Jetzt redet das Gewerbe in der Altstadt
09.10.2026 MellingenMellingen: Die Gruppe Altstadt des Gewerbevereins nimmt Stellung zur Entwicklung der Zentrumszone
Die Gewerbetreibenden in der Altstadt sind besorgt: Am Stadtrand soll ein neues Einkaufszentum entstehen. Weit weg vom heutigen Zentrum. Wer findet da noch den Weg in die ...
Mellingen: Die Gruppe Altstadt des Gewerbevereins nimmt Stellung zur Entwicklung der Zentrumszone
Die Gewerbetreibenden in der Altstadt sind besorgt: Am Stadtrand soll ein neues Einkaufszentum entstehen. Weit weg vom heutigen Zentrum. Wer findet da noch den Weg in die Altstadt?
Der Gewerbeverein Regio Mellingen hat den Entwicklungsrichtplan «Zentrumszone Birrfeldstrasse» genau angeschaut. In erster Linie hat er dabei den Standort des Grossverteilers unter die Lupe genommen – ein neuer Coop soll auf der grünen Wiese hinter den Werkhallen, wo heute die Lastech AG untergebracht ist, gebaut werden. «Welche Auswirkungen hat dieser Standort auf die Altstadt?», fragen der Gewerbeverein mit seiner Untergruppe Altstadt. Er nimmt im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens, das noch bis zum 16. Oktober läuft, Stellung zur Nutzungsverteilung im Entwicklungsrichtplan «Zentrumszone Birrfeldstrasse». Und er fokussiert dabei primär auf den geplanten Standort des Grossverteilers Coop.
Der Gewerbeverein hält fest, dass er die Entwicklung des Gebietes grundsätzlich begrüsse. Die Zentrumszone biete für Mellingen eine grosse Chance. Gerade deshalb dürfe die neue Überbauung aber nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit dem bestehenden Zentrum und der Altstadt.
Coop, zu weit weg von der Altstadt
In seiner Stellungnahme schreibt der Gewerbeverein: «Im Entwicklungsrichtplan wird ausdrücklich festgehalten, dass die Zentrumszone zur ‹Aufwertung, Stärkung und Belebung des Zentrums und der Altstadt› beitragen soll. Geschäfte sollen nicht an einem Ort konzentriert, sondern entlang der Birrfeldstrasse vom Zentrum bis zum Siedlungsrand verteilt werden.» Gemäss Richtplan würden aber fast 60 Prozent aller vorgesehenen Verkaufsflächen – 2600 von rund 4400 Quadratmetern – an den Stadtrand (Teilgebiet 1) gebaut. Dazu zählt auch der Coop, der künftig noch weiter entfernt wäre. «Gerade ein Lebensmittel-Grossverteiler erzeugt eine hohe und regelmässige Kundenfrequenz», so die Stellungnahme. «Für die Entwicklung des gesamten Zentrums ist deshalb nicht nur entscheidend, wo ein solcher Anbieter angesiedelt wird.»
Die Gewerbetreibenden in der Altstadt finden es wesentlich sinnvoller, diesen wichtigen Frequenzbringer möglichst nahe beim bestehenden Zentrum anzuordnen. Aus diesem Grund wollen sie eine ernsthafte Prüfung, ob der Coop näher an die Altstadt, beispielsweise neben dem Postareal (Teilgebiet 4) gebaut werden könnte. Der vorgesehene Standort am Stadtrand, in der Nähe des Kreisels Birrfeldstrasse, berge die Gefahr, dass «am äusseren Ende der neuen Zentrumszone ein eigener Einkaufsschwerpunkt entsteht. Wer dort seine Einkäufe erledigt, hat anschliessend einen deutlich längeren Weg ins Städtli. Damit steigt das Risiko, dass die Einkaufswege nicht mehr über das heutige Zentrum führen.» Die Altstadt würde von diesen Kundenströmen kaum profitieren.
Zofingen als positives Beispiel
Diese Sorge sei nicht rein hypothetisch, betont der Gewerbeverein. Der Kanton Aargau bestätige, dass viele Altstädte mittelgrosser Orte Mühe hätten, frequenzbringende Verkaufsund Gastronomienutzungen zu halten. Vielerorts verlagerten sich Zentrumsund Einkaufsfunktionen aus den historischen Kernbereichen. Gleichzeitig entwickelten sich Altstädte zu Wohnquartieren. Die Standortwahl eines Frequenzbringers wie Coop präge deshalb Einkaufswege über Jahrzehnte. Eine Verlagerung der Kundenströme lasse sich schwer rückgängig machen, wenn ein neuer Einkaufsschwerpunkt erst etabliert ist. Die Gewerbetreibenden in der Altstadt sehen einen klaren Widerspruch im formulierten Ziel, die Altstadt zu stärken und zu beleben, wenn der wichtigste tägliche Frequenzbringer «am entferntesten Ende von der Altstadt» angesiedelt wird.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Zofingen: Dort liegt das Migros-Einkaufszentrum unmittelbar am Rand der Altstadt. Gleichzeitig verfolgt die Stadt ausdrücklich das Ziel, Detailhandel und Gastronomie in der Kernzone zu stärken. Denn für Geschäfte, Dienstleistungsbetriebe und Restaurants in der Altstadt sei die Besucherfrequenz wichtig. Die Altstadt könne langfristig nur lebendig bleiben, wenn sie Teil der täglichen Wege der Bevölkerung bleibe, hält die Gruppe in ihrer Stellungnahme fest. «Die Lage eines Grossverteilers wie Coop hat eine Wirkung, die weit über das einzelne Bauprojekt hinausgeht.»
Der Gewerbeverein Regio Mellingen bittet deshalb den Stadtrat und die Abteilung Bau und Planung folgende Punkte vertieft zu prüfen: Kann der Standort des Coop näher zur Altstadt verschoben werden, insbesondere in Richtung Postareal? Wird die vorgesehene Verteilung der Verkaufsflächen dem Ziel gerecht, Zentrum und Altstadt zu stärken und zu beleben? Wie wird sichergestellt, dass die neue Zentrumszone und die Altstadt wirtschaftlich voneinander profitieren und nicht voneinander unabhängige Kundenströme entstehen?
«Für uns ist entscheidend», betonen die Gewerbetreibenden der Altstadt, «dass mit der Zentrumszone Birrfeldstrasse kein zweites, vom Städtli getrenntes Zentrum entsteht.» Stattdessen sollen bestehende Strukturen gestärkt und Altstadt und Zentrumszone miteinander verbunden werden.
Heidi Hess

