Die Iten, die von Ägeri nach Mellingen kamen
21.08.2026 MellingenMellingen: Ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des Städtchens ist das 2024 erschienene Buch «Die Iten von Mellingen von 1667 bis heute»
Die Familie Iten kam um 1711 von Ägeri nach Mellingen. Es gab Sattler, Tapezierer und einen Kunstmaler in der Familie. Der ...
Mellingen: Ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des Städtchens ist das 2024 erschienene Buch «Die Iten von Mellingen von 1667 bis heute»
Die Familie Iten kam um 1711 von Ägeri nach Mellingen. Es gab Sattler, Tapezierer und einen Kunstmaler in der Familie. Der Kunstmaler wanderte aus und machte sich einen Namen in Amerika.
Es ist bemerkenswert, dass die Bürgerschaft von Mellingen zeitweise bereit war, Einwohner aus anderen Gebieten der Schweiz aufzunehmen und ihnen das Bürgerrecht zu verleihen. So wanderten drei Geschlechter aus dem Kanton Zug ein, die später in Mellingen eine bedeutende Rolle spielen sollten.
Aus der Stadt Zug wurde 1584 Kaspar Müller (gestorben 1624) als Bürger aufgenommen und erwarb den Gasthof Löwen, der bis ins späte 19. Jahrhundert im Besitz dieser Familie bleiben sollte. Auch politisch waren die Müllers sehr aktiv. Bis 1798 amteten sieben Nachkommen als Schultheissen der Stadt. Stammvater der Gretener war Melchior (1696–1758), der um 1734 von Hünenberg nach Mellingen auswanderte und den Gasthof Hirschen erwarb. Drei dieses Geschlechts amteten im 19. Jahrhundert als Stadtammänner und in der Neuzeit stand bis 2021 Bruno Gretener 16 Jahre lang an der Spitze der Gemeinde. Stammvater der Iten war Jakob (1667–1743), der um 1711 von Ägeri nach Mellingen zog. Von diesem und seinen Nachkommen berichten wir in den folgenden Abschnitten.
Ein Buch über die Familie Iten
Es ist einzigartig, dass 2024 von einem Mellinger Bürgergeschlecht ein Druckwerk von 70 Seiten erschienen ist. Verfasst wurde es von verschiedenen Mitgliedern der Familie. Besonders wertvoll ist ein hervorragend gestalteter Stammbaum der Nachfahren von Jakob Iten in neun Generationen mit 110 Personen. Stammvater Jakob Iten wohnte im «Haus zur Farb», vermutlich im ehemaligen Badhaus von Mellingen, dem eine Färberei angegliedert war – heute das Haus in der Grossen Kirchgasse 8. 2024 lebten noch 52 Namensträger der Mellinger Iten. Während in Ägeri noch recht viele Iten ansässig sind, lebt vom Mellinger Zweig keine einzige Person mehr im Städtchen.
In einem Abschnitt wird auch über die Bedeutung des Namens Iten berichtet. Vermutlich dürfte es sich um ein sogenanntes Metronymikon handeln, das heisst ein Familienname, der von einer Mutter hergeleitet wurde, in unserem Fall von Ita, Ida. Das Gleiche gilt auch für Gretener: Hinter dieser Bezeichnung steckt der Frauenname Gret.
Wertvolle Hinweise über das Leben im Städtchen in den 1930er-Jahren
Die nachfolgenden Angaben sind Erinnerungen von Walter Iten (1924– 2023). So erwähnt er die zahlreichen Handwerksbetriebe im Städtli. «An der Hauptgasse mitten im Städtchen lag mein Geburts- und Elternhaus. Es bestand damals aus zwei Liegenschaften, dem Sattler- und Tapezierer-Geschäft einerseits und dem Hut- und Stoffladen andererseits [Hauptgasse 3 und 5].» Walters Vater Emil Iten (1885–1947) war gelernter Sattler und Tapezierer in dritter Generation. (Bild oben) Hinter dem Ladenlokal gegen den Hinterhof hin lag die Werkstatt des Vaters. «Hier stellte er meist mit einem Arbeiter und einem Lehrling zusammen Lederartikel, Bettwaren, Polstermöbel, Schultornister, speziell aber in den Wintermonaten komplette Vieh- und Pferdegeschirre her.» Diese konnte er in der ganzen Schweiz verkaufen. Im Sommer und bei warmem Wetter arbeitete er gerne draussen im Hof. «Der Vater hörte bei seiner Arbeit nicht ungern die Schlagermusik aus dem Grammophon des nahen Restaurants Frohsinn, auch mochte er am Morgen den Duft der frischgebackenen Brote aus der Nachbar-Bäckerei.» Im Nachbarhaus stellte Walters Grossmutter vorverarbeitete Filz- und Strohhüte her. Doch in der Krisenzeit in den Dreissigerjahren gingen die Einkünfte des Sattlergeschäfts derart zurück, dass der Konkurs drohte. Zum Glück konnte Emil Iten das Gebäude Hauptgasse 3 an den Elektromonteur Emil Busslinger-Egloff verkaufen, wo dann in den Vierzigerjahren die Drogerie von dessen Sohn, Emil Busslinger, erbaut wurde. Vor dem Umbau wurde in diesem Haus ein Kiosk vor allem für Raucherwaren eingerichtet. Walters Mutter Kreszentia Iten (1887– 1963) wurde 1908 als Arbeitslehrerin von Mellingen gewählt. Dannzumal unterrichtete sie noch im Dachgeschoss des Ratshauses am Kirchplatz. «In der Winterzeit musste sie früh vor Schulbeginn zuerst das Schulzimmer mit dem Holzöfeli wärmen, damit sie und die Mädchen nicht frieren mussten.» Interessant ist auch, wie die Familie Iten ihr Haus an der Hauptgasse heizte. Als Brennmaterial diente das Rindenholz, das kostenlos in der Sägerei Frey bezogen werden konnte. Es würde den Rahmen dieses Artikels aber sprengen, um auf all die Details einzugehen, die Walter Iten über das Leben im Städtli vor rund 80 Jahren in diesem Buch erzählt.
