Sie gehen dem Leben des Mörders auf die Spur
03.07.2026 Niederrohrdorf, Region ReusstalNiederrohrdorf: Paul Irniger war ein Betrüger, Heiratsschwindler und Mörder mit Heimatrecht in Niederrohrdorf. Sein Leben wird jetzt aufgearbeitet
Paul Irniger war der Vorletzte, der in der Schweiz nach zivilem Strafrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. 1939 ...
Niederrohrdorf: Paul Irniger war ein Betrüger, Heiratsschwindler und Mörder mit Heimatrecht in Niederrohrdorf. Sein Leben wird jetzt aufgearbeitet
Paul Irniger war der Vorletzte, der in der Schweiz nach zivilem Strafrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. 1939 starb er in Zug durch die Guillotine. Beheimatet war der damals 25-Jährige in Niederrohrdorf. Ein Projekt des Ortsmuseums beschäftigt sich mit seinem filmreifen Leben.
m 25. August 1939 ging Paul Irniger in der Strafanstalt Zug seinen letzten Gang. Die Guillotine, die ihn vom Leben zum Tod beförderte, mussten die Verantwortlichen sich eigens aus Luzern leihen. Es war die einzige derartige Tötungsmaschine, die es hierzulande noch gab. Praktischerweise war sie zerlegbar und transportabel. Der Fall des Dreifachmörders Paul Irniger beschäftigte schon damals nicht nur Juristen, sondern auch Medien und Öffentlichkeit. Auch der «Reussbote» berichtete und wusste über die Hinrichtung Folgendes zu sagen: «Am frühen Morgen des heutigen Freitag wurde im Hofe der Strafanstalt in Zug der Mörder Paul Irniger hingerichtet. Paul Irniger betrat mit christlicher Ergebung den Hof, wo die Hinrichtung mit aller Ruhe und Würde vorgenommen wurde.» So lapidar endete ein Leben, das sich ein Krimiautor nicht abenteuerlicher hätte ausmalen können. Aber wie wurde aus einem als begabt geltenden Jungen, der in armen Verhältnissen aufwuchs und eigentlich Priester werden wollte, ein Krimineller und zuletzt sogar Mörder?
In der Familie wurde geschwiegen
Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit Thomas Gattlen, der seit 30 Jahren als Rechtsanwalt tätig ist und den Fall Irniger für seine Lehrtätigkeit unter anderem an der Fachhochschule Nordwestschweiz verwendet. Durch Zufall lernte Gattlen, der ebenfalls am Rohrdorferberg lebt, den Kurator des Ortsmuseums Niederrohrdorf, Richard Irniger, kennen. Wie sich anhand eines Familienstammbaums herausstellte, ist Richard Irniger mit dem 1913 in Goldau geborenen Paul Irniger verwandt, wenn auch sehr weitläufig. Sie teilen sich einen gemeinsamen, 1636 geborenen Vorfahren namens Matthäus Irniger. «Alle Irnigers sind im Prinzip mit ihm verwandt», erklärt Richard Irniger. In der Familie sei Paul Irniger und seine Verbrechen aber nie ein Thema gewesen: «Man hat das abgeblockt», erzählt er. Gattlen wiederum war überrascht, dass der Fall im Ortsmuseum mit keinem Wort erwähnt wurde. So entstand die Idee, die Lebensgeschichte von Paul Irniger aufzuarbeiten und den entsprechenden Text dem Ortsmuseum und so der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Das war im Jahr 2022. Mittlerweile hat Gattlen eine Rohfassung seines rund 50-seitigen Textes vorgelegt, die der «Reussbote» einsehen durfte.
