Fass ohne Boden
20.10.2026 KOLUMNE/ANGETIPPTMarkus Jost, pens. Gemeindeschreiber, lebt zusammen mit seiner Frau in Wohlenschwil. Er geniesst das Rentnerdasein, pflegt gelenkschonende Sportarten und liebt kulturelle Kulinarik.
Manchmal frage ich mich, was in der Schweiz eigentlich schneller wächst, die ...
Markus Jost, pens. Gemeindeschreiber, lebt zusammen mit seiner Frau in Wohlenschwil. Er geniesst das Rentnerdasein, pflegt gelenkschonende Sportarten und liebt kulturelle Kulinarik.
Manchmal frage ich mich, was in der Schweiz eigentlich schneller wächst, die Bevölkerung oder die Vorschriften? Für einen Velounterstand braucht es Pläne, Nachweise, Formulare, Bewilligungen. Die Baugebühren für ein lapidares Balkon-Glaswändli sind fast höher als die Beschaffungskosten.
Für ein Dorffest braucht es Sicherheitskonzepte, Lärmberechnungen, Datenschutzbestimmungen und Versicherungen. Bald wird wohl noch verlangt, dass der Grill eine Klimabilanz und die Bratwurst einen Herkunftsnachweis mitführt. Wer heute etwas bewegen will, braucht vor allem Geduld, Geld und Nerven.
Bevor man das 65. Altersjahr erreicht, muss man ein mehrseitiges Gesuch stellen, damit die AHV-Rente ausbezahlt wird. Dies, obwohl der Staat genau weiss, wer du bist, wann du geboren wurdest und wie viele Jahre du einbezahlt hast.
Auch die Gemeinden ächzen unter der Last. Kaum ist eine neue Verordnung aus Bern oder Aarau beschlossen, beginnt das grosse Interpretieren. Braucht es dafür ein Reglement? Eine Arbeitsgruppe? Eine externe Beratung? Oder gleich alles zusammen?
Zunehmends müssen sich Gemeinden auch mit Denunziantentum herumschlagen, so letzthin in unserer Region, wo ein Gastrobetrieb wegen einer vermeintlich gesetzeswidrigen Heizanlage verpetzt wurde, wodurch ein kostenaufwendiges Bürokratiemonster in Gang gesetzt wurde. Ergebnis: ausser Spesen nix gewesen!
Landwirte verbringen einen immer grösseren Teil ihrer Arbeitszeit im Büro. Komplexe Vorschriften für Direktzahlungen, detaillierte Nachweispflichten für den Umweltschutz und häufige Kontrollen durch Beamte belasten die Betriebe.
Am erstaunlichsten ist jedoch, dass jeder Politiker den Bürokratieabbau fordert. Vor den Wahlen versprechen alle schlankere Verfahren und weniger Papierkrieg. Nach den Wahlen entstehen dann oft neue Gesetze. Im Jahr 2025 wurden im Grossen Rat 203 parlamentarische Vorstösse beantwortet. Alleine die Beantwortung kostete uns Steuerzahler 350 000 Franken.
Bürokratie gleicht der Hydra aus der griechischen Mythologie. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.
Vielleicht sollten wir den Spiess einmal umdrehen. Für jede neue Vorschrift müssten zwei alte verschwinden. In der Schweiz könnten Bürokratiekosten von über 30 Milliarden Franken pro Jahr vermieden werden, wenn die Behörden ihre Prozesse effizienter ausgestalten. Denn manchmal ist weniger mehr und ein bisschen gesunder Menschenverstand billiger als jede externe Beratung. Vielfach fehlt auch der Mut zur Lücke.
