Der Ammann kann Ranking nicht nachvollziehen
06.02.2026 BirrhardGemeindeammann Daniel Knappe äussert sich zum «Sotomo»-Gemeinderanking und spricht über die weiteren Schritte zur Aufarbeitung
Ein negatives Gemeinderanking und der entsprechende Zeitungsbericht sorgen in Birrhard für Kopfschütteln. Nun soll eine Arbeitgruppe ...
Gemeindeammann Daniel Knappe äussert sich zum «Sotomo»-Gemeinderanking und spricht über die weiteren Schritte zur Aufarbeitung
Ein negatives Gemeinderanking und der entsprechende Zeitungsbericht sorgen in Birrhard für Kopfschütteln. Nun soll eine Arbeitgruppe herausfinden, wie das Ergebnis zustande kam.
Hintergrund ist eine Studie des Forschungsinstituts Sotomo (siehe Kasten), bei der Birrhard nicht gut abschneidet. Bei dieser geht es vorrangig darum, wie bestehende Siedlungsgebiete hierzulande qualitätsvoll und nachhaltig entwickelt werden können, um neuen Wohnraum zu schaffen und eine weitere Zersiedlung der Schweiz zu verhindern. Die Siedlungsgebiete sollen dabei jedoch nicht nur verdichtet, sondern gleichzeitig qualitativ aufgewertet werden. Ergänzend zur Studie wurden auch Gemeinderankings veröffentlicht, welche die aktuelle Siedlungsqualität sowie Entwicklungspotenziale und Handlungsbedarf in den einzelnen Gemeinden aufzeigen. Die «Aargauer Zeitung» wertete die Statistik aus und erstellte auf Basis des Gesamtwerts der Siedlungsqualitäten ein Ranking für die Gemeinden des Kantons. Bei dieser belegte Birrhard den letzten Platz von 197 Gemeinden.
Freiwillige Arbeitsgruppe
Gemeindeammann Daniel Knappe erfuhr erst durch eine Interview-Anfrage von Tele M1 vom schlechten Abschneiden, wie er erzählt. Ob er in 20 Minuten ein Interview dazu geben könne, wurde er kurz nach Erscheinen des Artikels im Dezember gefragt. Da hatte er diesen noch gar nicht gelesen – ganz abgesehen von der Studie, die immerhin über 80 Seiten umfasst. «So etwas liest man nicht in zwei Minuten», so Knappe. Einfach stillschweigend darüber hinweg gehen, will man im Gemeinderat aber nicht: «Um etwas interpretieren zu können, muss man die Parameter verstehen, aus denen das entstanden ist», so Knappe. Daher soll sich nun eine Arbeitsgruppe im Detail mit dem Gemeindereport, den einzelnen Kriterien und deren Gewichtung beschäftigen. Einige freiwillige Bürgerinnen und Bürger haben sich bereits gemeldet. Wer ebenfalls Interesse hat, sich einzubringen, kann sich an die Gemeindekanzlei wenden. In der Arbeitsgruppe sieht Knappe zugleich auch eine Chance, die Bevölkerung in den Gemeindebetrieb einzubinden.
Hohe Lebensqualität im Dorf
Wirklich nachvollziehen kann der Gemeindeammann das schlechte Abschneiden von Birrhard nicht. «Ich kenne kein Schulhaus, das so schön gelegen ist, wie unseres – nahe am Wald und am Fluss. Es ist ein idyllischer Ort», schwärmt er. Beim Kriterium «Naherholung» sieht er Birrhard allgemein gut aufgestellt. «Ich kann von hier in alle Richtungen spazieren und bin in 15 Minuten unten an der Reuss». Vorstellen könne er sich noch einen Veloweg von der Schulanlage bis an die Reuss, sodass ein Rundweg entsteht, so Knappe auf die Frage, wo es vielleicht noch Potenzial in diesem Bereich gebe. Eine weitere Idee sei ein Reusssteg, um auch auf der anderen Flussseite spazieren zu können. Die Umsetzung solcher Pläne sei jedoch nicht immer einfach: «Wir wollten das schon einmal machen, aber es ist dann an den Regularien von Bund und Kanton für den Wald gescheitert», so Knappe.
