Kaum steht der Übertritt in die Oberstufe an, meldet sich das Dorforakel. Laut, lauter, am lautesten. Plötzlich hat jeder eine Voraussagung parat, als wären die Lehrerlisten persönlich von Nostradamus verfasst. «Jetzt beginnt der Ernst des Lebens». Ach so? Und die ...
Kaum steht der Übertritt in die Oberstufe an, meldet sich das Dorforakel. Laut, lauter, am lautesten. Plötzlich hat jeder eine Voraussagung parat, als wären die Lehrerlisten persönlich von Nostradamus verfasst. «Jetzt beginnt der Ernst des Lebens». Ach so? Und die letzten Jahre mit Hausaufgaben, Elterngesprächen und Matheprüfungen, bei denen man weinend den Taschenrechner anschreit – das war dann wohl das Aufwärmen? Bis jetzt war also alles Kindergeburtstag mit gratis Zuckerwatte? Merci vielmals für die tolle Info! Natürlich kursieren sofort Horrorgeschichten wie: «Die Lehrer und Lehrerinnen dort sind streng.» Klar. Streng wie? Militärdrill oder nur Stirnrunzeln in Endstufe? «Da geht man unter, wenn man nicht spurt.» Klingt mehr nach Titanic als nach Schule. «Die Kinder aus den Nachbardörfern sind mega schlimm!» Aha, ganze Generationen von Mini-Gangstern, gezüchtet auf der anderen Seite des Flusses. Vielleicht hocken sie in Lederjacken im geheimen Gruselhaus im düsteren Wald. Das Schönste: All diese Mythen werden immer mit diesem wissenden Tonfall serviert, der klingt, als hätten die Leute heimlich Regie bei «Game of Thrones» geführt. Nur mit weniger Drachen. Dafür mehr Znüni. Und mein Favorit: «In der Oberstufe entscheidet sich alles für die Zukunft.» Alles! Kein Druck, gell? Also bitte Kind, sei brav, lerne, finde deine Berufung, rette nebenbei den Regenwald – und vergiss nicht, die Schuhe zu binden. Noch besser sind die Zusatzprognosen: «Ab jetzt werden die Noten für immer bleiben!» – als wären sie in Stein gemeisselt. Oder: «Da geht’s um deine Karriere!» Ja klar, als würde man beim ersten Französischtest schon die Bewerbung für den Verwaltungsrat abgeben. Oder mindestens fürs Nationalbank-Direktorium. Die Wahrheit ist vermutlich viel unspektakulärer: ein neuer Stundenplan, andere Lehrpersonen, etwas mehr Pubertät – und dasselbe Gequatsche wie immer. Nur lauter. Vermutlich auch mit ein paar zusätzlichen Vokabeln im Dorftratsch, damits nicht langweilig wird und das Drama nicht ausgeht. Denn Angst macht nicht die Oberstufe. Angst macht das Dorforakel, das sie kommentiert. Mit seinen Weissagungen, seinen Mythen und seinem unerschütterlichen Glauben daran, dass hinter jedem Stundenplan ein Weltuntergang lauert. Und während man selbst noch überlegt, ob man die neuen Lehrer und Lehrerinnen wohl nett findet, hat das Dorforakel längst beschlossen, dass sie streng, strenger, am strengsten sind.