Annetta Schuppisser ist in Tägerig aufgewachsen, Grossrätin und wohnt in Baden. Sie hat Masterstudiengänge in International Law & Management in St. Gallen absolviert und arbeitet im Finanzwe- sen. In ihrer Freizeit segelt sie leidenschaftlich gern.
Ich bin mit ...
Annetta Schuppisser ist in Tägerig aufgewachsen, Grossrätin und wohnt in Baden. Sie hat Masterstudiengänge in International Law & Management in St. Gallen absolviert und arbeitet im Finanzwe- sen. In ihrer Freizeit segelt sie leidenschaftlich gern.
Ich bin mit ihm im Grossen Rat gesessen. Ein ehemaliger Grossrat, der mit uns über Sicherheit und Ordnung debattierte – und der heute beschuldigt wird, im engsten Umfeld Frauen und ein Kind betäubt und missbraucht zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Aber die blosse Möglichkeit, dass einer von uns so etwas getan hat, zwingt zu einer Frage, die man hier nicht gern stellt: Wer bedroht eigentlich die Sicherheit von Frauen?
Der Beschuldigte ist kein Fremder, sondern ein im Tatzeitpunkt aktiver Politiker. Es gibt Männer, die sich mächtig genug fühlen, sich das Recht zu nehmen, über Frauen zu verfügen – und im gleichen Atemzug andere zur Gefahr erklären. Die den Schutz «unserer Frauen» beschwören, solange die Bedrohung von aussen kommt. Dabei ist sie längst unter uns. Manchmal trägt sie ein Mandat.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Sexualisierte Gewalt geschieht meist nicht durch Unbekannte, sondern im Nahraum, durch Vertraute mit gutem Ruf und Netzwerk. Das Machtgefälle ist die Waffe: Wer angesehen ist, dem glaubt man; wer betäubt wird, kann sich nicht wehren.
Und das Problem ist systematisch. Wo immer sich die Gelegenheit böte, Frauen wirklich zu schützen, blockt ausgerechnet jene Partei, die am lautesten von Schutz spricht. Aktuell liegt eine Gesetzesvorlage des Bundes in der Vernehmlassung: Wer mit K.-o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt wird, gilt nach aktueller Rechtslage nicht als verunfallt, sondern als «krank», mit Folgen bei Lohn und Rente. Das soll sich ändern. Fast alle Parteien tragen sie mit. Die SVP stellt sich quer. Sie nennt den besseren Schutz betäubter Opfer eine «systemwidrige Speziallösung» und verweist auf die Kosten: 0,03 Prozent Prämienerhöhung.
Man stelle sich das vor. Dieselbe Partei, die «unsere Frauen» im Munde führt, wenn es gegen Fremde geht, findet deren Schutz zu teuer, sobald er ein paar Rappen kostet und nicht ins Feindbild passt. Das ist keine Frage von links oder rechts, sondern, ob man es ernst meint.
Ich meine es ernst, als Frau und als Politikerin. Ich fühle mich nicht geschützt in der Schweiz. Nicht wegen einer Zuwanderungsquote, sondern weil eine Politik, die Sicherheit predigt, sie dort verweigert, wo sie zählt. Die Gefahr steht nicht draussen am Rand. Manchmal ist sie in der Mitte unserer Gesellschaft und trifft die politischen oder strategischen Entscheidungen, die uns eigentlich schützen sollten.