Als im Dorf noch die Kugeln flogen
13.08.2024 Niederrohrdorf, Region RohrdorferbergVor zehn Jahren wurde das Alte Schützenhaus aus dem Jahr 1932 abgebrochen
Vor zehn Jahren musste das Alte Schützenhaus der heutigen Moosstrasse weichen. Der Schützenbund Niederrohrdorf schoss von hier aus bis 1971 in Richtung Kiesgrube Hiltiberg.
Beim Blick auf das ...
Vor zehn Jahren wurde das Alte Schützenhaus aus dem Jahr 1932 abgebrochen
Vor zehn Jahren musste das Alte Schützenhaus der heutigen Moosstrasse weichen. Der Schützenbund Niederrohrdorf schoss von hier aus bis 1971 in Richtung Kiesgrube Hiltiberg.
Beim Blick auf das Modell des Alten Schützenhauses wird Richard Irniger heute noch wehmütig: «Das ist so ein schönes Haus gewesen, das hat mir so weh getan», sagt der Chef der Irniger Immobilien- und Verwaltungs AG. Stünde das 2014 abgebrochene historische Gebäude noch am alten Ort an der heutigen Einmündung der Moosstrasse in den Libellen-Kreisel, könnte er es von seinem Bürofenster aus sogar sehen. Irniger, der sich einst für den Erhalt des schmucken Holzbaus einsetzte, ist auch beim Ortsmuseum aktiv. Er hat sich mit der Geschichte des «Schützenbund Niederrohrdorf» beschäftigt, der das Gebäude 1932 errichten liess.
Kein freies Schussfeld
Rückblick ins Jahr 1905. Damals suchten die 1876 gegründete Feldschützengesellschaft und der 1903 ins Leben gerufene Freie Schiessverein Niederrohrdorf einen eigenen Schiessplatz im Dorf. Ausgangspunkt war der spätere Standort des Schützenhauses, das Gebiet zwischen dem Irniger Areal und der angrenzenden Firma Egro. Geschossen wurde auf eine Distanz von 300 Metern in Richtung Kiesgrube Hiltiberg – also über die heute auf der anderen Seite des Mülibach stehenden Überbauungen hinweg, die damals freilich noch nicht existierten. Vielleicht wären diese auch niemals realisiert worden, wenn der Gemeinderat seinerzeit dem Antrag der Schützen nachgekommen wäre, die in der Flugbahn liegende «Schützenmatt» zu kaufen. Es kam ganz anders.
Gründung des Schützenbundes 1913
1909 wurde zunächst der Bau eines Scheibenstandes realisiert. «Da war der Kugelfang und da der unterirdische Scheibenstand», erinnert sich Irniger an der heutigen Kreuzung Hiltiwaldweg und Gärtnerweg. Jahrzehnte später hat er hier als Jugendlicher noch selbst den «Zeiger» auf der 1924 umgebauten Anlage gemacht und die Trefferpunkte gezählt. Geopfert wurden der Anlage der Überlieferung nach übrigens zwei Kirschbäume in der Schusslinie, welche von der Militärdirektion bewilligt wurde. Immerhin: Die Besitzer wurden für ihren Verlust mit je fünf Franken entschädigt. Noch mussten die Mitglieder des 1913 aus den beiden Gesellschaften hervorgegangenen Schützenbundes jedoch bei Wind und Wetter im Freien schiessen.
Gewächshäuser bringen das Aus
Einige Jahre später war es dann soweit. Die Schützen erhielten ihr eigenes Schützenhaus. «Dem Verein und der Gemeinde zur Ehr dem Vaterland zur Wehr.» So protokollierte der damalige Lehrer Xaver Frei anlässlich des Baus des Alten Schützenhauses. Es war das Jahr 1932, als der Präsident des Vereins, August Egloff, später auch Gemeindeammann von Niederrohrdorf, den ersten Schuss in die Kiesgrube Hiltiberg abfeuerte. So hat es Richard Irniger in den Chroniken nachgelesen und zusammengefasst. Peinlich genau vermerkt wurde damals selbstredend auch, welche Summe es seinerzeit brauchte: Das Schützenhaus kostete 6579,90 Franken. Die Gemeindeversammlung bewilligte dafür einen Kredit von 4000 Franken.
