«Ich bin stinkreich!» – stinkreich an Erlebnissen
18.09.2026 MägenwilMägenwil: Sven Wedekind ist ein kreativer Filmemacher in einer schnelllebigen und teils auch etwas oberflächlichen Scheinwelt
Sven Wedekind ist von Natur aus kreativ und wollte diese Kreativität möglichst frei ausleben. Heute macht er Film, morgen vielleicht ...
Mägenwil: Sven Wedekind ist ein kreativer Filmemacher in einer schnelllebigen und teils auch etwas oberflächlichen Scheinwelt
Sven Wedekind ist von Natur aus kreativ und wollte diese Kreativität möglichst frei ausleben. Heute macht er Film, morgen vielleicht Musik und wenn ihm der Sinn danach steht schreibt er ein Buch. Er sagt: «Ich bin ein Freigeist, der sich selbst nicht zu ernst nimmt und mit Humor durchs Leben geht.»
Es begann alles vor rund 15 Jahren mit freien Filmprojekten für seinen Basketballverein in Fahrwangen AG. Seine damaligen engsten Freunde waren DJs. Für sie produzierte Wedekind ebenfalls zahlreiche freie Projekte. Aus diesen zunächst kleinen Projekten entstanden Kontakte zu Clubbesitzern und Partyveranstaltern im Raum Zürich. Damit begann er, sein erstes Geld mit dem Filmemachen zu verdienen. Zwischen 500 und 1000 Franken brachte ein Partyfilm ein. Dafür wurde Freitag- oder Samstagnacht bis in die frühen Morgenstunden im Club gedreht und bereits am darauffolgenden Abend musste der fertige Film geliefert werden. «Kein einfach verdientes Geld. Aber ich habe viel gelernt in dieser Zeit – nicht zuletzt, wie lange man ohne Schlaf auskommt.» Noch war das Filmemachen ein Nebenverdienst, denn tagsüber arbeitete Wedekind in einer Druckerei, später als Aussendienstmitarbeiter in einem Grosskonzern.
Das Hobby wird zum Beruf
Nach Dutzenden Partyfilmen und Musikvideos wurden die Verantwortlichen der Zürcher Filmproduktion Cheese & Chocolate auf ihn aufmerksam. Die Tür zur professionellen Filmwelt stand plötzlich offen – zumindest einen Spaltbreit. Denn noch war Wedekind nicht voll und ganz in der Filmbranche angekommen. Er arbeitete weiterhin als Drucker, während er nahezu jede freie Minute bei der Filmproduktion aushalf und sich dabei immer mehr Wissen und Erfahrung aneignete. Vier Jahre später wurde er schliesslich fest von der Filmproduktion angestellt.
Er startete mit einem Praktikumslohn, verkaufte sein Auto und reduzierte seine Fixkosten auf ein absolutes Minimum. «Aber das war es mir wert. Es fühlte sich an, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen.» Es folgten Fashionund Kampagnendrehs in Südafrika, Tokio, Marokko, Teneriffa, Mailand, Berlin, Hamburg und an vielen weiteren Orten. Für Beldona ging es beispielsweise auch für zwei Wochen nach Mexiko. Gedreht wurde in einer privaten Villa direkt am Meer, in der sonst Justin Bieber und auch Rihanna Ferien verbringen. «Für mich war es unglaublich. Ein paar Tage zuvor war ich noch Aussendienstler und plötzlich arbeitete ich als Kameramann in einem solchen Paradies.» Für denselben Kunden ging es später auch nach Marokko und Südafrika. «Es waren immer verrückte Reisen mit einer genialen Crew. In Marokko schliefen wir eine Woche lang in Zelten, mitten in der Wüste. In Südafrika drehten wir an einer Location, neben der zeitgleich eine andere Crew eine Pepsi-Werbung mit Messi produzierte.» Für einen Zürcher Brillendesigner reisten sie nach Tokio, um eine Kampagne für die neueste Kollektion zu drehen. Begleitet wurde die Produktion von der ehemaligen Miss Japan.
Es sind Geschichten wie diese, die Wedekind bis heute gerne erzählt. Sie zeigen aber auch einen bemerkenswerten Kontrast: Nach aussen sah sein neues Leben spektakulär aus – finanziell war es das keineswegs.
