Mit einer toten Maus fing bei ihr die Ordnung an
27.02.2026 StettenErst schaffte Corinne Zehnder in ihrem eigenen Zimmer Ordnung, dann in jenem ihrer Schwester – heute berät sie Kundinnen und Kunden
Corinne Zehnder schafft Raum, als Hochbauzeichnerin und als «Ordnungscoach». Sie erzählt, warum sie anfing aufzuräumen ...
Erst schaffte Corinne Zehnder in ihrem eigenen Zimmer Ordnung, dann in jenem ihrer Schwester – heute berät sie Kundinnen und Kunden
Corinne Zehnder schafft Raum, als Hochbauzeichnerin und als «Ordnungscoach». Sie erzählt, warum sie anfing aufzuräumen und wie sie heute mit System dahinter geht. «Ein schwieriger Prozess, der aber entlastet», sagt die junge Mutter.
In der Wohnung von Corinne Zehnder in Stetten sieht es exakt so aus, wie man es von einem Ordnungscoach erwarten würde. Tadellos aufgeräumt, sauber, alles an seinem Platz. Auf die Frage, ob es bei ihr immer so aussehe, gesteht Zehnder, der Termin mit der Zeitung habe die Ordnung an diesem Tag schon beeinflusst. «Aber einmal in der Woche», meint sie, «kriege ich das hin».
Die Schuhe, gleich beim Eingang, in Reih und Glied, auch die kleinen Kinderschuhe auf dem untersten Tablar stehen dicht an dicht. Ein Seitenblick zeigt, dass Hemden, Blusen und Jäckchen akkurat und nach Farben sortiert an der Stange hängen, hinter Glasscheiben liegen in den Schränken, schön gefaltet, Pullover und Shirts. Nirgends herrscht Unordnung in der kleinen, möblierten Wohnung, die ein Provisorium darstellt, bis das eigene Haus der Zehnders in Stetten fertig gebaut und bezugsbereit ist.
Corinne Zehnder-Haist (35), verheiratet, Mutter von zwei kleinen Kindern (2 und 4 Jahre alt) ist mit zwei Schwestern in Stetten aufgewachsen: Ihre Eltern waren aktiv in Vereinen, der Vater acht Jahre lang in Stetten auch Gemeinderat. Corinne und ihr Ehemann Nino Zehnder engagieren sich ebenfalls in der Kommunalpolitik. Sie bringt ihr Wissen als ausgebildete Hochbauzeichnerin seit diesem Jahr in der Baukommission von Stetten ein und ist auch Vorstandsmitglied im Frauenverein, er arbeitet in der Finanzkommission mit.
Tickt das Paar, was die Ordnung betrifft, gleich? Zehnder lacht: «Nein!» Aber sie würden sich ergänzen. «Mein Mann mag aufgeräumte, saubere Flächen. Ich mag Ordnung, auch in Schubladen und hinter den Schranktüren.» Wenn allerdings die Kinder spielen, dürfe die Wohnung auch mal chaotisch aussehen.
Die Maus war der Wendepunkt
Diese Ordnungsliebe, das war bei Corinne Zehnder nicht immer so. «Als Kind musste ich den Weg zu meinem Bett pfaden», sagt sie. Das hörte allerdings schlagartig auf, als sie eines Tages zwischen ihren Sachen einen widerlichen Fund machte: «Ich entdeckte in meinem Zimmer eine tote Maus.» Zwar sonderte das Tier keinen unangenehmen Geruch ab, ekelerregend war es für Corinne Zehnder, die damals 12 oder 13 Jahre alt war, gleichwohl. «Die Maus musste ich selbst entsorgen.»
Es war ein Wendepunkt. Danach duldete sie in ihrem Zimmer keine Unordnung mehr, und wenn doch, dann höchstens bis zum nächsten Wochenende. Nachdem sie ihr eigenes Zimmer im Griff hatte, half sie ihrer jüngeren Schwester. «Ecke um Ecke», erklärt Zehnder ihre damals simple Strategie – ihre Taktik ist heute komplexer: Sie schafft Ordnung mit System und mit Kategorien. Sie habe aber schon damals, bei ihrer Schwester, nicht akzeptiert, dass Gegenstände in Schubladen landen, frei nach dem Motto «und gut ist». Auch in der Schublade sollte Klarheit überwiegen. Auf das Zimmer der Schwester folgte der Estrich der Eltern.
«Alles hat seinen Platz»
«Mir ist wichtig, dass alles seinen Platz hat und für alle am stets gleichen Ort zu finden ist», erzählt sie am Esstisch in der kleinen Wohnung. «Nur weil man einmal aufgeräumt hat, bedeutet das nicht, dass es so bleibt.» Gerade mit Kindern sei Ordnung ein ständiges Thema. Davon kann Zehnder ein Lied singen. Genauso wie Aussortieren. «Nichts», sagt sie, «soll sich anhäufen».
