Die «Sorgenkinder» sollen fit gemacht werden
01.09.2026 MellingenMellingen: Die beiden Liegenschaften der Gemeinde am Reussufer wurden in ihrer Geschichte für ganz unterschiedliche Zwecke genutzt
Die Liegenschaften «Reussweg 1» und «Altes Schlachthaus» hinter dem Rathaus gehören der Stadt Mellingen. Das eine ist in ...
Mellingen: Die beiden Liegenschaften der Gemeinde am Reussufer wurden in ihrer Geschichte für ganz unterschiedliche Zwecke genutzt
Die Liegenschaften «Reussweg 1» und «Altes Schlachthaus» hinter dem Rathaus gehören der Stadt Mellingen. Das eine ist in einem schlechten Zustand. Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Mellingen möchte die Häuser im Baurecht übernehmen und renovieren. Ein Blick in ihre Geschichte – und ihre mögliche Zukunft.
eil die alte Reussbrücke saniert wird, hat sich der Eingang des Städtchens temporär verschoben. Zu Fuss läuft man über einen schmalen Steg über die Reuss vom Zentralplatz zum Rathaus und hat Zeit, die Häuser genauer zu betrachten. Links und rechts des Städtli- oder Soldatenstegs markieren zwei längs zum Reussufer stehende kleine Häuser den Beginn der Altstadt. Sie erinnern, poetisch gesprochen, an zwei querliegende Löwen, welche den Zugang zum Städtli bewachen. Doch die «Löwen» sind altersschwach...
Leider bieten die Liegenschaften schon länger kein schönes Bild und es gab verschiedene Anläufe, dies zu ändern. Die Stadt als Eigentümerin wäre interessiert, dass ihre Liegenschaften Reussweg 1 und Altes Schlachthaus wieder «eine Falle machen», denn die Fassade des linken Hauses bröckelt stark. Der erste Stock, wo sich eine Wohnung befindet, ist sogar abgesperrt. «Der Eindruck täuscht jedoch, die Bausubstanz ist noch in Ordnung», erklärt Stadtrat Hanspeter Koch. Das Alte Schlachthaus ist in einem besseren Zustand. Beide Häuser stehen nicht unter Schutz (Objektschutz), aber unter «Ensemble-Schutz». Sie dürfen folglich nicht abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden.
Genossenschaft will Geld investieren
Diesen Frühling gab es Neuigkeiten zu einer möglichen Zukunft der Häuser. Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Mellingen ist interessiert, die Häuser im Baurecht zu übernehmen und gemeinnützige Wohnungen darin zu realisieren (der «Reussbote» berichtete am 8. Mai). Die Genossenschaftsmitglieder haben dem Plan an ihrer GV nach Diskussionen und mit einigen Gegenstimmen zugestimmt. Hanspeter Koch vertritt die Stadt, welche Anteilsscheine besitzt, im Vorstand der Genossenschaft mit 38 Mitgliedern. Der Stadtrat und Historiker hat sich mit der Geschichte der Häuser beschäftigt. «Sie tauchen ums Jahr 1900 erstmals auf und gehören zum Stadtbild von Mellingen», erklärt er. «Das Haus Reussweg 1 muss ursprünglich schon ein Wohnhaus gewesen sein und es gab auch eine gewerbliche Nutzung», so Koch. Auf einem Foto von 1927 liest man die Firmenwerbung «Mech. Wagnerei Huber» auf der Seitenfassade.
Das Haus, das erst spät ins Eigentum Mellingens gelangte, diente in seiner Geschichte verschiedenen Zwecken. Temporär wohnten Asylbewerber darin. Heute ist das Erdgeschoss an eine Outdoor-Firma vermietet und dient dieser als Lager. Das Obergeschoss steht leer. Die Fassade bröckelt. Direkt hinter dem Gebäude schliesst das Grundstück mit dem Gerätehäuschen der Pontoniere an. Das Alte Schlachthaus diente früher der Metzgerei Buchmüller. Sie existiert schon lange nicht mehr. Die Buchmüllers hatten ihr Schlachthaus zuerst beim Brunnen neben dem Antiquariat. Doch es wurde abgerissen und das Haus am Reussufer war später das neue Schlachthaus. Heute wird nur das Erdgeschoss der Liegenschaft, als Veloabstellraum und Garage, genutzt. Das Obergeschoss steht auch leer.