Viele Schiessanlässe habe es hier über die Jahre gegeben, berichtet Richard Irniger: «Dies hat immer wieder für Diskussionen gesorgt», erinnert er sich. Das endgültige Aus für den Schiessbetrieb kam dann rund 40 Jahre nach dem Bau des Schützenhauses. Das Gesuch des Gemüsegärtners, Max Egloff, der auf seinem landwirtschaftlich genutzten Land im Schussfeld Gewächshäuser realisieren wollte, wurde vom Schiessoffizier des Bundes bewilligt und der Schiessbetrieb schliesslich 1971 eingestellt.
Abkommen mit Remetschwil
Der Schützenbund und der Gemeinderat suchten laut Irniger in der Folge verzweifelt nach einem neuen Standort für den Vereinsbetrieb. Wobei die Schneeschmelzi in Holzrüti zunächst als geeigneter Standort evaluiert wurde. Vorübergehend wurde mit Birmenstorf und später mit Remetschwil ein Abkommen getroffen, welches heute noch gilt. Bald zeichnete sich ab, dass vom Bund regionale Lösungen angestrebt wurden und eigene Ideen von Vereinen unrealistisch wurden. 1984 konnte der Verein im Untergeschoss des damaligen Mehrzweckgebäudes, das bis dahin als Militärunterkunft diente, ein Luftgewehrstand einrichten. Nach dem Abbruch der Liegenschaft wurde ein Vereinslokal mit integriertem Luftgewehrstand in der Kollerscheune realisiert. Der Schützenbund selbst ist heute noch aktiv, nimmt an kantonalen und eidgenössischen Schützenfesten teil und pflegt ein aktives Vereinsleben.
Rettungsversuche vergeblich
Das Schützenhaus und das davor liegende Land wurden später von der Firma Egro gekauft und als Lagerraum genutzt. Das Gebäude fiel in einen Dornröschenschlaf, aus dem es erst 2007 wieder wachgeküsst wurde. Die Firma Irniger konnte das Schützenhaus schliesslich von der Egro mieten. Richard Irniger und Gallus Blunschi liessen das schmucke Holzgebäude mit der fast hundertjährigen Dachkonstruktion und Biberschwanzziegeln auf eigene Kosten sanieren und instand setzen.
Doch dem Alten Schützenhaus drohte abermals Ungemach. Die Firma Egro plante auf ihrem Areal Bauprojekte, aufgrund derer die Moosstrasse auf den heutigen Verlauf umgelegt werden sollte – mitten durch den Standort des Schützenhauses. Bevor die Bagger jedoch endgültig anrückten, unternahm eine vierköpfige Arbeitsgruppe um Richard Irniger, Gemeinderat Lukas Fus, Bauverwalter Sandro Fischer sowie alt Gemeindeammann Christoph Meiler einen letzten Rettungsversuch. Die Idee: Das zwölf Meter lange und vier Meter breite Schützenhaus sollte versetzt werden und an der naheliegenden Mülibachbrücke als offenes Gebäude wieder aufgebaut werden (siehe Grafik). An den Kosten in Höhe von 190 000 Franken hätte sich die Gemeinde mit 50 000 Franken beteiligt. «Es gab Widerstand von der Arealüberbauung Egro», so Richard Irniger. Die Pax-Versicherung als Grundeigentümerin des angrenzenden Landes befürchtete, die Brücke mit Schützenhaus könne ein Hotspot für Rowdies, Abfallsünder und Ruhestörung werden und blockierte das Projekt, das schliesslich abgeschrieben werden musste. Und so vermeldete der «Reussbote» am 12. August 2014, also fast auf den Tag genau zehn Jahre später lapidar die traurige Meldung: «Altes Schützenhaus weicht Strasse.» Der Rest ist Geschichte.
Michael Lux



