«Vor der Haustüre gibt es viel zu entdecken»
11.10.2024 Region ReusstalSechs Naturschutzvereine haben ein gemeinsames Ziel. Sie wollen Menschen für Pflanzen begeistern und organisieren einen Botanikkurs
Nächsten Frühling werden sie in Gruppen an Waldränder und in Feuchtgebiete ausschwärmen – die Lupe im Gepäck. Die ...
Sechs Naturschutzvereine haben ein gemeinsames Ziel. Sie wollen Menschen für Pflanzen begeistern und organisieren einen Botanikkurs
Nächsten Frühling werden sie in Gruppen an Waldränder und in Feuchtgebiete ausschwärmen – die Lupe im Gepäck. Die Naturschutzvereine erklären, warum sie zum Botanikkurs einladen.
Sechs Naturschutzvereine wollen die Menschen im Reusstal für den «Naturschatz» vor ihrer Haustüre begeistern, für das Kleine und für das Besondere. Diese Vereine setzen schon lange auf den «Naturschatz», und der Naturschutz ist sozusagen Teil ihrer DNA. Für ihr jüngstes Projekt machen sie nun gemeinsame Sache. Birdlife Mellingen, die Naturund Vogelschutzvereine von Niederrohrdorf, von Stetten und Künten, von Tägerig, von Fislisbach und vom Rohrdorferberg laden zum regionalen Botanikkurs ein (siehe nebenstehender Kasten). Nächstes Jahr, von Mitte März bis Ende Juni, sind ein Theorieabend und fünf Exkursionen geplant. Drei Vereinspräsidenten und eine -präsidentin erzählen, warum sie zusammenarbeiten. Sie erklären, warum Sensibilisierung und Begeisterung für die Natur wichtig ist.
◆ Sie alle engagieren sich in hohem Mass für den Naturschutz, für Vielfalt in der Natur. Erst vor Kurzem wurde schweizweit die Biodiversitätsinitiative mit einer Zweidrittelsmehrheit abgelehnt. Wie erlebten Sie dieses «Nein» zur Biodiversität?
Thomas Lang: Mich persönlich enttäuschte das Resultat sehr. Privat hatte ich eine Fahne zu Gunsten der Biodiversitätsinitiative aufgehängt und auf Einladung einer Partei referierte ich über die Notwendigkeit der Anliegen dieser Initiative.
Christian Burger: Auch ich bin enttäuscht. Das Resultat hat aber nichts mit dem Engagement unserer Vereine zu tun. Wir werden uns weiterhin für unsere Projekte einsetzen.
Josef Stutz: Uns geht es um unseren gemeinsamen Botanikkurs: Wir wollen Leute motivieren und für die heimische Flora und Fauna interessieren. Biodiversität als aktuell grosses Thema gehört dazu. Mehr kommentieren kann ich das nicht ...
◆ Ist Euer Botanikkurs auch eine Einladung, die Vielfalt in der Natur zu beachten?
Stutz: Das ist ganz sicher so.
Burger: Nicht nur mit dem Kurs, sondern als Verein, ist es uns seit jeher ein Anliegen, Biodiversität zu fördern. Der Kurs ist ein Mittel auf diesem Weg.
Lang: Sozusagen als erste Stufe auf einer Treppe: Mit dem Kurs wollen wir Interesse und Begeisterung wecken ...
Maria Gschwend: ... und Zusammenhänge aufzeigen.
◆ Wie kommt es, dass sechs Vereine gemeinsam einen Kurs anbieten?
Gschwend: Der Botanikkurs hat eine Vorgeschichte. Gemeinsam organisierten wir vor zwei Jahren bereits einen Ornithologiekurs, einen Kurs über Vögel. Die Teilnehmenden interessierten sich für weitere Kurse.
Lang: Die Organisation eines solchen Kurses ist mit reichlich Aufwand verbunden: Nötig ist unter anderem ein Team von Exkursionsleiterinnen.
◆ Ihr konntet vier Kursleiterinnen gewinnen, Expertinnen im Bereich Botanik. Leute aus Euren Vereinen?
