«Rapid-Giele»: Ein Roadtrip mit nur 20 km/h
21.08.2026 Region ReusstalRegion: Jedes Jahr nehmen sich vier Freunde aus Wohlenschwil, Remetschwil und Niederrohrdorf eine Auszeit auf ihren ungewöhnlichen Gefährten
Vier «Giele», vier Rapids, vier Tage, Null Eile: So beschreiben Deny Zurbuchen, Sascha Bärtschi, Kai Pasquier und ...
Region: Jedes Jahr nehmen sich vier Freunde aus Wohlenschwil, Remetschwil und Niederrohrdorf eine Auszeit auf ihren ungewöhnlichen Gefährten
Vier «Giele», vier Rapids, vier Tage, Null Eile: So beschreiben Deny Zurbuchen, Sascha Bärtschi, Kai Pasquier und Dani Hausherr ihre Männerausflüge. Auf restaurierten Einachser-Traktoren der Kultmarke Rapid geniessen die Freunde jeden Sommer das entschleunigte Miteinander und freuen sich über viele tolle Begegnungen.
Ein malerisches Plätzchen irgendwo am Sempachersee: Freudig begrüssen mich die vier Freunde, die gerade mit dem «Znüni» fertig sind. Bereits gestern sind sie in Wohlenschwil abgefahren. Hier, auf dem Grundstück eines Kollegen, haben sie ihr erstes Nachtlager aufgeschlagen. «Das Ganze ist aus einer Schnapsidee entstanden», erzählen sie, wie es vor zwölf Jahren zur Idee kam, sich für einige Tage von ihren Familien loszusagen und sich ausgerechnet auf selbstfahrenden Motormähern auf einen Roadtrip zu begeben. Der legendäre Einachser-Traktor der Schweizer Marke Rapid, die dieses Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, ist aber viel mehr als das. «Er ist das Schweizer Sackmesser für die Landwirtschaft», erklärt Kai Pasquier – der «Mech» der Truppe. Denn mit dem Einachser lässt sich nicht nur ein Mähbalken antreiben, lerne ich. Dank der sogenannten Zapfwelle, die ebenfalls vom Motor angetrieben wird, können beim Rapid Spezial vorn und hinten diverse Anbauten zum Mähen, Holzen oder Pflügen angehängt werden. Sogar als Schneefräse kann man das zweirädrige Gefährt einsetzen, das von 1950 bis 1978 gebaut wurde.
Sascha Bärtschi war der Erste der vier, der einen Rapid besass: «Wir könnten damit doch in die Ferien fahren?», witzelten die Freunde untereinander. «Der fährt doch nur 20 km/h», winkte Sascha zunächst ab. Doch nach ein paar Bierchen klang die Idee dann gar nicht mehr so schlecht. Der Rest ist Geschichte: Seit zwölf Jahren ist die gemeinsame Tour jedes Jahr ein festes Ritual für die «Rüüstaler Rapid-Giele».
Fahrende Küche und Schlafstatt
Die vier Freunde – alle Anfang bis Mitte 50 – kennen sich gefühlt seit einer Ewigkeit. Dani Hausherr aus Niederrohrdorf und Deny Zurbuchen, der Chef des Restaurants Mühli in Wohlenschwil, waren gemeinsam in der Bänkli Clique in Oberrohrdorf aktiv. Sascha Bärtschi, der ebenfalls in Wohlenschwil lebt, und Kai Pasquier aus Remetschwil engagieren sich beide in der Polteri Zunft. Und Deny und Sascha kennen sich sogar schon aus der Schulzeit. Während Kai und Dani sich schon für die erste Reise kurzerhand einen eigenen Rapid zulegten, dauerte es bei Deny etwas länger: «Ich habe gesagt, ich komme mit und sorge für das leibliche Wohl», erzählt er. Anfangs fuhr er bei einem der Kollegen mit, irgendwann stellten die «Giele» ihm dann aber einfach eine Maschine vor die Türe – inklusive Einzahlungsschein. Der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl! Ab 3000 bis 4000 Franken bekommt man einen funktionstüchtigen Rapid Spezial mit Zweizylinder-MAG-Motor und sage und schreibe 12 PS. Saschas «606», das Vorgängermodell mit Einzylinder, hat sogar nur 9 PS.