Irniger hatte schwierige Jugend
Als Quellen dienten Thomas Gattlen die Artikel des Prozessbeobachters Erwin A. Lang (er heiratete später die Nationalrätin Hedi Lang) in der Zeitschrift «Die Freiheit», Artikel aus dem NZZ-Archiv – und vor allem das 1981 erschienene Buch «Das Leben und Sterben des unwürdigen Dieners Gottes und mörderischen Vagabunden Paul Irniger» von Pil Crauer, das auch viele Originaldokumente und Fotos enthält. Das Buch ist teilweise als Dialog verfasst und sollte Grundlage eines vierteiligen Hörspiels der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG werden, das aufgrund der Klage des Sohnes von Paul Irniger bzw. der Vormundschaftsbehörde aber verboten wurde (siehe Kasten Seite 5).
Obwohl die Familie Irniger aus Niederrohrdorf stammte und er daher dort beheimatet war, lebte der 1913 in Goldau geborene Paul Irniger nie in Niederrohrdorf. Bereits der Vater, Johann Jakob Irniger, der in Niederwil aufwuchs, verliess die Gegend und zog in die Innerschweiz, wo er heiratete und 1920 mit nur 45 Jahren starb. Paul Irniger war damals erst sieben Jahre alt. Vielleicht die entscheidende Wende in Pauls Leben. «Die Mutter war kein Vorbild, im Gegenteil, sie hat ihn unterstützt bei seinen Taten», erzählt Richard Irniger beim Gespräch in seinem Büro in Niederrohrdorf. Tatsächlich lastete schon auf der Mutter ein damals noch schwer wiegender Makel: Sie war unehelich geboren. Darüber hinaus fiel die Mutter schon während Paul Irnigers Kindheit durch Vermögensdelikte auf und wurde – wie Paul Irnigers Bruder – mehrfach zu Haftstrafen verurteilt, wie Gattlen in seinem Text schreibt. Paul Irniger selbst galt den Quellen zufolge als überdurchschnittlich intelligent, war für die damalige Zeit wohl ungewöhnlich stark an Bildung interessiert und las viel. Während seine Mutter im Gefängnis einsass, wurde er jedoch «bevormundet» und landete schliesslich in einem Erziehungsheim in Walterswil (ZG). Sein Wunsch war es ursprünglich, Priester zu werden, stattdessen musste er eine Schreinerlehre beginnen, die er später abbrach. Auch spätere Anläufe, eine geistliche Laufbahn einzuschlagen, etwa im Kapuzinerkloster Rigi-Klösterli oder einem Trappistenkloster im Elsass, scheiterten. Immer wieder wurde er aus unterschiedlichen Gründen vom Hof gejagt. Langsam aber sicher geriet er auf die schiefe Bahn. Zurück in der Schweiz begann er zu «vagabundieren», wie es in der Sprache der Zeit hiess. Es folgten Diebstähle und sogar eine versuchte Brandstiftung. Die Polizei griff ihn mehrfach mit gefälschtem Pass und sogar Schusswaffen auf. 1931 wurde Irniger dann auf Betreiben seiner Heimatgemeinde Niederrohrdorf in die Zwangserziehungsanstalt in Aarburg eingewiesen, wo er abermals durch überdurchschnittliche Intelligenz und gute Leistungen auffiel. 1933 wurde er vorzeitig wegen guter Führung entlassen – ohne vollständig abgeschlossene Lehre. Sein Vormund verweigerte dem mittlerweile Volljährigen die von ihm geforderte Auszahlung seines Anteils am elterlichen Vermögen. Daraufhin zog Irniger zu seiner Mutter nach Luzern. Irgendwann zu dieser Zeit muss in ihm der Entschluss gereift sein, sich auf anderen, unlauteren Wegen aus seiner finanziellen Notlage zu befreien.