Nutzung für die Stadtverwaltung
Es gab verschiedene Pläne, die kommunalen Gebäude besser zu nutzen. Die Stadt erwarb 2016 das Buchmüller-Haus, worin sich im Erdgeschoss einst die Metzgerei befand (heute Dekorladen Seidenfloristik). Es grenzt direkt ans Rathaus. Auch kaufte Mellingen das Alte Schlachthaus. «Eine räumliche Erweiterung der Verwaltung war damals angedacht», erklärt Hanspeter Koch. Doch das Projekt scheiterte aus baulichen und organisatorischen Gründen. Man beschloss schliesslich, das Rathaus sanft zu renovieren und verzichtete auf die Integration der beiden Liegenschaften Buchmüller-Haus und Altes Schlachthaus für Nutzungen der Stadtverwaltungen. Danach passierte Jahre lang nichts; die Häuser am Reussufer wurden nur im Bestand erhalten.
2022 kam die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft erstmals ins Spiel. Ihr Mitglied, Paul Zürcher, hatte die Idee, das Haus Reussweg 1 zu renovieren, denn unter dem Putz verbirgt sich ein Riegelbau. Sein Traum war zudem ein Restaurant an der Reuss. Das Büro Netwerch AG aus Windisch erstellte im Auftrag der Einwohnergemeinde eine Studie für Wohnungen. Auch damals sollte die Genossenschaft die Liegenschaft im Baurecht übernehmen und als Partner der Stadt erneuern. Doch für das Projekt hätte man den Aussenbereich mit einer Terrasse und einem Garten zur Reuss gebraucht. Es gab jedoch von Anfang an Bedenken der Denkmalpflege wegen der Fassadenöffnung hin zur Reuss. «Der Widerstand kantonaler Stellen war vorprogrammiert», so Stadtrat Koch. Die Silhouette des Gebäudes gegen die Reuss hätte erhalten bleiben müssen. Das Projekt kam schliesslich nie zum Fliegen.
Nun soll es also im dritten Anlauf klappen, dass die beiden markanten Häuser in der Stadtsilhouette eine bessere Zukunft erhalten und wieder eine Visitenkarte Mellingens werden. «Wir hoffen, dass wir nun endlich eine Lösung finden», sagt Hanspeter Koch. Eine Wohnnutzung sei die beste Option. Im Reussweg 1 soll im Erdgeschoss eine öffentliche Nutzung durch die Stadt möglich bleiben. Ansonsten sind gemeinnützige Wohnungen geplant. Angedacht sind im Haus Reussweg 1 zwei 2,5-Zimmer-Wohnungen und eine 5,5-Zimmer-Wohnung. Im Alten Schlachthaus sollen zwei 4,5-Zimmer-Wohnungen und eine 2,5-Zimmer-Wohnung entstehen. Die Wohnungen sollen gemäss dem Genossenschaftszweck erschwinglich sein. Finanziert werden soll das Ganze aus einer «Heimfall»-Entschädigung, welche 2029 von der Stadt an die Wohnbaugenossenschaft fällig wird; die Wohnungen im Iberghof, welche durch das Zivilstandsamt, den Kinderhort und für die Unterbringung von Asylbewerbern genutzt werden, gehen dann wieder an die Stadt Mellingen zurück. Die Stadt kauft sie für maximal 1,7 Millionen Franken zurück. Die Stadt hatte sie in einem 30-jährigen Baurechtsvertrag der Wohnbaugenossenschaft übertragen, welche sie vermietete.
Der Stadtrat steht dem Vorhaben der Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft positiv gegenüber. In diesem Jahr soll ein entsprechender Baurechtsvertrag ausgearbeitet werden. Der Abschluss von Baurechtsverträgen für die kommunalen Liegenschaften liegt in der Kompetenz des Stadtrats. Es gibt also keine Abstimmung.
Hochwasserschutz wird ein Thema
Wenn der Baurechtsvertrag einmal steht (er liegt im Entwurf vor), ist geplant, ein Vorprojekt auszuarbeiten, wobei die Wohnbaugenossenschaft eng mit der Stadt zusammenarbeiten wird. Eine Herausforderung wird der Hochwasserschutz und die Einholung der entsprechenden Bewilligungen, sagte Genossenschaftspräsident Raphael Rimpf im Mai dem «Reussbote».
Marc Benedetti





