Vom Mut, sich auf die neue Sprache einzulassen
01.11.2024 Mellingen, Region ReusstalDas kantonale Pilotprojekt «Deutschförderung vor dem Kindergarten» geht in die Verlängerung – wie geht es nun weiter?
Das Pilotprojekt geht ins vierte Jahr. In den ausgewählten Gemeinden – darunter auch Mellingen – hat sich die ...
Das kantonale Pilotprojekt «Deutschförderung vor dem Kindergarten» geht in die Verlängerung – wie geht es nun weiter?
Das Pilotprojekt geht ins vierte Jahr. In den ausgewählten Gemeinden – darunter auch Mellingen – hat sich die Deutschförderung vor dem Kindergarten bewährt, das zeigt ein Evaluationsbericht.
Hund Gino ist neu in der Spielgruppe Zick-Zack. Er fläzt an diesem Morgen mitten im Zimmer auf einer kuschligen Decke, neben ihm sitzen neun Mädchen und Buben auf kleinen Hockern im Kreis. Sie singen von Blättern, die fallen, wirbeln bald selbst wie das bunte Herbstlaub durch den Raum. Gino nimmts gelassen – einzig die Journalistin hatte er zuvor kurz angebellt, als sie den Raum betreten hatte.
Gino war im April 2023 dazu gestossen. Als Welpe und damals viel kleiner als alle Kinder, wenn sie die Spielgruppe zum ersten Mal besuchen. Genau aus diesem Grund sei es gelungen, ihn optimal in die verschiedenen Gruppen zu integrieren, meint Raquel Dirr, Spielgruppenleiterin und Fachfrau für Sprachförderung Deutsch. «Das Kindergewusel ist er sich von klein auf gewohnt.» Der Hund reagiere sehr sensibel auf die Kinder, freue sich, wenn sie morgens kommen und lege sich auch mal neben ein Kind, wenn er spüre, dass es Trost brauche. Ein eigentlicher Therapiehund ist Gino nicht. Und es gibt Tage, da bleibt der Hund zu Hause.
Gino bringt Kinder zum Sprechen
Gino ist ein grosser Gewinn für die Gruppe. «Der Hund bringt die Kinder zum Sprechen», sagt Raquel Dirr. «Sie kraulen seine Ohren und lernen über das Fühlen und Spüren neue Begriffe.» Genau darum geht es in der Mellinger Spielgruppe Zick-Zack. Viele der Mädchen und Buben verstehen kaum ein deutsches Wort. Daheim, in ihren Familien, sprechen sie albanisch, englisch oder italienisch und andere Muttersprachen. Die Kinder – sie sind zwischen zwei und vier Jahre alt – sollen aber bereits vor Eintritt in den Kindergarten Deutsch lernen: Sprachliche Unterschiede sollen kleiner, das Verständnis grösser werden.
Die frühe Sprachförderung ist Teil des Aargauer Pilotprojektes «Deutschförderung vor dem Kindergarten». Im Fokus steht die Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder. Der Kindergartenstart wird einfacher, wenn die neue Sprache verstanden und sogar gesprochen wird. Davon profitieren anderssprachige Kinder genauso wie diejenigen mit Muttersprache Deutsch. Die Sprachkenntnisse tragen nämlich dazu bei, Lehrpläne einzuhalten.
Mellingen ist seit 2021 dabei
Seit 2021 ist die Gemeinde Mellingen Teil des Pilotprojektes «Deutschförderung vor dem Kindergarten». Genau wie die Gemeinden Leuggern, Stein und Unterentfelden sowie der Gemeindeverband «Impuls Zusammenleben aargauSüd» (Burg, Dürrenäsch, Leimbach, Menziken, Oberkulm, Reinach, Teufenthal, Unterkulm und Zetzwil), ausgewählt vom Aargauer Bildungsdepartement. In den Gemeinden wurden im Selektionsverfahren Kinder gesucht, bei welchen ein Deutschförderbedarf besteht – in der Pilotphase freiwillig. In dieser Phase übernimmt der Kanton einen Grossteil der Kosten. Die Pilotprojekte sollten Erkenntnisse liefern, die als politische Entscheidungsgrundlage für die Einführung einer obligatorischen Deutschförderung vor dem Kindergarten dienen.
Das Angebot hat einen guten Ruf
In Mellingen hatten auf Beginn dieses Schuljahres, ab August 2024, insgesamt 30 Kinder Anspruch auf Sprachförderung. 25 Kinder nutzen das Angebot. Ein guter Rücklauf – besser als bei der Einführung des Projektes im Jahr 2021. Förderbedarf war damals bei 37 Kindern. 24 Mädchen und Buben ohne Deutschkenntnisse besuchten schliesslich die Spielgruppe. «Seither hat sich unser Angebot herum gesprochen und etabliert», erklärt Raquel Dirr die gestiegene Nachfrage. «Das Angebot ist bekannt und profitiert vom guten Ruf.»
Von den Eltern erhalte sie schöne Rückmeldungen. «Sie sind dankbar und möchten meist selbst ihren Beitrag leisten.» Dank der Kontakte über ihre Kinder gelinge es auch manchen Eltern, sich besser zu integrieren. «Sie lernen sich kennen, helfen sich gegenseitig auch mal als Dolmetscher.»
Spärlicher kommen in Mellingen hingegen Rückmeldungen von Kindergärten und Schule. Für unsere Arbeit, meint Raquel Dirr, wäre das ebenfalls wichtig.