Reich an Erlebnissen, aber knapp bei Kasse
Mal drehte Wedekind mit Topmodels am Strand, mal trug er einen Bauhelm und filmte eine Tunnelbohrung mitten im Berg. Die Bandbreite seiner Aufträge war enorm. «Ich habe so vieles gesehen, was ich sonst nie gesehen hätte. Dafür bin ich unendlich dankbar.» Auf Social Media zeigte er, wie so üblich, vor allem die schönen Seiten dieses Lebens. Das führte teilweise zu einem völlig falschen Bild. Freunde und Bekannte fragten ihn, ob er mittlerweile Millionär sei. Die Realität war jedoch eine andere. «Reich an Erlebnissen, aber knapp bei Kasse.» Dieser Widerspruch begleitete ihn lange.
Nach vier Jahren als Angestellter in der Filmproduktion wagte Wedekind den Schritt in die Selbstständigkeit. «Das war schon Wahnsinn. Ich hatte weder Arbeit noch fixe Kunden und nichts auf dem Konto. Mein Büro und Schnittplatz richtete ich bei mir in der WG ein.» Der Zeitpunkt hätte schwieriger kaum sein können. 2020 machte sich Wedekind selbstständig – gleichzeitig brach die Corona-Pandemie aus. Trotzdem kamen die Aufträge vom ersten Tag an. «Ich glaube, wenn man etwas manifestiert und daran glaubt, hält das Universum manchmal Dinge bereit, mit denen man nicht gerechnet hätte.».
In dieser Zeit arbeitete er eng mit einem bekannten Influencer zusammen. Gemeinsam entwickelten sie ein relativ neues Konzept. Sie wollten sowohl vor als auch hinter der Kamera funktionieren und gleichzeitig eine grosse Reichweite garantieren. Die Idee ging auf. Es folgten Projekte für Nespresso, Dyson, Breitling, Bulgari, Mini und viele weitere Marken. In Kolumbien drehten sie auf Kaffeefarmen für Nespresso, in Los Angeles für Breitling und trafen dabei Brad Pitt zum gemeinsamen Abendessen. Mit Kelly Slater, dem mehrfachen Surf-Champion und ehemaligen Freund von Pamela Anderson, waren sie auf dessen privater künstlicher Surf-Ranch mitten in der Wüste. Für Mini fuhren sie quer durch Los Angeles bis nach Las Vegas und drehten ebenfalls auf dem Nürburgring. Für Dyson waren sie in Zermatt mit dem Schneetöff unterwegs und produzierten am Filmfestival in Cannes. In Paris drehten sie für einen Kunden, der Luxusapartments an den exklusivsten Adressen der Stadt vermietet. «Wir waren in den nobelsten Hotels und arbeiteten für riesige Marken, oft mit interessanten und prominenten Menschen. Das war eine sehr spannende Zeit.» Und doch begann sich bei Wedekind etwas zu verändern.
Viel Schein, wenig Filmkunst
So glamourös diese Welt war, so wenig fühlte sich Wedekind langfristig darin zu Hause. Vieles sei mehr Schein als Sein gewesen. Nicht selten habe er sich fehl am Platz gefühlt. Statt Champagner hätte er meist lieber ein Bier mit «einfachen» Leuten getrunken.
Noch wichtiger war ihm jedoch etwas anderes: die Filmkunst. «Das Endprodukt soll letztlich einfach über die Plattform und Reichweite des Influencers funktionieren. Ob es filmisch gut ist, ist da mehr als nur zweitrangig.» Auch die teilweise künstlich aufgeblähten Reichweiten in den sozialen Medien sieht er kritisch. «Was wirklich traurig ist, ist die Tatsache, dass diese Reichweiten oft zu grossen Teilen Fake sind. Nicht bei allen, aber bei vielen. Das weiss ich aus erster Hand.» Trotz aller Kritik bleibt jene Zeit für Wedekind eine wertvolle Erfahrung. Er lernte viel und sammelte Erlebnisse, die ihm niemand mehr nehmen kann. Irgendwann zog es ihn jedoch zurück zu dem, was ihn ursprünglich am Film fasziniert hatte: Kreativität, Handwerk und die Möglichkeit, mit Bildern eine Geschichte zu erzählen.
Fortsetzung auf Seite 19




