«Ich bin stinkreich!» – stinkreich an Erlebnissen
18.09.2026 Region ReusstalFortsetzung von Seite 17
Kreativität kennt keine Grösse
Wedekind hatte sich inzwischen einen Namen in der Szene gemacht und dabei zahlreiche Gleichgesinnte kennengelernt. Gemeinsam mit der Produktionsfirma Tyma Film und dem ...
Fortsetzung von Seite 17
Kreativität kennt keine Grösse
Wedekind hatte sich inzwischen einen Namen in der Szene gemacht und dabei zahlreiche Gleichgesinnte kennengelernt. Gemeinsam mit der Produktionsfirma Tyma Film und dem Fotografen Carlos Cordero baute er in Zürich ein eigenes Studio auf, in dem er auch seinen Schnittplatz einrichtete. «Das war ein Meilenstein für mich. Die Jungs wurden meine besten Freunde. Wir arbeiteten unabhängig voneinander, halfen uns aber gegenseitig.» Als Regisseur arbeitet Sven Wedekind seither mit Agenturen und Produktionsfirmen zusammen. Seine eigentliche Passion liegt jedoch in der direkten Zusammenarbeit mit Kunden. Dabei spielt die Grösse des Kunden für ihn keine Rolle. «Ich arbeite mit der gleichen Motivation für die kleine Dorfbäckerei wie für einen internationalen Brand. Meine oberste Motivation bleibt stets dieselbe: Kreativität und das Schöpferische stehen immer im Vordergrund.»
Die Filmbranche in der Schweiz ist wie eine kleine Bubble
Gerade diese Leidenschaft wurde ihm früher allerdings auch zum Verhängnis. Zu Beginn seines Filmschaffens war sie beinahe eine Obsession. Für das bestmögliche Ergebnis arbeitete er Nächte durch, während sein Privatleben zunehmend in den Hintergrund rückte. «Ich habe private Beziehungen vernachlässigt und war oft so gestresst, dass ich mich selbst kaum aushalten konnte.»
Gleichzeitig begann er, die Welt, in der er sich bewegte, immer kritischer zu hinterfragen. «Die Filmbranche in der Schweiz ist wie eine kleine Bubble.
Eine kleine Welt, in der irgendwie jeder jeden kennt. Es wird viel verglichen und viele nehmen sich extrem wichtig. Als würden sie darüber entscheiden, ob sich die Welt morgen noch weiterdreht.»
Eine wichtige Perspektive liefert ihm dabei seine Freundin Seraina Müller. Sie ist diplomierte Pflegefachfrau. Im Spital ist sie täglich für Patientinnen und Patienten da. Sie begleitet Menschen teilweise bis in den Tod und kümmert sich um deren Angehörige. Der Vergleich beschäftigt Wedekind. «Sie hat mehr Anerkennung verdient, als ich in meinem Beruf je leisten kann, denn schlussendlich produzieren wir nur Werbung. Austauschbar wie ein Plakat.» Wedekind betont, dass er in dieser Bubble viele tolle Menschen kennengelernt und Freunde fürs Leben gewonnen habe. Trotzdem merkte er, dass ihm dieses Umfeld zunehmend die Luft zum kreativen Arbeiten nahm. Nach fast zehn Jahren in Zürich zog er auch deshalb zurück in den Aargau, nach Mägenwil. Heute hat er seine Work-Life-Balance besser im Griff und räumt seinem Privatleben wieder bewusst mehr Platz ein. Familie, Freunde und die Menschen, die ihm nahestehen, sind ihm wichtiger geworden. «Für meine Kreativität ist die Film-Bubble ein Killer.»
Talent wurde ihm in die Wiege gelegt
Bereits als Kind widmete sich Sven Wedekind lieber der kreativen Seite, als stur Mathematik und Deutsch zu pauken. Sein Vater Jürgen Wedekind malt Bilder und verfasst literarische Texte. Das kreative Talent habe er eindeutig von ihm in die Wiege gelegt bekommen. In seiner Kindheit und Jugend war das Zeichnen seine grösste Leidenschaft. Zudem fertigte er Skulpturen aus Ton an. Früh faszinierte ihn auch das Fotografieren. Nach seiner Lehre als Siebdrucker bildete er sich im grafischen Bereich weiter und mit Anfang 20 entdeckte er schliesslich seine Leidenschaft für den Film.
Die Zusammenarbeit mit Kunden
Dass seine Kundschaft seine Arbeit schätzt, zeigen die zahlreichen Folgeaufträge. «Ich habe überwiegend Kunden, bei denen es nicht bei einem Projekt blieb.» So begleitet Wedekind etwa Kennys Autocenter seit Beginn seiner Selbstständigkeit. Um die 20 Projekte hat er für das Unternehmen bereits realisiert, zuletzt einen Film zum 50-jährigen Firmen-Jubiläum. Auch für den Flughafen Zürich hat Wedekind bereits vier grosse Projekte umgesetzt. Besonders in Erinnerung bleibt ihm der Film zum 75-jährigen Bestehen. «Persönlich kenne ich niemanden, der besser schreibt als mein Vater. Deshalb wollte ich unbedingt, dass er den Sprechertext für den Film schreibt.»
