Der alte Migros-Wagen fährt in den Krieg
16.06.2026 NiederrohrdorfNiederrohrdorf: Daniel Zehnder schenkt seinen Migros-Wohnbus der ukrainischen Armee, wo er Stützpunktfahrzeug neben einem Frontspital wird
Vor 26 Jahren hatte der Niederrohrdorfer Daniel Zehnder den Migros-Wagen gekauft. Der Architekt baute ihn zum Wohnbus um und reiste bis ...
Niederrohrdorf: Daniel Zehnder schenkt seinen Migros-Wohnbus der ukrainischen Armee, wo er Stützpunktfahrzeug neben einem Frontspital wird
Vor 26 Jahren hatte der Niederrohrdorfer Daniel Zehnder den Migros-Wagen gekauft. Der Architekt baute ihn zum Wohnbus um und reiste bis nach Schweden. Bald wird dieser Wohnbus neben einem Lazarett in der Ukraine stehen.
Ein weisses Blatt Papier liegt vor Daniel Zehnder (69), darauf zahlreiche Begriffe in kyrillischer Schrift. Zehnder wird sie ausschneiden und neben alle wichtigen Instrumente in seinem Migros-Wohnbus kleben. Ein Schild klebt bereits beim Schaltfeld des Stromgenerators, weitere werden folgen. Denn Ende Woche soll dieser Lastwagen, der bis 1998 ein Migros-Verkaufswagen war, später zum Wohnbus umgebaut und in den letzten 26 Jahren viele Reisen mitmachte, in der Ukraine stehen.
Am Dienstagmorgen, 16. Juni, geht es los. Dann wird Daniel Zehnder, Architekt aus Niederrohrdorf, mit zwei weiteren Wohnbussen und zwei Krankenwagen im Konvoi über Chemnitz und Krakau drei Tage lang an die ukrainische Grenze fahren. Ziel ist Lwiw, respektive Lemberg auf deutsch. Dort werden die Fahrzeuge an Mitglieder der ukrainischen Armee übergeben, die sie danach in den Osten an die ukrainische Kriegsfront fahren.
Zehnders Migroswagen wird ein Wohnbus bleiben und doch eine völlig neue Verwendung finden. «Ärztinnen, Ärzte und Physiotherapeuten werden schon bald im Bus essen, duschen und schlafen», erklärt Daniel Zehnder. Der Bus wird an der Front in der Nähe eines Feldlazaretts aufgestellt, wo die Mediziner und Therapeuten arbeiten. «Vermutlich wird er neu gespritzt, getarnt und gut versteckt.» Denn der Tank fasst 250 Liter Diesel, auch Flüssiggas gehört zur Ausrüstung dieses 12 Tonnen schweren Gefährts. «Wird der Bus von einem Geschoss getroffen, ist er kaputt.»
Busleben in zwei Fahrtenbüchern
Noch steht der Migros-Wagen allerdings am Rohrdorferberg, in einer Halle in Busslingen. Daniel Zehnder erzählt, was er mit diesem Bus in den letzten 26 Jahren alles erlebte. Der Architekt sitzt am Tisch, den er selbst entworfen hat und der von der Niederrohrdorfer Schreinerei Irniger in Massarbeit angefertigt wurde – wie übrigens das ganze Mobiliar in diesem besonderen Camper. Von den Betten über die Duschkabine, das Sofa und die Kochnische bis hin zu den praktischen Schränken. Er blättert in einem der beiden Fahrtenbücher. Skizzen von Häusern und Reiserouten, Fotos von den Menschen, die im Bus unterwegs waren. Das war in den letzten 26 Jahren vor allem seine Patchwork-Familie, seine Partnerin und die vier heute erwachsenen Kinder. Mittlerweile kamen auch einige Enkelkinder in den Genuss von «Migros-Wohnbus-Ferien». «Wir waren in Schweden, Sizilien und Kroatien», sagt er, «hundertmal in Frankreich, Italien und Österreich. Bis zu drei Wochen lang waren wir unterwegs». – Mit den Erinnerungen kommen die Emotionen.
Gekauft hatte Daniel Zehnder den gerade mal vier Jahre alten Migros-Verkaufswagen mit Gefriertruhe, Kasse und unzähligen Regalen für 25 000 Franken – der Neuwert eines solchen Lastwagens beträgt immerhin mehrere hunderttausend Franken. 1998 aber wurden die mittlerweile defizitär gewordenen Migros-Wagen in der ganzen Schweiz nach und nach ausgemustert und verkauft. «Die letzten waren im Kanton Glarus und im Tessin unterwegs.» Bei der Übergabe in Suhr hätten der Migros-Speditions- und auch der Garagenchef Tränen in den Augen gehabt, erzählt Zehnder. Weil er damals noch keinen Lkw-Fahrausweis hatte, konnte er den Lastwagen nicht mal selbst nach Niederrohrdorf fahren. Den Lkw-Führerausweis aber holte er nach. Gleichzeitig baute er den Wagen ein Jahr lang komplett um. Danach stand der Bus im Zentrum vieler Reisen und Abenteuer.
Noch bis vor Kurzem parkte der Wagen in einer eigens für ihn gebauten Garage. Dann aber verkaufte der Architekt sein Haus. Weil der neue Besitzer auch die geräumige Garage für eigene Zwecke nutzen wollte, entschloss sich Daniel Zehnder den Wohnbus zu verkaufen. Fünf Interessenten gab es, alle sprangen ab – den einen fehlte die Garage, die anderen konnten ihre Partnerin nicht für künftige Bus-Abenteuer gewinnen.
Der Dankesbrief des Colonels
Schliesslich las der Niederrohrdorfer in der Zeitung, dass für die Kriegsfront in der Ukraine grosse Verkehrsbusse, Feuerwehrautos und Ambulanzen gesucht würden. Er meldete sich beim Projektleiter und bot seinen Wohnbus an. «Ein Geschenk mit allem, was darin ist, von den Gläsern bis zu den Matratzen und dem Notstromaggregat», sagt er. Auch Whisky und Gin überlässt er dem medizinischen Personal an der Front. Einzig die Familienfotos hat er durch Bilder von Bergen ersetzt. In der Küche hängt das Matterhorn.
In den letzten Tagen wurde der Migros-Wagen gereinigt und mit frischer Wäsche bestückt. Ein bisschen emotional dürfte wohl auch diese Übergabe werden. Ein ukrainischer Colonel hatte sich aber bereits diesen April bei Daniel Zehnder bedankt für «die Unterstützung der Ukraine in diesen schwierigen Zeiten». Sie seien zutiefst dankbar für die Freundlichkeit und Güte, für Hilfe und Zuwendung.
Am 16. Juni wird Daniel Zehnder mit einem weiteren Lkw-Chauffeur 800 Kilometer am Tag fahren, bis Lwiw.
Heidi Hess






