Florian Tinner will seinen Zirkuswagen im Garten der Familie Peterhans aufstellen und bis Juni dort wohnen – das Baugesuch dazu liegt auf
Florian Tinner ist Buchhalter beim Zircus Monti aus Wohlen. Vor Kurzem kündigte er seine Wohnung. Er möchte auch ausserhalb der Saison ...
Florian Tinner will seinen Zirkuswagen im Garten der Familie Peterhans aufstellen und bis Juni dort wohnen – das Baugesuch dazu liegt auf
Florian Tinner ist Buchhalter beim Zircus Monti aus Wohlen. Vor Kurzem kündigte er seine Wohnung. Er möchte auch ausserhalb der Saison in einem rollenden Eigenheim leben – ganz ohne unnötigen Luxus und Ballast. Dazu kaufte er einen alten Zirkuswagen.
Florian Tinner ist konsequent. Nicht nur sein Büro hat er auf dem Gelände des «Zircus Monti» in einem Zirkuswagen, seit Kurzem lebt er selbst in einem. Wie es dazu kam und warum es ihn gerade nach Stetten zieht, erzählt der 39-Jährige am Küchentisch in seinem gemütlichen rollenden Eigenheim. «Ich habe schon als Kind den Zirkus geliebt», schwärmt er, während er den Holzofen mit Pellets füttert. Damals lebte er noch in Davos und half in den Ferien beim mittlerweile geschlossenen «Zircus Nock», der seinen Hauptsitz ebenfalls im Aargau hatte. Immer wenn der Zirkus in der Stadt gastierte, half Tinner beim Aufund Abbau des Zeltes oder versorgte die Tiere und schnupperte dabei Zirkusluft: «Als Lebensschule war der Zirkus in meiner Kindheit das Beste. Viele Nationen lebten dort zusammen und respektierten einander.» Schon damals war es sein Traum, eines Tages im eigenen Zirkuswagen zu leben. Doch statt Artist zu werden, jonglierte er zunächst lieber mit Zahlen und machte eine kaufmännische Ausbildung. «Das Virus hat mich aber nie losgelassen», gibt Tinner zu. So übernahm er nach der Ausbildung die Finanzen beim Zircus Nock aus Frick. 2020 kam er nach verschiedenen Stationen zum Familien-Zirkus Monti in Wohlen, wo er als Buchhalter arbeitet, aber engen Kontakt zu den Künstlern pflegt und während der viermonatigen Tournee auch mit ihnen unterwegs ist.
Überfluss war ihm noch nie wichtig
«Bewegung ist für mich wichtig», erklärt Florian Tinner. Das Leben in einem Zirkuswagen bedeute für ihn Freiheit. Gleichzeitig müsse man sich auf die wenigen Dinge reduzieren, die es wirklich brauche im Leben. «Überfluss war mir nie wichtig, ich habe mich immer so wohlgefühlt, ohne das Gefühl, auf etwas zu verzichten», sagt Tinner. Mit dem eigenen Wagen, den er einem früheren Kollegen abkaufte, geht er nun einen Schritt weiter. Er kündigte seine Wohnung und entsorgte alles Entbehrliche. Entsprechend aufgeräumt sieht es im 20 Quadratmeter grossen Wagen aus Zedernholz aus. Ein Sofa, ein Tisch, ein Bett und eine kleine Küche mit Gasherd sind die wichtigsten Einrichtungsgegenstände. Vorgestellte Regale sucht man vergebens. Strom und Wasser gibt es dafür. Sogar eine kleine Dusche und ein WC sind vorhanden. Diese braucht er im Normalfall aber nicht und nutzt die sanitären Anlagen auf dem Platz. Viel umbauen musste er beim Einzug nicht. «Der Vorbesitzer war ein sehr guter Handwerker», erzählt er. Nur den Innenraum musste Tinner neu streichen und an den Bremsen und der Technik muss noch etwas gemacht werden, um den Wagen wieder strassentauglich zu machen. Später soll dann noch das ein oder andere optimiert werden. «Es ist ein Lebensprojekt», betont Tinner. Anders als eine Mietwohnung brauche ein Wagen regelmässige Pflege und wenn nachts der Strom ausfällt, muss er raus, um nach dem Rechten schauen.
Die neuen Nachbarn freuen sich
Wenn alles gut geht, soll Tinners neues Heim bis zum Start der Tournee von März bis Juni in Stetten im Garten der Familie Peterhans in der Unterdorfstrasse stehen: «Der Bruder des Schwiegersohns hat während zwei Tourneen beim Zircus Monti in dem Wagen gewohnt», erzählt Tinner. Er selbst ist mit der Familie befreundet. Auch im Dorf weiss man Bescheid: «Mir war wichtig, dass die Nachbarschaft informiert ist und ein guter Kontakt besteht», so Tinner: «Es gibt immer noch grosse Vorurteile, wenn man mit einem Wagen kommt», so seine Erfahrung. Einfach irgendwo den Wagen abstellen, geht ohnehin nicht. Wer länger als zwei Monate in einem «bewohnten Mobilheim» oder Wohnwagen an einem Ort leben möchte, braucht eine Baubewilligung. Das Gesuch liegt derzeit bei der Gemeindekanzlei Stetten auf. Sobald die Bewilligung erteilt ist, steht dem Kindheitstraum von Florian Tinner nichts mehr im Weg.
Michael Lux