Ein Besuch in Mellingens Museum lohnt sich
14.04.2026 MellingenMelllingen: Das Städtchen hat ein zeitgemässes neues Ortsmuseum in der Stadtscheune erhalten – das wurde mit Ortsprominenz und Musik gefeiert
Mellingens zuweilen turbulente Geschichte kann im wieder eröffneten, zeitgemässen Ortsmuseum in der Stadtscheune ...
Melllingen: Das Städtchen hat ein zeitgemässes neues Ortsmuseum in der Stadtscheune erhalten – das wurde mit Ortsprominenz und Musik gefeiert
Mellingens zuweilen turbulente Geschichte kann im wieder eröffneten, zeitgemässen Ortsmuseum in der Stadtscheune studiert und interaktiv erlebt werden. Das verdient, gefeiert zu werden.
Das Reuss-Städtchen hat einen neuen touristischen Anziehungspunkt: Am Freitag öffnete die Dauerausstellung des Ortsmuseums nach einer umfassenden Neugestaltung ihre Türen erstmals für die Bevölkerung (Ausgabe vom 10. April). Der erste Eindruck: Die Stadtscheune wirkt aufgeräumter, übersichtlicher und hat ein äusserst modernes Museum erhalten, das neben den Einheimischen wohl manche Auswärtige nach Mellingen locken wird. Im Erdgeschoss rechts befindet sich der in rot gehaltene Empfang mit der Replik einer mittelalterlichen Stadtansicht. Er ist das Büro der Bibliothek mit der Ein- und Ausgabe für Bücher. Der erste Stock und ein Teil des zweiten ist für die Bibliothek reserviert, welche viel Publikumsverkehr in die Stadtscheune bringt. Im ersten Stock befindet sich vor der eindrücklichen Stadtmauerwand wie bis anhin das Forum, das für Kunstausstellungen und multifunktional genutzt werden kann. Vom zweiten bis zum vierten Stock im Dach erstreckt sich das Museum.
Angebote für Kinder im Museum
Auch an die Kinder wurde im Museum gedacht. Im Dachgeschoss erwarten sie Ausmalbilder, Spiele und sie können Bekleidungen ausprobieren und Glockentöne erraten. Die Replik des berühmten Palmesels, den das arme Mellingen einst verkaufen musste, ist zurückgekehrt. Auswanderung und Migration sind Themen der Dauerausstellung. Vieles ist interaktiv gestaltet. Im Forumsraum «schweben» Hüte der 1973 geschlossenen Hutfabrik Argovia in der Luft. Die Objekte des Ortsmuseums, viele aus der Sammlung von Albert Nüssli (1894–1984), werden zeitgemäss erklärt. Tief eintauchen in die Geschichte kann man an den Bildschirmen (Screens). Zusammen mit dem Historiker und Stadtrat Hanspeter Koch, den er als «Lexikon» bezeichnet, hat der Kurator der Ausstellung, Jonas Nyffeler, Tausende von Informationen verarbeitet und in kurze knappe Themen verpackt. «Wir haben die Essenz und die Identität Mellingens rausgeschält», sagt er.
Mellingen lag zwischen den Fronten
Eine der Charakteristiken des Städtchens sei, dass es immer zwischen den Fronten gelegen habe. Sei dies in den Konfessionswirren im 16. Jahrhundert. Oder mächtige Nachbarn aus Bern, Zürich und Luzern belagerten den Ort und er wechselte gezwungenermassen oft die Seite. «Mellingen hat es verstanden, wie die ganze Schweiz, sich durchzuschlagen und hatte immer ein unglaubliches Geschick für die Diplomatie», bringt es Nyffeler auf den Punkt. All das gibt es im Ortsmuseum, das sonntags geöffnet ist, zu entdecken.
Am Freitag wurde die Museumseröffnung zusammen mit dem Jubiläum 30 Jahre Stadtscheune gebührend gefeiert. Um 16 Uhr konnte die Bevölkerung das Ortsmuseum besichtigen. In der katholischen Kirche spielte um 18 Uhr die internationale Oboenband «La Petite Ecurie» (die kleine Scheune) unter dem Leitmotiv «stürmische Zeiten» Barock- und Renaissancemusik. Rund 60 Personen genossen das schöne Konzert. Später ging es an einer Feier für die Museumsfreunde und die an der Realisierung Beteiligten in der Stadtscheune weiter und am Sonntag öffnete das Museum erneut.
Stefan Schmid, Präsident des Vereins Museum Altstadt Mellingen, dankte an der Feier all denjenigen herzlich, welche die Neugestaltung des Museums ermöglichten. Rund 400 000 Franken wurden privat zusammengetragen. Die grössten Geldgeber waren Stiftungen: Allen voran die Albert und Ida Nüssli-Stutz-Stiftung; Mellingen, die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte; Winterthur, die Ernst Göhner Stiftung; Zug, die Stiftung Lebensraum Aargau der AKB und die Mellinger Ferdinand Martin Stiftung. «Dazu kamen viele private Einzelspenden», sagte Schmid, «es hat jeden Franken gebraucht.» Die Stadt stellt die Stadtscheune zur Verfügung, unterhält sie und beschäftigt das Personal. Nun stehe das Werk und das Museum müsse gepflegt werden, so Stefan Schmid.
Stadtrat Hanspeter Koch erinnerte daran, dass Glanz und Elend nahe beieinander liegen in Mellingen. Eine abwertende Bemerkung des Journalisten Markus Somm über Mellingen an einer Feier der FDP Baden im Jahr 2020 habe zuerst einen erzürnten Leserbrief des damaligen Mellinger Gemeindeammanns ausgelöst. Dann sei sie der «Katalysator» gewesen für die Gründung der Museumskommission – und deren Projekt, das Museum aus dem Dorfröschenschlaf zu wecken.
Stadtpräsidentin verschenkte Rosen
Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer bezeichnete das Museum als «ein Symbol für Ausdauer und Teamgeist». Sie habe 2021 als fürs Ressort Kultur zuständige Gemeinderätin den Antrag durchgebracht, die Museumskommission zu gründen. Sie liess es sich nicht nehmen, den an der Realisierung Beteiligten persönlich eine Rose zu übergeben und wünschte allen viel Erfolg. Anwesend an der Feier war auch Christine Egerszegi-Obrist. Die frühere Aargauer Ständerätin ist aktuell Präsidentin der Albert und Ida Nüssli-Stutz-Stiftung. Die Ehrenbürgerin war die erste Frau im Gemeinderat Mellingen und erhielt ebenfalls das «Stiefkind» Kultur zugeteilt. «Mein erstes Budget war um die 60 Franken», erzählte sie lachend. Später war Egerszegi im Projekt Stadtscheune involviert. Es sei bezweifelt worden, dass eine Französischlehrerin das schaffe; der Kulturraum wurde 1996 erfolgreich eröffnet. Nach dem Referat von Paul Zürcher über die teils abenteuerlich anmutende Realisierung der Stadtscheune, die er als Architekt leitete, unterhielten sich die Anwesenden bei Musik und einem feinen Apéro riche aus der Küche des Alterszentrums.
Marc Benedetti