In Mellingen laufen Abklärungen
Ausgelegt war das Pilotprojekt auf drei Jahre, 2021 bis 2024. Nun wurde es um ein Jahr verlängert. Im vergangenen Mai hatte der Mellinger Stadtrat eine Leistungsvereinbarung bis Dezember 2025 unterzeichnet. Noch nicht spruchreif sei, wie es ab dem 1. Januar 2026 weitergehe, sagt auf Anfrage Stadtschreiber Gregor Glaus. «Mellingen steckt noch mitten in den Abklärungen.»
Der Kanton hat den Evaluationsbericht im Sommer publiziert (siehe Kasten). Die Ergebnisse dieser Auswertung zeigen, dass sich die Sprachförderung positiv auswirkt. Die Fortsetzung der Deutschförderung wird empfohlen.
Nach den Herbstliedern werden in der Spielgruppe Zick-Zack gegen 11 Uhr die Schuhe verteilt, Jacken angezogen, Basteleien im Rucksack verstaut, danach heisst es «Tschüss» bis zum nächsten Halbtag in der Spielgruppe. Es sei eindrücklich zu erleben, wie die Kinder im August starten, sagt Dirr. Noch eindrücklicher sei es, mit welchem Wortschatz sie die Spielgruppe ein Jahr später verlassen. «Die Kinder überwinden Berge.» Weil Raquel Dirr diese Fortschritte Jahr für Jahr von Neuem beobachtet, findet sie es besonders wichtig, das Projekt nach der Pilotphase weiterzuführen.
Sich in die Kinder einfühlen
Auch die Fachfrau für Sprachförderung hat in den letzten drei Jahren dazu gelernt. Zu Beginn habe sie sich mit der Förderung der Sprache viel Druck auferlegt, sagt Dirr. Manches sei sie zu rational angegangen. «Ich weiss heute, dass der Faktor Zeit eine grosse Rolle spielt.» Sehr wichtig sei auch der Austausch mit den Kolleginnen. Jede habe einen anderen Zugang zu den Kindern, nehme eine andere Facette der Mädchen und Buben wahr. Von solchen Erfahrungen profitiere das ganze Team.
Und noch ein Feld muss bewirtschaftet werden: Die emotionale Ebene. «Wir müssen die Gefühle der Kinder lesen, auch in der Gruppe.» Sie versuche heute noch mehr als früher, sich in die Kinder einzufühlen. «Sie verstehen kein Wort, imitieren alles. Jede Regung, jede Bewegung.» Es kann vorkommen, dass eines, zwei Kinder und dann die ganze Schar durch das Zimmer hüpft – ein fröhliches Spiel, aber im Spielgruppen-Halbtag nicht geplant. Ruhe bewahren und sich in Geduld üben, sei in solchen Momenten oberstes Gebot, meint Raquel Dirr. Diese Kinder, sagt die Pädagogin, würden sich auf so viel Neues einlassen: «Ich bewundere ihren Mut.» Das sei eine extreme Leistung. «Sie machen das wunderbar», lobt Dirr.
Heidi Hess
Empfehlung: Flächendeckend einführen
Der Aargauer Regierungsrat will ab 2026 flächendeckend eine Erhebung der Sprachkenntnisse in allen Gemeinden eineinhalb Jahre vor dem Eintritt in den Kindergarten ermöglichen. Seit 2021 führt der Kanton in ausgewählten Gemeinden Pilotprojekte zur «Deutschförderung vor dem Kindergarten» durch. Seit Sommer liegt ein Evaluationsbericht vor. Laut Mitteilung wurde der Evaluationsbericht extern durch die Pädagogische Hochschule St. Gallen und das Büro für arbeits- und sozial politische Studien (BASS) verfasst.
Grosse Fortschritte im Förderjahr
Dieser Bericht zeigt, dass Auswahlverfahren und Förderung in Spielgruppen und Kindertageseinrichtungen in den Pilotgemeinden erfolgreich umgesetzt werden konnten: «Die Kinder machen über das Sprachförderjahr hinweg signifikante Fortschritte in ihren Deutschkenntnissen und konnten im Förderjahr Grundkenntnisse in der deutschen Sprache erwerben.» Laut Bericht sei ein Grossteil der Kinder dennoch auf zusätzliche Unterstützung im Kindergarten angewiesen. Positiv bewertet wird die Abklärung der Sprachkenntnisse, die Sprachstanderhebung, mittels Elternfragebogen. Die Einschätzungen der Eltern zum Sprachstand ihres Kinds entsprechen in etwa denjenigen der Fachpersonen in den Spielgruppen und Kindertageseinrichtungen.
Die pädagogische Hochschule St. Gallen und das BASS empfehlen, die Deutschförderung ein Jahr vor dem Kindergarten flächendeckend einzuführen und dafür bestehende Strukturen wie Spielgruppen zu nutzen.
Sprachkenntnisse abklären
Weil eine frühe Sprachförderung umfassende Vorbereitungen in den Gemeinden erfordert, will der Regierungsrat zunächst kantonsweit die Einführung einer Sprachstanderhebung bei Kindern eineinhalb Jahre vor Eintritt in den Kindergarten ermöglichen. Der Kanton stellt den Gemeinden den Elternfragebogen zur Verfügung und übernimmt die Kosten für die Auswertung. Die Gemeinden führen die Sprachstanderhebung freiwillig durch und erhalten eine jährliche Pauschale. Diese Massnahme gilt vorerst für drei Jahre von 2026 bis 2028. (hhs)



