«Irankrieg führt zu noch mehr Unsicherheiten»
20.03.2026 Region ReusstalWeltweit jagt derzeit eine Krise die nächste. Das bleibt auch für die Wirtschaft im Kanton Aargau nicht ohne Folgen, sagt Beat Bechtold
Beat Bechtold ist Direktor der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Im Interview mit dem «Reussbote» spricht er ...
Weltweit jagt derzeit eine Krise die nächste. Das bleibt auch für die Wirtschaft im Kanton Aargau nicht ohne Folgen, sagt Beat Bechtold
Beat Bechtold ist Direktor der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Im Interview mit dem «Reussbote» spricht er über die Situation der hiesigen Unternehmen und darüber, was sich diese von der Politik wünschen.
◆ Sie haben kürzlich eine Wirtschaftsumfrage unter Ihren Mitglieder durchgeführt. Wie ist die Stimmung bei den Aargauer Unternehmen?
Die Umfrage haben wir im März publiziert, aber bereits im Januar durchgeführt. Das heisst, vor dem Ausbruch des Irankriegs. Grundsätzlich waren die Rückmeldungen trotz der anhaltenden Krisen und des schwachen Wachstums sowie der aktuellen Unsicherheit aufgrund der herrschenden Geopolitik und internationalen Zollfragen mehrheitlich positiv. 2025 haben die Unternehmen als befriedigendes Jahr empfunden und zum Zeitpunkt der Umfrage waren sie in Bezug auf 2026 sogar etwas optimistischer.
◆ Welche Branchen beurteilen das vergangene Jahr positiv, welche Branchen stehen besonders unter Druck?
Der Dienstleistungssektor beurteilt die Situation grundsätzlich etwas besser als der Industriesektor. Das hat damit zu tun, dass der Industriesektor stärker exportorientiert ist und dadurch von globalen Turbulenzen und der weltweiten Wachstumsschwäche stärker betroffen ist. Der Einzelhandel beurteilt das vergangene Geschäftsjahr ebenfalls etwas besser, ebenso wie der Immobiliensektor. Auch die Elektroindustrie hatte ein gutes Geschäftsjahr. Schwieriger ist die Situation vor allem im Maschinenbau. Dort hören wir von eher negativen Entwicklungen. Das gilt auch für Druck- und Papierindustrie sowie die Textilbranche.
◆ Was sind Hauptfaktoren, welche die Unternehmen belasten?
Sicher der starke Franken, nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern vor allem auch gegenüber dem Euro. Die schlechtere Wirtschaftslage in ganz Europa spielt ebenfalls eine Rolle. Das haben gerade auch unsere exportorientierten Unternehmen im Aargau gespürt. Sie konnten beispielsweise aufgrund der dort schwächelnden Wirtschaft weniger nach Deutschland liefern. Das betrifft etwa Unternehmen, die Zulieferer für die Automobilindustrie in Süddeutschland sind. Die wechselnden US-Zölle in der Vergangenheit führten ebenfalls zu Unsicherheiten. Diese haben sich innerhalb eines halben Jahres dreimal geändert. Als Unternehmer kann man so langfristig nicht planen. Gepaart mit der globalen Gemengelage führt dies zu Unsicherheiten und in der Folge dazu, dass Unternehmen nicht mehr investieren.
◆ Hat der Konflikt im Nahen Osten ebenfalls Auswirkungen auf die Unternehmen im Aargau?
Mit dem Ausbruch des Irankriegs ist noch ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzugekommen. Man kann beispielsweise nicht sicher sein, ob die Lieferkette aufrecht erhalten werden kann oder ob man dort bald ein Problem haben wird. Stichwort: Strasse von Hormus. Dort geht es nicht nur um den Export von Waren, sondern auch um Rohstoffe, welche die hiesigen Unternehmen benötigen. Ein Beispiel hierfür ist Plastik, das aus Erdöl hergestellt wird. Einerseits ist der Erdölpreis deutlich gestiegen, andererseits müssen die benötigten Granulate, die beispielsweise aus China kommen, ebenfalls durch die Strasse von Hormus. Noch hat man Vorräte, aber in zwei, drei Wochen kann das anders aussehen. Dann fehlen diese Rohstoffe, um die Produkte herzustellen. Es gibt im Aargau beispielsweise Unternehmen, die Komponenten davon im pharmazeutischen Bereich brauchen, aber auch Firmen, die Kunsstoffbehälter herstellen. Wenn die Strasse geschlossen bleibt, müssen Schiffe um das Horn von Afrika herumfahren, was die Strecke verlängert und die Produkte verteuert.
◆ Welche Auswirkungen hat die angespannte Lage auf den Arbeitsmarkt?
Die Arbeitslosenquote ist leicht gestiegen und es kam auch zu Stellenabbau. Die AIHK-Mitglieder sind aufgrund der Unsicherheiten ausserdem viel zurückhaltender bei den Stellenausschreibungen. All die genannten Faktoren führen dazu, das weniger investiert wird und weniger neue Stellen geschaffen werden. Viele Unternehmen warten erst einmal ab.
◆ Die AIHK fordert, den Fokus der Wirtschaftspolitik konsequent an den Interessen der Unternehmen auszurichten. Was wünschen Sie sich, um die Unternehmen zu entlasten?
Wir haben die Unternehmen gefragt, welche Massnahmen man in Angriff nehmen sollte. Am häufigsten wurden Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen und ein flexibler Arbeitsmarkt genannt.
Unter einem flexibleren Arbeitsmarkt versteht man unter anderem, dass Unternehmen personelle Anpassungen einfacher vornehmen können. Andererseits geht es darum, beispielsweise Grenzgänger – oder bei Bedarf – schnell und unbürokratisch ausländische Fachkräfte zu rekrutieren. Kurzarbeit ist ebenfalls ein Instrument, das von den Unternehmen geschätzt wird, damit man den Leuten bei Engpässen nicht gleich kündigen muss. Eine weitere wichtige Massnahme sind Steuersenkungen für die Unternehmen, damit sich diese vermehrt für den Standort Aargau entscheiden. Beim Bürokratieabbau geht es beispielsweise um eine schnellere Bewilligung von Baueingaben. Da gibt es teilweise jahrelange Prozesse, die es den Unternehmen erschweren, Investitionen zu tätigen.
Wir wünschen uns ausserdem, dass man bei Diskussionen um Ansiedlungen die regionalen Planungsverbände mehr in die Pflicht nimmt und die Gemeinden sich untereinander besser abstimmen und über Gemeindegrenzen hinweg Lösungen suchen. Ich persönlich habe vor allem einen Wunsch: Dass der Bevölkerung wieder bewusst wird, was die Wirtschaft eigentlich leistet: angefangen bei Arbeitsplätzen und einheimischen Produkten bis hin zum steuerlichen Mehrwert. Wir sind auf die Wirtschaft angewiesen, um den Wohlstand zu erhalten, den wir haben. Wir von der Industrie- und Handelskammer wissen, dass man sich dieses Verständnis auch erarbeiten und entsprechend informieren muss. Da sind auch wir gefordert.
Michael Lux