Kaltblütiger Mord an Taxichauffeur
Am 5. Dezember 1933 wurde im Wald zwischen Baar und Sihlbrugg der beschädigte Wagen des Taxichauffeurs Werner Kessler gefunden. Das Auto war eine Waldböschung neben der Strasse hinunter gestürzt. Der 31-jährige Chauffeur lag tot neben dem Fahrzeug. Auf dem Trittbrett fand man Patronenhülsen und neben dem Ermorderten einen fremden Hut. Wie sich später herausstellte, hatte Paul Irniger den Mann hinterrücks ins Genick geschossen, um ihn anschliessend zu berauben. Die Beute: 80 Franken. Für Rechtsanwalt Thomas Gattlen ein kaltblütiger Mord: «Er hat es von Anfang an darauf angelegt, den Taxichauffeur zu töten», sagt er: «Es war ein geplantes, gut vorbereitetes, vorsätzlich verübtes Tötungsdelikt.» Paul Irniger entging aber zunächst einer Verhaftung – obwohl die Behörden durch einen anonymen Brief auf ihn aufmerksam wurden. Denn Irniger hatte in einem Waffenladen in Luzern eine Pistole der Marke Browning gekauft. Mit genau solch einer Waffe war der Chauffeur erschossen worden. Irniger leugnete den Besitz nicht und brachte die Schusswaffe sogar bei der Polizei vorbei. Die technischen Mittel, um eine Patronenhülse einer bestimmten Waffe zuzuordnen, gab es damals jedoch schlicht noch nicht. Und da seine Mutter ihm ein falsches Alibi für die Tatnacht verschaffte und behauptete, sie seien gemeinsam im Kino gewesen, konnte der Mörder der Justiz zunächst entschlüpfen. Wie die Mutter und seine damalige Freundin erst nach seiner späteren Verhaftung aufgrund weiterer Morde in Rapperswil (dazu später mehr) zugaben, war Irniger in der Tatnacht mit blutverschmiertem Mantel nach Hause gekommen und hatte seiner Mutter den Mord gestanden.
Hochintelligent und manipulativ
Paul Irniger muss eine vielschichtige Persönlichkeit gewesen sein. Einerseits ist da die Bluttat von Baar, die von grosser Skrupellosigkeit zeugt, andererseits seine schon früh ausgeprägte religiöse Neigung, sein Hang zu allem Geistlichen und seine hohe Intelligenz. Veranlagungen, die er später für seine kriminellen Umtriebe nutzte. Denn Irniger war nicht nur ein Mörder, sondern offensichtlich auch ein gewiefter Betrüger und Menschenfänger: «Paul Irniger konnte sich sehr gut verkaufen und manipulieren. Er konnte Leute gut auf seine Seite ziehen», erklärt Thomas Gattlen nach Irnigers Persönlichkeit befragt. «Betrüger haben immer eine sehr hohe Sozialkompetenz», weiss Gattlen aus seiner 30-jährigen Berufserfahrung. Der Staatsanwalt in einem der späteren Prozesse attestierte dem Angeklagten neben seiner überdurchschnittlichen Intelligenz aber auch eine «angeborene Charakterschwäche» und «Triebhaftigkeit». In den 1930er-Jahren hatte man noch ganz andere Vorstellungen vom Ursprung kriminellen Handelns – und von Entwicklungspsychologie wusste man schon gar nichts.
