Mellingen: Bei der Sanierung der Reussbrücke kommen spannende Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht
Die Alte Reussbrücke war Teil der Verteidigungsdoktrin der Schweizer Armee. Das offenbaren Sprengröhren, die bei der Sanierung zum Vorschein kamen. Mit dem hier deponierten ...
Mellingen: Bei der Sanierung der Reussbrücke kommen spannende Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht
Die Alte Reussbrücke war Teil der Verteidigungsdoktrin der Schweizer Armee. Das offenbaren Sprengröhren, die bei der Sanierung zum Vorschein kamen. Mit dem hier deponierten Sprengstoff sollte die Brücke im Ernstfall in die Luft gejagt werden.
Städtlifotograf Viktor Zimmermann war hautnah dabei, als jüngst im Zuge der Brückensanierung die geheimnisvollen Röhren in den Widerlagern der Reussbrücke zum Vorschein kamen. Sie verbergen sich sonst hinter Metalltüren sowohl auf der Seite des Brückentors unterhalb der Terrasse des ehemaligen Hotels Hirschen als auch auf der gegenüberliegenden Seite an der Böschung, wo kürzlich für die Errichtung eines Krans Bäume gefällt wurden. «Es war bekannt, dass während des Zweiten Weltkriegs dort Sprengstoff deponiert war», sagt Historiker Rainer Stöckli. Das Militär habe die Ladungen und Zündstoffe an der Brücke bereits vor langer Zeit entfernt, erklärt Christian Birchmeier, Projektleiter beim Kanton, auf Nachfrage. Wann genau, weiss er nicht. Leitungen und die Schächte würden von Armasuisse im Rahmen von ohnehin erforderlichen Bauarbeiten zurückgebaut. Details zu Sprengobjekten waren lange geheim. Denn solche Sperrstellen bildeten einen wichtigen Bestandteil der schweizerischen Verteidigungsdoktrin. Sinn und Zweck war es, den Vormarsch des Gegners zu stoppen oder zu verzögern. Zeitweise gab es bis zu 3000 solcher Sprengobjekte, meist Brücken oder Tunnel. Auch während des Kalten Krieges waren sie von Bedeutung. «Der Feind war rot», erinnert sich der Ur-Mellinger Paul Disler (73), der 50 Meter Luftlinie von der Brücke in der Bruggerstrasse aufgewachsen ist, an seine Militärzeit in den 1970ern. «Ich bin 1973 in der Rekrutenschule in Brugg bei den Genietruppen gewesen», erzählt er. Genietruppen werden für Aufgaben eingesetzt, die besondere technische Kenntnisse und Ausrüstungen erfordern. Zuerst war Disler bei den Sappeuren. Später kam der ehemalige Mellinger Bauunternehmer zu den Mineuren des Geniebataillons 6 in Bremgarten, die im Ernstfall für Brückensprengungen zuständig wären.
Proben für den Ernstfall
Für den Tag X wurde durchaus ernsthaft geprobt: «Uns wurde ein Objekt zugeteilt, zum Beispiel die Eisenbahnbrücke in Neuhausen», erzählt Paul Disler. Einen ganzen Tag lang hätten sie dort die Schächte mit hunderten Kilo Sprengstoff beladen: «Dann kam der Befehl für Bereitschaftsgrad 1». Innerhalb einer Stunde habe dann alles zur Sprengung bereit sein müssen. Doch der Ernstfall trat nie ein. Und beladen wurde die Brücke seinerzeit nur mit Attrappen. «Die Ladungen waren irgendwo in einem Zeughaus gelagert», so Disler, der in Mellingen selbst nie zum Einsatz kam. Er erinnert sich jedoch, dass früher andere Mineure an der Brücke Übungen durchführten. Die Röhren unter den Widerlagern seien typisch für solche Zwecke, erklärt er. Die Reussbrücke sei früher Teil der Hauptverkehrsachse Zürich – Bern gewesen und daher im Ernstfall von strategischer Bedeutung – ähnlich wie andere Reussübergänge. «Dann wären die Widerlager gesprengt und die Brücke unbrauchbar geworden», so Disler. Zum Glück kam es am Ende nicht soweit und die Alte Reussbrücke blieb Mellingen erhalten. Wer weiss, welche spannenden Geheimnisse sie noch preisgibt.
Michael Lux