«Muay Thai hat mir das Leben gerettet»
26.07.2024 Mellingen, Region ReusstalMariana Cienfuegos Ortiz gibt im Arena Fitness Muay Thai Boxkurse – und zwar ausdrücklich nur für Frauen
Die 32-jährige Mexikanerin verschlug es der Liebe wegen nach Niederrohrdorf. Muay Thai half ihr persönlich aus einer Lebenskrise. In ihren Kursen will sie auch ...
Mariana Cienfuegos Ortiz gibt im Arena Fitness Muay Thai Boxkurse – und zwar ausdrücklich nur für Frauen
Die 32-jährige Mexikanerin verschlug es der Liebe wegen nach Niederrohrdorf. Muay Thai half ihr persönlich aus einer Lebenskrise. In ihren Kursen will sie auch anderen Frauen zu mehr Selbstvertrauen verhelfen – und zu körperlicher Fitness.
Cienfuegos heisst übersetzt 100 Feuer. Ein schöner Name, der aber auch ein Sinnbild für den seelischen Zustand von Mariana Cienfuegos Ortiz vor neun Jahren sein könnte. Die damals 23-Jährige lebte da noch in einem Vorort der 22-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt und befand sich in einer persönlichen Krise. Der Spagat zwischen dem liebevollen, aber konservativen Elternhaus und dem künstlerischen Naturell der Grafikdesignerin drohte sie zu zerreissen. Wegen des schlechten Lohns in Mexiko musste sie während des Studiums in einer Marketingagentur arbeiten und sich parallel mit der Gestaltung von T-Shirts etwas dazu verdienen. Umgerechnet nur fünf Franken pro Tag blieben ihr zum Leben. Die langen Wege im Grossstadt-Moloch – allein zwischen ihrem Arbeitsplatz und der Universität lagen 2,5 Stunden Fahrt – zermürbten sie zusätzlich.
Aus der Depression durch Muay Thai
Irgendwann war der Druck zuviel: «Ich war die ganze Zeit wütend», beschreibt sie auf Englisch ihren damaligen Zustand, der am Ende in einer Depression mündete. Sie suchte sich Hilfe, machte eine Psychotherapie und bekam Antidepressiva. Doch all das reichte nicht, um die einhundert Feuer, zu löschen, die in ihr brannten. Bis zu jenem Tag vor neun Jahren, an dem sie über Bekannte zum Muay Thaiboxen kam. Von ihrem damaligen Trainer und späteren Mentor Eduardo Santos wurde sie als einzige Frau sofort ins kalte Wasser geworfen. Ihr erster Sparringspartner: ein nationaler Champion, von dem sie gleich ordentlich einstecken musste.
Für Cienfuegos Ortiz war ihr erstes Training dennoch ein Erweckungserlebnis: «Ich habe mich wie ein neuer Mensch gefühlt», erzählt sie. Der Stress war wie weggeblasen und sie kam wieder – jeden Tag. Schon bald konnte sie die Medikamente absetzen. Nach nur drei Monaten bestritt Mariana Cienfuegos bereits ihren ersten Amateurkampf und brachte es innerhalb weniger Jahre bis zur Mexikanischen Vizemeisterin. Schliesslich wagte sie gegen den Widerstand der Eltern den Schritt und konzentrierte sich ganz auf ihren Sport.
Die Liebe führte sie in die Schweiz
Die romantische Geschichte, über welche Verkettung von Zufällen sich Mariana Cienfuegos Ortiz und Pascal Stalder aus Niederrohrdorf kennenlernten, würde einen eigenen Artikel füllen. Die Kurzfassung: Während der Corona-Krise 2021 trafen die beiden in einem Trainingszentrum in Playa del Carmen in Mexiko aufeinander. Stalder, selbst Boxtrainer und ehemaliger Schweizer Meister, war dorthin zum Training gereist. Auch danach blieben die beiden in Kontakt. Und spätestens nach einem zweiten Besuch Stalders funkte es zwischen den beiden. Im November 2022 kam die Thaiboxerin schliesslich in die Schweiz – und blieb. Im vergangenen Oktober fand die Hochzeit statt.
Kampf gegen sich selbst
Zeit etwas mehr über den Sport selbst zu erfahren. Was ist so faszinierend am Muay Thaiboxen? «Im Ring kann dir keiner helfen. Man kämpft eigentlich gegen sich selbst. Der Gegner ist nur eine Projektionsfläche», erklärt Cienfuegos. Sie persönlich erhielt durch den Sport ihre psychische Gesundheit zurück und erlangte gleichzeitig mehr Kontrolle über ihren Körper und auch über ihr Leben.
Muay Thai nennt man auch «die Kunst der acht Glieder», weil dabei Ellenbogen, Knie, Füsse und Hände zum Einsatz kommen. Neben Schlägen und Tritten gehen die Gegner dabei auch in den Clinch – halten sich also eng umschlungen, wobei jeder versucht einen Treffer zu landen. «Muay Thai ist ein sehr harter Sport», gibt Mariana Cienfuegos Ortiz zu. Gerade das Knie sei gefährlich. Damit könne man einem Gegner sogar die Rippen brechen. Sich im Ernstfall selbst verteidigen zu können, ist gerade in einem Land wie Mexiko, in dem Raubüberfälle und Vergewaltigungen keine Seltenheit sind, entscheidend.
Die Fähigkeit, sich wehren zu können, stärkte aber gleichzeitig das Selbstvertrauen der jungen Frau. Dieses Selbstvertrauen möchte sie anderen Frauen weitergeben. Wichtig ist ihr bei ihrem Kurs im Arena Fitness in Mellingen der geschützte Rahmen. Daher richtet sich dieser ausschliesslich an Frauen. «Bei diesem Sport muss man nicht nur die Angst vor Schlägen verlieren, sondern auch die Angst, Schläge auszuteilen», erklärt Mariana. Gerade Letzteres falle Frauen schwer, weil es nicht als weiblich gelte, weiss Boxtrainer Pascal Stalder aus eigener Erfahrung.
Frauen jeden Alters machen mit
Beim Muay Thai Kurs müssen die Teilnehmerinnen aber keine Angst vor einem blauen Auge oder Schlimmerem haben. Sparring, also ein richtiger Kampf, findet nicht statt. Vermöbelt werden höchstens die «Pratzen», wie man die Schlagkissen nennt. Die Frauen lernen aber die Basistechniken, um sich notfalls verteidigen zu können. Darüber hinaus ist Muay Thai quasi ein ganzheitliches Fitnessprogramm, bei dem Kraft und Ausdauer trainiert werden. Aktuell trainieren sieben Frauen im Alter zwischen 20 und 60 mit Mariana. Der Austausch und das vertrauensvolle Miteinander unter den Frauen ist ihr dabei besonders wichtig: «Meine Mission ist es, anderen Frauen zu helfen durch Muay Thai», erklärt sie ihre Motivation.
Michael Lux
Infos: anmelden.muaythaiboxing.ch