Lang: Es handelt sich um Fachfrauen, mit denen wir schon früher zusammenarbeiteten – etwa mit Sarah Wettstein von der Stiftung Reusstal.
Geschwend: Helen Merki aus Oberrohrdorf ist in unserem Verein. Sie konnte zusammen mit Erika Schmocker, ursprünglich auch von Oberrohrdorf, als Kursleiterin gewonnen werden. Rachel Preisig kommt aus Spreitenbach.
Stutz: Einem solchen Kurs verdanke ich letztlich mein Interesse für die Natur – Kursleiter war damals Albert Wickart. Als ich 2014 von Remetschwil nach Fislisbach zog, entdeckte ich bei einem Spaziergang zufällig ein Biotop, das frisch renaturiert worden war. Es handelte sich um ein Gebiet beim Fislisbacher Bauamt, das «Affenbaum» heisst. Das packte mich.
◆ Was faszinierte Sie?
Stutz: Ich erlebte dort, ein Jahr später, an einem Frühlingstag, einen Froschregen. Als es nach einem Gewitter weiter regnete, sah ich innert kurzer Zeit Hunderte kleiner Frösche. Alle hüpften über den Kiesweg. Gewaltig! So etwas hatte ich noch nie erlebt – zuvor hatte ich zufällig über das Phänomen Froschregen gelesen.
Im gleichen Gebiet fielen mir später an einer Eiche kleine Kugeln auf, gross wie Kirschen – die Gallwespe hatte dort ihre Eier gelegt. Ich entdeckte beim «Affenbaum» auch Larven des Feuersalamanders ... Das alles interessierte mich; mit dem Kurs soll diese Begeisterung weitergegeben werden.
◆ Es funkte. Sie waren begeistert.
Stutz (lacht): Bei mir führte es sogar dazu, dass ich heute als Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Fislisbach hier sitze.
◆ Im Botanikkurs werden die Leute kaum einen Froschregen und vermutlich auch keine kirschgrossen Eier von Gallwespen beobachten?
Lang und Burger: Aber wir können Begeisterung wecken. So, wie wir das eben bei Josef Stutz gespürt haben.
◆ Vor den Blumen und Bäumen, um die es ab Frühling 2025 im Botanikkurs geht, ging es um Vögel.
Lang: Vor zwei Jahren war der Ornithologiekurs sehr schnell ausgebucht. Auf diesem Erfolg bauen wir auf.
◆ Ihr werdet von März bis Juni 2025 viel im Feld unterwegs sein.
Gschwend: Genau, wir starten mit einem Theorie-Abend. Danach geht es ins Feld, in verschiedene Gebiete an verschiedenen Orten.
◆ Wohin geht ihr?
Gschwend: Bei der Auswahl der Exkursionsorte achteten wir darauf, dass alle sechs Gemeinden berücksichtigt werden. Bei der ersten Exkursion in Stetten werden wir einiges über Frühblüher und Nadelbäume erfahren, in Mellingen geht es um Laubbäume, wir sind auch in Oberrohrdorf und Fislisbach unterwegs und besuchen mit der fünften Exkursion im Juni die Niederrohrdorfer Feuchtgebiete. Die Möser Torfmoos und Taumoos in Niederrohrdorf sind unsere «Naturschätze». Das eher versteckte Taumoos ist zudem das einzige Hochmoor im Kanton Aargau. Die Schlussveranstaltung findet dann in Tägerig statt.
◆ Auch eine Lupe ist im Gepäck.
Lang: Vor Ort betrachten wir unterschiedliche Lebensräume – eine Wiese, eine Ruderalfläche – und untersuchen die Pflanzengemeinschaften. Im Feld auch einmal genauer unter einer Lupe. Die Gruppen sollen deshalb nicht zu gross sein.
Gschwend: Der Ornithologiekurs zeigte, dass Exkursionen – selbst bei miserablem Wetter – sehr beliebt sind.
◆ Sind Erfolgserlebnisse garantiert?