Nicht nur Aufräumen zählt zu ihren Leidenschaften. Eigentlich gehe sie gerne «chrömle». Auch mit ihrem Mann. Früher seien sie nach einer Entsorgungsrunde durch die Läden gestreift und hätten neue Sachen nach Hause gebracht. «Ein solches Verhalten wollen wir unseren Kindern nicht weitergeben», meint sie und spielt auf die Vorbildfunktion an. Konsumieren und Wegwerfen würden nahe beieinander liegen. Weder das eine noch das andere habe mit nachhaltigem Handeln zu tun. Sie gehe heute viel seltener einkaufen. Stehe sie dennoch in einem Geschäft, überlege sie sich dreimal, ob sie das hübsche T-Shirt tatsächlich brauche. Sie frage sich unter anderem: «Möchte ich dem neuen Stück einen Patz geben? Wenn ja, wo?» Sind solche Fragen nicht geklärt, kommt nichts Neues ins Haus.
Der Schritt in die Selbstständigkeit
Seit 2024 bildet dieses gezielte Aufräumen auch die Basis ihrer Selbstständigkeit. «Das war ein mutiger Schritt», sagt sie. Ein bisschen auch ein schicksalshafter. Zehnder hatte Hochbauzeichnerin gelernt und arbeitete bis zu ihrer zweiten Schwangerschaft auf dem Beruf. Gleichzeitig bildete sie sich zur Feng-Shui-Beraterin weiter. Als ihre Abteilung, wo sie als Hochbauzeichnerin angestellt war, geschlossen wurde, musste sie sich etwas Neues suchen.
Nach wie vor hatte sie Freude am Ordnung schaffen. Sie las Bücher zur Thematik, schaute Youtube-Sequenzen und eignete sich verschiedenste Aufräum- und Organisationstechniken an. Schliesslich realisierte sie, dass sie in diesem Bereich den Schritt in die Selbstständigkeit wagen könnte. Ihr Mann unterstützte sie dabei.
Mittlerweile bietet Corinne Zehnder in ihrem Büro «Räume schaffen» in Stetten zwei Dienstleistungen an: Sie hilft Bauherren, ihre Projekte zu verwirklichen und unterstützt Menschen dabei, sich in ihrem Zuhause wohl zu fühlen. Der Name ihres Büros «Räume schaffen» beinhaltet denn auch beides. «Ich plane Räume und kann sie mit System auch wieder gemütlich machen.»
«Sentimentale Dinge zuletzt»
Corinne Zehnder erklärt: «Fürs Ausmisten, muss man seine Muskeln stärken.» Und mit dem Einfachen beginnen: Schuhkasten, Kleiderschrank, Vorratsraum. Es mache wenig Sinn, im Fotoalbum zu blättern. «Die sentimentalen Dinge kommen zuletzt. Dafür muss man ein Gespür entwickeln.» Und das wiederum brauche Zeit.
Ihre Kundinnen – Frauen suchen ihre Beratung eher auf als Männer – fragt sie denn auch nach deren Fokus. Sind es Nähsachen, Campingutensilien oder die Fasnachtskiste? «Anfangen braucht Zeit und ist aufwendig», erklärt die Ordnungs-Fachfrau. Und Kundinnen und Kunden müssten unglaublich viele Entscheidungen treffen. Das ist anstrengend. Sind Fokus und Kategorie jedoch gesetzt, dann wird beispielsweise ein Kleiderschrank komplett ausgeräumt und alles auf einen Haufen gelegt – da kann schon mal ein Ehebett unter Kleiderbergen verschwinden. Dann wird gesichtet. «Will ich das noch?» sei die Frage zu jedem Stück, das man in die Hand nehme. Möchte man das Kleid behalten, wird es zurück in den Schrank gehängt. Vielleicht soll es weitergegeben werden? An Familie, Freunde oder in ein Brockenhaus? Kaputte Sachen gelangen in den Abfall. «Dieses Vorgehen bleibt immer gleich.» Zehnder sagt aber auch: «Das ist ein sehr schwieriger Prozess, das merke ich bei allen Kunden.» Dennoch sei er entlastend. «Man weiss wieder, was man hat, erhält einen Überblick über seinen Besitz.» Das führe dazu, dass man weniger einkaufe. «Man spart sogar Geld!» Bei den meisten gehe es darum, den Prozess anzustossen, mit der Zeit spiele sich manches ein und viele machen alleine weiter.
Corinne Zehnder sichtet ihren Besitz übrigens einmal im Jahr. «Ich behalte den Überblick und erleichtere auch meinen Alltag mit den Kindern.»
Heidi Hess
Am 17. März, um 19 Uhr, hält Corinne Zehnder ein «Aufräum-Referat» im Pfarreitreff in Stetten.



