«Eine vorbildliche Jugendarbeit»
07.06.2024 Mellingen, Region ReusstalStadtpräsidentin Györgyi Schaeffer spricht über «Kreuzzelg» und die Jugendarbeit in der Gemeinde
Eingeschränkte Öffnungszeiten und ein Zaun rund um den Fussballplatz Kleine Kreuzzelg haben in der Bevölkerung für heftige Reaktionen gesorgt. Nun ...
Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer spricht über «Kreuzzelg» und die Jugendarbeit in der Gemeinde
Eingeschränkte Öffnungszeiten und ein Zaun rund um den Fussballplatz Kleine Kreuzzelg haben in der Bevölkerung für heftige Reaktionen gesorgt. Nun äussert sich die Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer.
Das Thema lässt die Emotionen hoch gehen: Kürzlich teilte der Stadtrat mit, dass die Öffnungszeiten des Fussballplatzes bei der Schule Kreuzzelg stark eingeschränkt werden. Ausserdem wurde rund um den Platz ein Zaun errichtet. Das stiess bei vielen auf Unverständnis, zahlreiche Leserbriefe zum Thema gingen beim «Reussbote» ein. Der Konflikt wirft die Frage auf: Macht Mellingen genug für die Jugendlichen?
◆ Frau Schaeffer, hat Mellingen ein Problem mit ihren Jugendlichen?
Györgyi Schaeffer: Wie kommen Sie auf diese Frage?
◆ Wenn von Jugendlichen in Mellingen gesprochen wird, geht es vor allem um Sprayereien, Lärm und Littering. Es heisst, sie würden an Orten herumhängen, wo sie nicht hin gehören. Andererseits werden an sinnvollen Plätzen für die Freizeitgestaltung Zäune gebaut, Zeiten eingeschränkt oder die Fussballtore werden aneinander gekettet. Wo sollen die Jugendlichen Ihrer Meinung nach hin?
Ich finde es extrem wertvoll, wenn sich Jugendliche draussen bewegen, anstatt die ganze Freizeit hinter dem Bildschirm zu verbringen. Aber es gibt auch andere Aspekte. Zum einen gibt es schlichtweg kaum freie Plätze, wo sich Jugendliche unbeschwert aufhalten könnten. Die Bevölkerung wächst, die Dichte in der Stadt nimmt zu, der Platz nimmt ab. Zum anderen haben die Anwohnenden nun mal ein Anrecht auf eine gewisse Ruhe. Und Regeln sind dazu da, dass sie eingehalten werden – und zwar unabhängig vom Alter.
◆ Wurden sie beim Sportplatz Kreuzzelg nicht eingehalten?
Die Anwohnenden beklagten sich seit der Eröffnung des grünen Platzes vor zwei Jahren immer wieder beim Stadtrat, dass es dort viel zu laut zu- und hergehe. Und als sie die Anwesenden auf die Öffnungszeiten aufmerksam machten, hätten sie oft respektlose Antworten und Kommentare erhalten. Der konstante Lärm, teilweise ein Dauergeschrei, sei für sie zum Teil unerträglich gewesen. Da musste der Stadtrat reagieren.
◆ In einem Leserbrief im «Reussbote» heisst es, Mellingen habe sich «jahrzehntelang zu wenig um die Bedürfnisse der Jugendlichen gekümmert – was sich jetzt rächt». Was sagen Sie dazu?
In Mellingen gehen Jugendliche aus sieben Gemeinden in die Oberstufe. Wir haben für 36 Millionen Franken zwei Schulhäuser gebaut inklusive hervorragender Musikschule, wir betreiben ein Hallenbad für Kinder und Jugendliche und wir haben in Mellingen eine vorbildliche Jugendarbeit mit zwei kompetenten Leuten. Auch der grüne Platz wurde vor allem für unsere Jugend gebaut. Wir sind auch offen für Anregungen und Ideen, aber es ist nicht die Aufgabe der Gemeinde, die gesamte Freizeit der Jugendlichen mit Angeboten abzudecken.
◆ In Niederwil wurde kürzlich eine neue Jugendkommission gegründet. Die Institution der Gemeinde besteht aus Jugendlichen, die Kommission in Mellingen nicht. Wäre es nicht wichtig, Jugendliche mehr in solche Gremien einzubeziehen und sie dadurch in die Pflicht zu nehmen?
Unsere Jugendkommission besteht aus engagierten Personen, die direkt mit den Jugendlichen arbeiten. Mir ist nicht bekannt, dass junge Leute jemals beim Stadtrat beantragt hätten, der Jugendkommission beitreten oder eine eigene Kommission gründen zu dürfen. Die Jugendlichen in Niederwil scheinen da aktiver zu sein als in Mellingen.
◆ Nochmal zum Fussballplatz Kreuzzelg: Überlegt sich der Stadtrat, die Massnahmen rückgängig zu machen, oder ist das kein Thema?
Wir haben aus der Bevölkerung für die nächste Gemeindeversammlung einen Antrag erhalten. Darin wird vorgeschlagen, dass der Stadtrat die Öffnungszeiten gemäss Polizeireglement wieder erweitert. Das würde bedeuten, dass der Platz neu zwischen 12 und 13 Uhr und dann von 20 Uhr bis 7 Uhr geschlossen wäre. Ausserdem wäre er am Samstag unabhängig von den Schulferien immer offen. Dieser Antrag könnte ein guter Kompromiss sein – ich bin gespannt auf die Diskussion an der Gemeindeversammlung.
Marko Lehtinen
KOMMENTAR
MARKO LEHTINEN, CHEFREDAKTOR
Wohin mit den Jugendlichen?
Es ist ein bekannter Interessenkonflikt. Jugendliche brauchen Orte, an denen sie sich treffen können – und zwar ausserhalb von Institutionen, unter Aufsicht von Vereinsleitern oder Jugendarbeitern. Auf der anderen Seite wollen die Anwohnenden in der direkten Umgebung solcher Orte ihre Ruhe. Sie haben keine Lust auf lärmende Kinder und Teenager und auch keine Lust auf deren Abfall.
Das Problem gibt es nicht nur in Mellingen, sondern überall, wo Menschen leben. Wo innerorts wenige Meter neben der Nachbarschaft Spiel- und Sportplätze sind, lassen Konflikte nicht lange auf sich warten. Die Parteien beharren dann auf ihren Bedürfnissen und zeigen wenig Verständnis füreinander. Umso hilfreicher ist es, wenn die Gemeinde in solchen Situationen das Heft in die Hand nimmt und den Jugendlichen – wenn möglich – echte Alternativen anbietet. Um 17 Uhr schon nach Hause gehen zu müssen und in den Ferien oder an Wochenenden an einem attraktiven Begegnungsort gar nicht erst auftauchen zu dürfen, klingt aus Sicht der Jugendlichen kaum nach einer «Lösung». Wo sollen sie also hin?
Jugendliche haben ihre ganz eigenen Bedürfnisse. Die Gemeinde ist gefordert – die Eltern und nicht zuletzt die Jugendlichen selbst sind es ebenso.