Lang: Bei einer Biberexkursion ist die Chance klein, einen Biber zu sehen. Garantiert sind einzig Biberspuren. Bei Vögeln wird man immer irgend einen Vogel hören oder sehen.
◆ Und beim Botanikkurs?
Lang: Pflanzen laufen nicht davon. Ein grosser Vorteil dieses Kurses.
◆ Also Erfolgserlebnisse garantiert?
Gschwend: Ich denke schon.
Stutz: Vor unserer Haustüre gibt es so viel zu entdecken! Unser Fokus liegt bei den Details.
◆ Was könnten Highlights sein?
Stutz: Das Knabenkraut hat bei uns in den letzten Jahren stark abgenommen. Wir zählten nur noch sehr wenige Exemplare dieser Orchideenart. Experten erklärten uns schliesslich, dass das Gebiet erst spät gemäht werden darf. Wir lernten betreffend Schutz und Pflege viel dazu.
Geschwend: Die Pflege der Gebiete ist ein wichtiger Aspekt: Pflanzen benötigen Zeit, um zu versamen, und Blühstreifen sollen für Insekten, welche die Pflanzen befruchten, stehen bleiben.
Lang: Nicht alles kann bei Exkursionen geplant werden. Man darf aber auf jeden Fall mit Unvorhergesehenem, mit Überraschungen rechnen. Der Kurs soll auch ein Anstoss sein.
◆ Ein Anstoss, wofür?
Lang: Ein Start, der für unser Thema sensibilisiert. Was kann man im Siedlungsraum erreichen? Was kann eine Gemeinde tun? Die Stadt Mellingen hat beispielsweise «Natur findet Stadt» lanciert ...
Gschwend: Sogenannte «Trittsteine», die die Artenvielfalt fördern, braucht es überall, im Wald, in der Landwirtschaft und in Gärten.
◆ Sie sprachen von «Naturschätzen», davon gibt es im Reusstal einige ...
Lang: Das ist ein Reichtum, der Beachtung verdient.
Gschwend: Letztlich muss Biodiversität über Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit gefördert werden. So, wie jetzt mit unserem Kurs. Wer beobachtet und Zusammenhänge erkennt, wird die Natur schätzen, sie schützen und sich für sie engagieren.
Heidi Hess
Botanikkurs
Was blüht denn da? Und warum gerade hier? – Sechs lokale Naturschutzvereine wollen die Menschen im unteren Reusstal für die einheimische Flora begeistern. Dafür bieten sie 2025 einen Botanikkurs an, der nach einer theoretischen Einführung an fünf Exkursionen relevante Lebensräume mit ihren typischen Pflanzengemeinschaften besucht. Den Vereinen und den vier Kursleiterinnen, ausgebildeten Feldbotanikerinnen, geht es dabei sowohl um Artenkenntnis als auch um das Vermitteln von ökologischen Zusammenhängen.
Birdlife Mellingen und die Naturund Vogelschutzvereine aus Fislisbach, Niederrohrdorf, Oberrohrdorf/Remetschwil, Stetten/Künten und Tägerig wollen den Teilnehmenden die Natur näherbringen. Auf Exkursionen werden Pflanzen im wortwörtlichen Sinne «unter die Lupe genommen». Warum wächst eine Pflanze an einem bestimmten Standort, was braucht sie, um zu gedeihen? Es geht um ökologische Zusammenhänge und Beziehungen zu Tieren (Insekten, Vögel u.a.).
Die botanischen Schwerpunkte umfassen die Themen «Frühblüher und Nadelbäume», «Wald und Waldrand», «Wiesen», «Ruderalflächen und Säume» sowie «Feuchtgebiete». Der Kurs ist für Erwachsene sowie Jugendliche ab 14 Jahren geeignet, botanische Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Das detaillierte Programm, Kurskosten und Anmeldeformular sind auf den Webseiten aller sechs Trägervereine aufgeschaltet. Die Anmeldefrist läuft bis 3. Dezember 2024. (red.)


