren und geniessen die frische Brise, die durch den Betrieb weht. Aber am Ende des Tages gilt auch für Valentina Wetter das Leistungsprinzip. Die Firma ist wie jede andere auch auf Gewinn angewiesen, damit sie in die Zukunft investieren und die Ausbildungs- und Arbeitsplätze erhalten kann. Dass das auch mit völlig anderen Führungsmethoden gelingen kann, das steht am Ende eines jeden Jahres in den Büchern der Wetter-Gruppe. «Ja klar, die Aktionäre wollen Gewinn sehen. Ohne Gewinn besteht keine Zukunft für das Unternehmen», betont sie. Und, wie sieht es diesbezüglich aus? «Ach, wir sind ganz gut auf Kurs», sagt Valentina beim Abschied mit einem Lächeln im Gesicht. Als gäbe es nichts Einfacheres.
Beat Gomes