Für den Weinlieferanten Vergani führten ihn das zweite und dritte Projekt sogar nach Sardinien – mitten in die Weinberge. Auch im Festival- und Eventbereich zählt Wedekind auf langjährige Kunden. Für Weltklasse Zürich, den Leichtathletik-Event der Diamond League, realisierte er bereits zwei umfangreiche Projekte. Für einen der Filme schrieb er eigens einen Songtext und liess die Musik in der DNA des Events produzieren. Auch für Burger King und Dosenbach verfasste er bereits Songtexte. Die Arbeit im Musikstudio fasziniert Wedekind und gehört für ihn zum Filmemachen dazu. Seinen Schnittplatz und sein Filmstudio hat er deshalb inzwischen bei seinen langjährigen Partnern von der SoundPassion GmbH in Seon eingerichtet. Gemeinsam produzierten sie auch einen eigenen Song samt Musikvideo: «Ping Pong Match», bei dem Wedekind mit dem Schweizer Rapper Rio performt.«Das ganze Projekt war purer Spass und der Clip landete überraschenderweise sogar im SRF.
Wenn der Sinn plötzlich infrage steht
Wedekinds Werke sind facettenreich. Seine Filme haben eine eigene Handschrift mit hohem Wiedererkennungswert, und doch vermittelt jedes Werk andere Emotionen. Genauso wechselhaft erlebt Wedekind auch seinen eigenen Weg. Die gesamte Reise ist ein Auf und Ab. Gerade in den ersten Jahren begleiteten ihn auch existenzielle Sorgen. Gleichzeitig bestehe die permanente Notwendigkeit, kreativ zu sein – auch an Tagen, an denen es einem eigentlich nicht gut gehe. Der Erfolg hänge immer auch vom nächsten Projekt ab, während die Messlatte ständig neu gesetzt werde. Irgendwann stellt sich deshalb auch die Frage nach dem Sinn. Wie viel will man noch investieren? Und wofür? Solche emotionalen Täler hat Wedekind schon mehrfach erlebt. Heute weiss er besser damit umzugehen. Ein gesunder Ausgleich zum Berufsalltag ist deshalb entscheidend. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seiner Freundin und seinen Freunden. Möglichst unkompliziert und weit weg von der digitalen Welt. So tankt er Energie für die nächsten Projekte. Manchmal findet er diese Energie allerdings auch direkt im nächsten Projekt.
Ein Moment, der bleibt
Als Wedekind sich zuletzt in einem emotionalen Tief befand, erhielt er einen Anruf von Sandra Studer, Fernsehmoderatorin, Musikerin und Stiftungsrätin der Stiftung für Neonatologie. Sie fragte ihn für ein Projekt an, das ihn tief berühren sollte. Wedekind durfte im Universitätsspital Zürich für Neonat einen Film realisieren. Er durfte auf der Intensivstation drehen, auf der Frühgeborene ums Überleben kämpfen. Babys, die teilweise vier Monate zu früh auf die Welt kommen und kaum 500 Gramm wiegen. Dabei filmte er unter anderem eine Mutter, die ihr Kind zum ersten Mal in die Arme nehmen durfte. Das Baby war an Schläuche, Sonden und Monitore angeschlossen und wurde künstlich beatmet. Die Mutter begann instinktiv zu singen. Gleichzeitig liefen ihr Tränen über das Gesicht. «Dieses Erlebnis hat mich zutiefst bewegt. Ich konzentrierte mich extrem auf die Aufnahme, während ich einen Klumpen im Hals spürte.» Es war der erste Dreh seiner Karriere, bei dem er eine Pause benötigte, um sich emotional wieder zu sammeln. Gerade dieser Moment zeigte ihm, weshalb er trotz aller Zweifel gerne weitermacht. Ein Film kann Menschen bewegen, berühren und etwas auslösen. Für Sven Wedekind war diese Erkenntnis ein wichtiger Perspektivenwechsel. Und vielleicht ist es genau das, was sich durch seine gesamte Geschichte zieht: Er hat nie versucht, irgendwo anzukommen. Er ist einfach seiner Kreativität gefolgt – und dabei an Orte gelangt, die er selbst nie hätte planen können. «Was als Nächstes kommt? Keine Ahnung. Ich habe gelernt, dass man nicht alles planen muss.»
Debora Gattlen
Wer mehr über seine Arbeit und die einzelnen Projekte erfahren möchte, findet diese unter svenwedekind.com oder auf Instagram unter @sven.wedekind