Nähe zur Autobahn hat zwei Seiten
Die öV-Anbindung ist seiner Meinung nach ebenfalls nicht schlecht im Dorf: «Wir haben eine halbstündige Anbindung nach Mellingen und Brugg.» Vielleicht sei man beim öV nicht ganz so stark aufgestellt, dafür sei man aber in vier Minuten auf der Autobahn, gibt er zu bedenken. Die Nähe zur Autobahn könnte beim Kriterium «Ruhe» aber negativ in das Ranking eingeflossen sein: «Ich kann mir vorstellen, dass ein gewisser Grundlärm durch die Autobahn A1, Zug und den Flugplatz Birrfeld ein Faktor sein könnte», so Knappe. Die gleichmässigen Autobahngeräusche seien aber weniger störend als die Motorgeräusche, wenn man beispielsweise an einer viel befahrenen Strasse wohne, findet er. «Eventuell wären Lärmschutzmassnahmen ein mögliches Potenzial», ergänzt er auf Nachfrage. Dass es keine Läden im Dorf gibt – Stichwort «Nahversorgung» – findet er weniger relevant, schliesslich gebe es im näheren Umkreis jede Menge Einkaufsmöglichkeiten, etwa den Volg in Mülligen, Migros und Denner in Birr oder den Coop und Migros in Mellingen. «Wenn man 300 Meter vom Laden weg wohnt, geht man trotzdem nicht zu Fuss und trägt die schweren Taschen, sondern nimmt das Auto», glaubt er. Parameter für das Ranking sind laut Studienunterlagen auch die Nutzung des Bauvolumens, also die Anzahl Bewohnende und Beschäftigte, sowie der «Nutzungsmix». «Gewerbe in der Wohnzone finde ich nicht das Nonplusultra», bilanziert Daniel Knappe. Ob dies die Lebensqualität erhöhe, daran würden sich die Geister scheiden. Bei diesen Aspekten müsse man die Effekte der Bau- und Nutzungsordung vertieft betrachten. In den nächsten Jahren müsse die BNO aus dem Jahr 2012 ohnehin angepasst werden. Knappe ist sich aber nach wie vor nicht sicher, ob es sich beim vorgenannten Medienbericht nicht um eine Fehlinterpretation der Studie handelt. Bevor man konkrete Massnahmen ergreift, will man auf alle Fälle die Ergebnisse der Arbeitsgruppe abwarten. Das Ziel sei es, dass diese gegebenenfalls bis zu den Sommerferien Erkenntnisse über mögliche Verbesserungs- oder Optimierungsvorschläge für den Gemeinderat erarbeitet. «Vielleicht gibt es ja Dinge, die man schnell und einfach umsetzen könnte», so Knappe. Die Bevölkerung werde dann auf jeden Fall über die Ergebnisse informiert.
Michael Lux
Die Studie
Das renommierte Forschungsinstitut «Sotomo» untersuchte im Auftrag der Schweizer Denkfabrik «Urbanistica», wo und wie in der Schweiz Siedlungsräume qualitätsvoll und nachhaltig entwickelt werden können. Die wichtigste Ableitung aus der empirischen Analyse ist das Gemeinderanking «Potenziale Innenentwicklung». Dieses zeigt das Entwicklungspotenzial für jede Schweizer Gemeinde auf. Das ergänzende Gemeinderanking «Handlungsbedarf Qualitäten» zeigt für jede Gemeinde ihr qualitatives Potenzial in sechs Dimensionen: Nahversorgung, Nutzung Bauvolumen, Nutzungsmix, Ruhe, Durchgrünung und Naherholung.