Kunstmaler Adolf Iten wandert aus
Es ist eines der eher seltenen Beispiele, wo über die Auswanderung eines Mellinger Bürgers die Rede ist: Walter Iten berichtet ausführlich über seinen Onkel, den Kunstmaler Adolf Iten (1882–1936). Er galt als Sorgenkind seiner Eltern. Seine Eigenwilligkeit war derart gross, dass sein Vater Josef Iten (1845–1918) dem Heranwachsenden Geld anerbot, um nach Amerika auszuwandern. Doch vorerst heiratete Adolf 1909 die ehemalige Mellingerin Antoinette Lee (1886– 1975), die in Engelburg, St. Gallen wohnte. Adolf zog daher zu seiner Frau in der Ostschweiz, wo ihr einziges Kind Karl Adolf (1910–1944) zur Welt kam. Leider ist nicht bekannt, bei wem Adolf seine Ausbildung als Kunstmaler genoss. Zeugnisse seines Könnens fanden sich im Elternhaus in Mellingen und im Gebäude seiner Schwiegereltern in Engelburg. Doch sind diese monumentalen Gemälde leider nicht mehr erhalten. Es gelang Adolf aber nicht, durch seine Malerei die junge Familie zu erhalten. In der Ehe kam es zur Krise. 1911 wanderte Adolf ohne Frau und Sohn in die Vereinigten Staaten aus. Die meiste Zeit hielt sich der Auswanderer in Peoria im Staate Illinois auf. Über seine Tätigkeit als Kunstmaler ist wenig bekannt. 1923 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit betätigte er sich auch handwerklich, insbesondere im Bereich des Holzbaus. Offenbar war Adolf beruflich recht erfolgreich, schickte er doch mehrere Male Geld an Frau und Kind in Europa. Der Auswanderer starb 1936 in Peoria. Weitere Details sind nicht bekannt. Erhalten sind ein paar Fotos. Auf einem Bild wird er als «Swiss Fresco Painter» bezeichnet.
Die Iten-Uhr-Stiftung
Sehr ausführlich wird in dieser Schrift über diese Stiftung berichtet. Diese Institution ist ein sogenanntes «Fideikommis», das heisst ein unveräusserliches Familiengut, das nicht verkauft werden darf, also von Generation zu Generation weitergegeben werden muss.
Diese Stiftung, die heute noch existiert, wurde 1816 von Christian Iten (1750–1836) und dessen Ehegattin Katharina Uhr (1750–1823) errichtet, da sie keine Nachkommen hatten. Die Hinterlassenschaft betrug nach heutiger Berechnung circa 60 000 Franken. Heute ist das Stiftungsgut um einiges grösser. Aus den jährlichen Zinserträgen werden Stipendien an Nachkommen der Familien Iten und Uhr vergeben. Da der Mellinger Stamm der Familie Uhr in der Zwischenzeit ausgestorben ist, kommen nur noch Nachkommen der Familie Iten in den Genuss von Zahlungen.
Nach dem Tod der Stifter wurde das Stiftungsgut von verschiedenen Nachfolgern der Familie Iten verwaltet. 1900 übernahm dann aus unerfindlichen Gründen die Gemeinde Mellingen die Verwaltung. Nach längeren rechtlichen Auseinandersetzungen ging diese wieder an die Familie Iten über und wurde einem Stiftungsrat aus Mitgliedern der Familie Iten anvertraut. Um die Belange der Stiftung zu besprechen, treffen sich die Familienmitglieder in regelmässigen Zusammenkünften. Diese Institution bewirkt deshalb, dass der Zusammenhalt der Familienmitglieder auch heute noch recht gross ist. Da die Stadt Mellingen längere Zeit über das Stiftungsgut verfügte, liegen zahlreiche Dokumente – unter anderem der originale Stiftungsbrief von 1816 – im Stadtarchiv Mellingen.
Rainer Stöckli



