Als Lackierer muss man bruchrechnen können
28.07.2026 Serie im Reussbote, Region ReusstalSommerserie: Die Redaktion in anderen Berufen. Heute: Michael Lux als Carrosserielackierer im Spritzwerk der Hallauer AG in Tägerig
Unser Redaktor tauschte Block und Bleistift gegen Schleifmaschine und Spritzpistole. Doch als Lackierer braucht es statt spitzer Feder ein ...
Sommerserie: Die Redaktion in anderen Berufen. Heute: Michael Lux als Carrosserielackierer im Spritzwerk der Hallauer AG in Tägerig
Unser Redaktor tauschte Block und Bleistift gegen Schleifmaschine und Spritzpistole. Doch als Lackierer braucht es statt spitzer Feder ein gerütteltes Mass an Feingefühl – sonst wird es teuer.
Ist doch nur ein Kratzer», diesen Satz kennt wohl jeder. Doch wenn ein Autoteil neu lackiert werden muss, geht das schnell ins Geld. «Was schätzt du, was ein Liter einfacher roter Farbe kostet», fragt mich Chef Michael Hallauer, beim «Einstellungsgespräch» im Spritzwerk der Hallauer AG in Tägerig. Ich tippe ins Blaue auf 100 Franken. Weit gefehlt: 3,5 Liter kosten rund 1400 Franken, verrät Hallauer. «Die Materialien sind so teuer, dass man es sich nicht leisten kann, wenn etwas in die Hose geht», erklärt er mir. Au weia, das macht ja Mut für mein Schnupperpraktikum. Zumindest ist man hier Anfänger gewohnt. 40 Schnupperlehrlinge kommen pro Jahr zur Hallauer AG. Die meisten sind allerdings zwischen 13 und 15 Jahre alt, nicht wie ich Ende Vierzig. Bei Hallauer wird alles gemacht – von der Schadensannahme, über Versicherungsmanagement bis hin zum Spenglern und Lackieren. Ich soll mich heute als Carosserielackierer bewähren, normalerweise eine vierjährige Lehre. Der Sekundarschulabschluss ist dafür erwünscht, besondere körperliche Eigenschaften braucht es nicht: «Farbenblind geht nicht», witzelt Michael Hallauer. Grundlegendes Bruchrechnen gehört beim Mischen der Farben ebenfalls dazu, woran es bei manchem Bewerber aber schon hapere, erzählt Hallauer. Das kriege ich gerade noch hin – hoffe ich!
Der böse Nachbar war’s
Zunächst gibt es etwas Theorie von Standortleiter Mauro Abbruzzino. Was man landläufig als «Autolack» bezeichnet, besteht eigentlich aus mehreren Schichten. Auf das Metall folgt eine Werksgrundierung, dann kommt die Farbe und erst darauf der eigentliche Lack, lerne ich. Bevor der Lackierer aber überhaupt die Spritzpistole zückt, kommt die Vorbereitung durch den Spengler, der Beulen beseitigt, danach werden die Unebenheiten weiter verfeinert und mit einem Grundierfüller ausgeglichen – so die Kurzfassung. Ich darf mir die lästigen Vorarbeiten zum Glück sparen und gleich an den Kotflügel eines ausrangierten Opel. «Ich bin jetzt mal der böse Nachbar», grinst Mauro und macht mit dem Autoschlüssel einen hässlichen Kratzer in den Lack. Autsch! Meine Tagesaufgabe: Kratzer ausschleifen und Kotflügel neu lackieren. «Wir haben Schleifpapier in verschiedener Körnung», erklärt Mauro, während ich Atemschutzmaske und Schutzhandschuhe anlege. Sicherheit geht vor! Dann habe ich zum ersten Mal ein Schleifgerät mit eingebautem Sauger in der Hand. Zuerst muss der Kratzer raus, dann der ganze Kotflügel abgeschliffen werden. «Wichtig: immer bewegen und nicht zu fest drücken», rät der Experte. Sonst gibt es zusätzliche Schrammen. Offensichtlich stelle ich mich gar nicht so dumm an, denn Mauro schreitet nicht ein. Es ist aber eine langwierige Arbeit. Und am Ende müssen Kanten und Falze noch geschliffen werden – von Hand. Fertig? Nein! Jetzt muss das Ganze mit «Antisilikon» von Fett, Staub und anderen Verunreinigungen, die man hinterher im Lack sehen würde, befreit werden. Puh, geschafft.
Ein Schluck zu viel des Guten
Dann geht es dahin, wo die Magie passiert: Zum Farben mischen. Denn die Autolacke gibt es nicht aus der Tube. «Jeder Betrieb muss jede Farbe anmischen. Jedes Auto hat einen Farbcode», erklärt Mauro Abbruzzino. Den findet man meist auf einer Plakette am Auto. Wenn nicht, kann man die Farbzusammensetzung mit einem speziellen Messgerät analysieren. Wir mischen uns heute «brilliant schwarz». Zum Glück gibt es den Computer, der nicht nur mit dem Internet, sondern auch mit einer Waage verbunden ist. Er gibt genau an, wie viel Gramm von welchem Farbton sowie von Härter und Verdünner gebraucht wird. Maximale Toleranz: 0,2 Gramm. Tröpfchenweise taste ich mich heran und der Ehrgeiz packt mich. Einmal gelingt mir das Kunststück: Abweichung 0,0 Gramm. Doch Übermut tut selten gut. Kurz bin ich abgelenkt und – zack bin ich drüber. Um stolze 1,2 Gramm. Das hätte im echten Leben Folgen. Damit das Mischungsverhältnis wieder stimmt, müsste ich die Gesamtmenge teurer Farbe verdoppeln. Doch für mein Gesellenstück tut es auch «Spezial-Schwarz». Es folgt der finale Akt: Das Lackieren in der mit Filtern ausgestatteten Spritzkabine in voller Schutzmontur und Aktivkohlemaske. «Du musst dir vorstellen, du bist ein Roboter», erklärt Mauro. Der Abstand müsse immer 20 Zentimeter betragen. In gleichmässigen Bewegungen soll ich die Spritzpistole von links nach rechts bewegen: «Hebel immer voll durchdrücken», tönt es von hinten. Nach drei Durchgängen trete ich zurück, stolz wie Picasso. Okay, etwas Orangenhaut hat mein Werk, ich war etwas zu schnell und der Abstand nicht gleichmässig. Mauro klopft mir dennoch freundlich auf die Schulter: «Du bist ein guter Schnupperstift», sagt er und zwinkert dabei.
Michael Lux


