Shimeon Balmer arbeitet als Prozess Architekt bei Swisscom und amtet als Co-Präsident der Die Mitte-Ortspartei in Niederwil-Nesselnbach. Er ist ausserdem Mitglied der kantonalen Schiesskommission für die Bezirke Muri und Bremgarten.
Stellt euch vor, ihr geht in die ...
Shimeon Balmer arbeitet als Prozess Architekt bei Swisscom und amtet als Co-Präsident der Die Mitte-Ortspartei in Niederwil-Nesselnbach. Er ist ausserdem Mitglied der kantonalen Schiesskommission für die Bezirke Muri und Bremgarten.
Stellt euch vor, ihr geht in die Migros oder in den Coop, zum Händler eures Vertrauens oder dorthin, wo auch immer ihr euren Kaffee kauft – gekapselt, frisch gemahlen oder als wohlriechend geröstete Bohnen. Doch die Regale sind leer und das Verkaufspersonal zuckt nur ratlos mit den Schultern und murmelt etwas von Boykott, während andere von Krieg und Misswirtschaft sprechen. So oder so, es gibt keinen Kaffee mehr. Und die Schokolade wird auch grad knapp, genauso wie die Bananen und Avocados welche auch seit mehreren Tagen nicht mehr verfügbar sind. Die Gründe für diese leeren Regale spielen in meinem Szenario eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht darum, wer es verursacht hat, sondern nur darum, wie sich das auf uns hier im Reusstal und wohl der ganzen Schweiz auswirken könnte.
Zuerst die Stille. Der Morgen beginnt ohne diesen vertrauten Duft, ohne das Ritual des Aufbrühens. Der erste Gedanke ist nicht: «Was bedeutet das global?», sondern: «Wo bekomme ich meinen Kaffee her?» Wir werden zu Suchenden, zu Planern, zu Menschen, die plötzlich merken, wie sehr wir von unsichtbaren Lieferketten abhängig sind, die wir weder kennen noch beeinflussen können. Dann kommt die Wut: gegen die Händler, gegen die Regierung, gegen die Welt. Man diskutiert bei der Arbeit, im Zug und in Whatsapp-Gruppen. Wer ist Schuld? Wer profitiert? Und als die ersten Import-/Exportfirmen ihre Mitarbeiter auf die Strasse stellen, bemerken auch wir, dass es sich nicht mehr nur um ein Luxusproblem handelt, wenn wir keinen Kaffee mehr haben.
Schliesslich kommt die Anpassung. Tee wird zum neuen Luxusgut. Instant- und Chicorée-Kaffee tauchen wieder auf – Produkte, die wir längst vergessen haben. Freunde teilen ihre letzten Vorräte. Nachbarn helfen sich gegenseitig. Auf den schmucken Rasenflächen entstehen kleine Kräutergärten. Es werden wieder Himbeerblätter und Minze getrocknet für den Tee und man sucht nach Alternativen in der Natur um uns herum. Plötzlich wird aus dem leeren Einkaufsregal ein Anreiz, Neues zu entdecken und alte Rezepte wiederzubeleben. Und dann ... vielleicht lernen wir wieder, dass Resilienz nicht in der Selbstversorgung liegt, sondern im Miteinander und in der Fähigkeit zur Anpassung.
Und darum geniesse ich jetzt diesen Moment: den Duft des frischen Kaffees, die Wärme der Tasse und die stille Erkenntnis über das Glück in meiner Hand.