Ausgewasserte Boote und Steppe statt Weiden
04.08.2026 Region ReusstalRegion: Der Wasserstand an der Reuss in Mellingen ist auf dem Tiefstand, Kühe vertreten sich ihre Füsse auf dürren Weiden statt zu grasen
Einen so heissen Sommer mit so wenig Regen gab es im Juli im Aargau noch nie. Das schlägt sich auch beim Wasserpegel der ...
Region: Der Wasserstand an der Reuss in Mellingen ist auf dem Tiefstand, Kühe vertreten sich ihre Füsse auf dürren Weiden statt zu grasen
Einen so heissen Sommer mit so wenig Regen gab es im Juli im Aargau noch nie. Das schlägt sich auch beim Wasserpegel der Reuss nieder. Viele Kühe müssen zudem auf braunen Steppen weiden.
Einige der Pontonierboote sind inzwischen gestrandet. Andere haben noch eine Handbreit Wasser Tiefgang. «Bei uns im Verein sagen viele, dass im Juli das Wasser in Mellingen noch nie so tief war», sagt Pascal Graf, Medienverantwortlicher der Pontoniere Mellingen. Dass es sich tatsächlich um ein neues Juli-Rekordtief des Reusspegels handelt, bestätigen die Zahlen der Wassermessstation in Mellingen. Am Freitagnachmittag flossen dort nur noch 61,2 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Der tiefste Wert wurde bisher am 6. Juli 1949 mit 75 Kubikmeter Wasser pro Sekunde gemessen. Der tiefe Reussstand fällt auch der Bevölkerung auf. Einige nutzen die Gelegenheit, die träge dahinfliessende Reuss vor der Altstadt zu geniessen. Hanna Minder ist mit ihrer Hündin Ella vorbeigekommen. Im seichten Wasser lassen sich die Hundstage im Schatten der Pappelallee aushalten. Hanna Minder sagt: «Ich habe noch nie erlebt, dass die Reuss so wenig Wasser führt. Ich komme mit meiner Hündin zum Baden an die Reuss, solange es noch geht. Ich würde es auch verstehen, wenn das wegen der Fische nicht mehr erlaubt ist.» Bis anhin traf der Kanton in Mellingen noch keine Massnahmen. Im Bereich der Mündung Dorfbach Stetten und Busslingen wird aber bereits per Tafel aufgefordert, das Baden von Mensch und Tier zu unterlassen. Es handelt sich dabei nicht um ein Verbot, sondern um eine Sensibilisierungskampagne vom Departement für Bau, Verkehr und Umwelt des Kanton Aargau. Denn Mündungsbereiche von Bächen bieten bei Hitzeereignissen Rückzugstellen für Fische. Die Wassertemperatur ist dort tiefer. «Der Kanton forderte uns letzte Woche auf, zu melden, ob die Kampagne Wirkung zeigt oder nicht», sagt Reto Lindinger, Präsident des Fischervereins Reuss Mellingen. Zum Schutz der Fische hat der Kanton Solothurn das Baden in Fliessgewässern bereits verboten.
Weide nur noch als Zeitvertreib
Doch nicht nur der Reusspegel zeugt von Wochen ohne nennenswerten Regen. Inzwischen verwandelten sich Kuhweiden in eine Steppenlandschaft. «Die Kühe gehen nur noch auf die Weide, um ihre Füsse zu vertreten. Zu Fressen finden sie nichts mehr», sagt Landwirtin Marina Boller von der Lucky Farm in Mellingen. Ihre Kühe können selbst wählen, ob sie im Stall oder auf der braunen Weide mit Schatten spendenden Obstbäumen den Tag verbringen. «Oft bleiben sie trotz der Hitze draussen unter den Bäumen», sagt sie. Da die Kühe auf der Weide keine Nahrung finden, werden sie im Stall mit einer Silomischung gefüttert. «Ich habe das Glück, dass ich meine Herde letztes Jahr verkleinert habe. So werden die elf Mutterkühe und die sieben Kälbchen und Rinder auch im kommenden Winter über genügend Futter verfügen. Den von ihr dieses Jahr angepflanzten Futtermais, konnte sie bereits an andere Landwirte, die zu wenig Vorrat haben, verkaufen. Mit der kargen Wiese kommen hingegen ihre Ziegen und Alpakas bestens aus. «Sie sind sehr genügsam. Trotzdem füttere ich auch sie zu 100 Prozent mit Futter. Ihre Ziegen beweiden die Wiesen von Pro Natura und den Bahndamm in Mellingen, um dort die Verbuschung aufzuhalten und die Naturlandschaft zu erhalten. «Die Büsche wachsen trotz der Hitze und die Ziegen finden noch Futter», so Marina Boller.
Kühe sind nur nachts auf der Weide
Auch auf dem Nüeltschehof in Wohlenschwil sehen die Weiden verdorrt aus. «Die Situation ist eine totale Katastrophe», sagt Landwirt Alex Füglistaller. Trotzdem wolle er nicht jammern. Man müsse immer das beste aus jeder Situation machen. Wegen der Hitze lässt er seine Kühe nur noch in der Nacht auf die Weide, da dann die Temperaturen für die Kühe erträglicher sind. «Zu fressen finden sie nichts mehr. Der Weidegang ist daher nur für ihr Wohlbefinden», führt Alex Füglistaller aus. «Sie kommen am Morgen in den Stall und werden gemolken. Im Anschluss bleiben sie wegen den hohen Temperaturen im Stall und verbringen den Tag im Schatten.» Zudem mache die eingeschaltete Lüftung das Ganze erträglicher. Auch Alex Füglistaller muss seine Kühe zufüttern. «Zurzeit haben wir noch genügend Futter. Wir hoffen aber, dass der Herbst mehr Regen bringt, damit das Futter für den Winter gesichert ist.»
Debora Gattlen