Wie viel Zeit und Geld sie in die sorgfältig restaurierten Maschinen gesteckt haben, wissen sie gar nicht so genau. Es spielt bei einem echten Hobby auch keine Rolle, finden sie. Jeder der Vier hat seinen Anhänger ganz individuell gestaltet. Kais Rapid-Anhänger ist beispielsweise zum Planwagen mutiert, während Deny sein Fahrzeug mittlerweile in einen top eingerichteten Küchenwagen verwandelt hat – samt Gasherd, Bar und sogar einer eingebauten Freiluft-Dusche. «In der Regel gibt es richtige Menüs», berichtet Deny über den Speiseplan. Mal gibt es Gambas aus der Pfanne, mal Cordon bleu oder ein Rindsfilet. «Unsere Küche sorgt gut für uns», lachen die Jungs. «Ohne Mampf, kein Krampf», scherzt einer. Man merkt schnell: die «Rapid-Giele» sind eine eingeschworene Truppe: «Ich freue mich am meisten auf das Zusammensein», erklärt Dani auf die Frage, worauf er sich besonders freut bei den alljährlichen Touren. «Auf gute Männergespräche», ergänzt Sascha schmunzelnd. Die Gemeinschaft unter guten Freunden – das ist das Wichtigste bei ihren Ausfahrten, da sind sich alle einig. Darüber hinaus sind die gemeinsamen Tage für die Männer, die grösstenteils als selbstständige Unternehmer im Beruf sehr eingespannt sind, auch eine willkommene Auszeit vom Alltag. Klar, dass sie sich nach all den Jahren quasi blind verstehen – und das ist wichtig. Schliesslich sind sie auf ihren Touren rund um die Uhr zusammen. Geschlafen wird jeweils auf der Pritsche der Fahrzeuge – gerne an besonders schönen Ecken der Schweiz, an einem See oder auf einem Berg.
Entschleunigt durch die Natur
Richtig komfortabel fährt es sich natürlich nicht auf dem kutschbockartigen Sitz hinter dem knatternden Motor. «Man hat mit den Vibrationen der Fahrzeuge zu kämpfen. Die Lenkdeichseln muss man mit beiden Händen gut festhalten», verrät Sascha. Und bei hochsommerlichen Temperaturen bringt die Abwärme von Motor und Abgasen die Helden der Landstrasse zusätzlich ins Schwitzen. Dafür können sie die Landschaft und Natur bei höchstens 20 km/h hautnah erleben. Da spielt es keine Rolle, dass sie buchstäblich manches Trottinett überholt. Wenn möglich sind sie ohnehin abseits asphaltierter Strassen unterwegs. Der Vorteil: Weil sie als landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge eingetragen sind, dürfen sie mit den Rapids sogar Waldund Feldwege befahren. So kommen sie teils an wunderschöne Orte, die man vom Auto aus nie zu sehen bekäme.
Die Herzen fliegen ihnen meist zu
«Was ich an den Reisen schätze, ist, wie nah man an die Leute herankommt und wie sie einem ihr Vertrauen schenken», sagt Kai. An schönen Begegnungen mangelt es auf den Reisen jedenfalls nicht: Ein Älpler am Glaubenberg liess sie spontan bei sich im Schopf schlafen und offerierte gleich noch ein «Zmorge» am nächsten Tag. Beim eidgenössischen Schwingfest im letzen Jahr in Mollis (GL) rollte man den «Rapid-Giele» dann förmlich den roten Teppich aus und glaubte gar, sie gehörten zum offiziellen Umzug. Und sogar das Schweizer Militär unterbrach einmal eine Übung, stellte das Feuer ein und stand Spalier um die «Rüüstaler Rapid-Giele» passieren zu lassen. «Wenn wir durch ein Dorf kommen, haben die Leute extrem Freude und winken uns zu», erzählt Deny. Ihre Ausflüge führten die «Rapid-Giele» schon ins Fricktal, nach Baselland, an den Ägerisee oder den Sihlsee. Auf ihrem Roadtrip lassen sich die vier Freunde häufig einfach treiben. Nur die grobe Richtung ist vorgegeben und das finale Ziel. Das hat meist auch etwas mit ihrer Leidenschaft für altes Eisen zu tun – und mit Menschen, die diese teilen.
In diesem Jahr besuchen sie Jürg Dutly in Eriswil (BE). Der Künstler und Sammler hat aus einem Bauernhaus und einer Remise ein besonderes Museum aus Alltags- und Landwirtschaftsgegenständen der vergangenen Jahrzehnte aufgebaut. Klar, dass die «Angefressenen» sich auf Anhieb verstanden, wie sie hinterher per Chatnachricht berichten. Aber natürlich geht unterwegs auch manches schief. Die eine oder andere Panne gehört dazu und ist meist schnell behoben. Nicht so diesmal. Auf dem Rückweg macht Danis Rapid schlapp: «An der Schaltstange ist der Schaltstift abgebrochen. Nichts geht mehr» schreibt mir Deny. Für einmal müssen sie wohl oder übel eines der Fahrzeuge stehen lassen. Es wird später abgeschleppt. Doch von solchen Rückschlägen lassen sich die Jungs die Stimmung nicht vermiesen. Eines steht fest: Nächstes Jahr gehen die «Rüüstaler Rapid-Giele» wieder auf Tour. Ehrensache!
Michael Lux