Heiratsschwindler und Gotteslästerer
Ein Opfer von Irnigers Manipulationskünsten wurde 1934 unter anderem ein bedauernswertes Dienstmädchen, das Irnigers Mutter in Zürich kennengelernt und ihrem deutlich jüngeren Sohn vorgestellt hatte. Mit falschen Heiratsversprechen brachten Mutter und Sohn das nicht mehr ganz junge «Fräulein» um ihre Ersparnisse in Höhe von mehreren Tausend Franken. Weil Irniger von dem Geld Schulden zurückzahlte und sich ein neues Auto leistete, um mit seiner damaligen Geliebten spazieren zu fahren, flog das Ganze auf und Irniger sowie seine Mutter wurden zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Irniger brach jedoch mehrfach aus und schlug sich in der Folge mit weiteren Betrügereien durchs Leben. Dabei sprach er beispielsweise bei diversen Klöstern vor und gab sich mal als angehender Novize, mal als Pater aus. Er las sogar die Heilige Messe und behauptete, er habe ein Augenleiden und könne daher nur bestimmte Messen abhalten, die er wohl auswendig konnte. Sobald er aufzufliegen drohte, verschwand der falsche Priester über Nacht wieder, natürlich ohne seine Zeche zu zahlen. «Er hat sogar ein theologisches Gespräch mit dem Bischof von Chur geführt und der hat nicht gemerkt, dass er kein Theologe ist», erzählt Richard Irniger eine Anekdote. Trotz seiner offensichtlichen Gerissenheit zog sich irgendwann die Schlinge um Irnigers Hals zu. Wegen Betrügereien in den Kantonen Luzern, Schwyz, Zürich, Glarus und dem Wallis wurde er schliesslich zu fünf Monaten Arbeitshaus verurteilt. In Uri kamen noch zwei Monate wegen Betrugs und «Gotteslästerung» dazu, weil er sich als Priester ausgegeben hatte. Thomas Gattlen hat aus seinen Quellen noch eine Vielzahl weiterer krimineller Machenschaften und unglaublicher Geschichten aus dem Leben von Paul Irniger zusammengetragen, die aber den Rahmen dieses Artikels sprengen würden und später im fertigen Text des Ortsmuseums nachzulesen sein werden. Im Tessin verführte er beispielsweise eine verheiratete Frau – damals eine Straftat sowohl für den Verführer als auch die Frau. Und später verhaftete ihn die Solothurner Polizei, weil er als Staubsaugervertreter fingierte Rechnungen ausgestellt hatte, um an die Provision zu kommen.
An eine legale Anstellung war mit diesem Vorstrafenregister natürlich nicht mehr zu denken. Es folgte ein Leben als «krimineller Landstreicher», wie Gattlen es beschreibt. Von seiner Wohnung im Kanton Zürich aus plante er mit früheren «Knastbekanntschaften», wie man heute wohl sagen würde, Diebestouren im Umland. Zum Verhängnis wurde ihm ein Einbruch in die Kirche in Egg (ZH), wo er Kirchenschätze der Wallfahrtskirche des heiligen Antonius raubte und im Uferbereich des Sees bei Rapperswil versteckte. Da Irniger früher in Egg Messdiener gewesen war und daher über Insiderwissen verfügte, führte die Spur aber bald zu ihm.
Nach Polizistenmord halb gelyncht
Der entscheidende Hinweis kam dann jedoch von einem Optiker in Rapperswil, bei dem er gestohlenes Diebesgut losschlagen wollte. Dieser gab eine Personenbeschreibung ab, woraufhin der Landjäger Alfons Kellenberger die Verfolgung mit einem requirierten Motorrad aufnahm. Als Irniger mit einem Begleiter über den Seedamm zurück nach Rapperswil kam, wurde er verhaftet und von Kellenberger mit auf den Polizeiposten genommen.
Dort kam es zum filmreifen Showdown: Im Wachlokal feuerte Irniger mit einer erbeuteten Pistole vier Schüsse auf den Landjäger ab. Im Handgemenge mit dem verletzten Beamten schoss er diesem die fünfte Kugel direkt in die Schläfe, wie die Zeitungen berichteten. Der 30-jährige Familienvater war auf der Stelle tot. Irniger aber flüchtete Richtung Seeufer, verfolgt von rund 30 Bürgern. Auf der Flucht schoss Irniger auf seine Verfolger, von denen einer ebenfalls tödlich getroffen wurde. Zunächst konnte sich der Flüchtige im Schilf verstecken, wurde dann aber gestellt und von der aufgebrachten Menge mit Faustschlägen und Fusstritten und einem hölzernen Ruder dermassen traktiert, dass er einen Schädelbruch erlitt und längere Zeit nicht vernehmungsfähig war. Der letzte Akt seines Lebens stand bevor.
Todesstrafe war Sache der Kantone
Paul Irniger war nicht der Letzte, der in der Schweiz nach zivilem Strafrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Am 18. Oktober 1940 wurde noch der Mörder Hans Vollenweider in Sarnen durch die Guillotine enthauptet – übrigens derselben, durch die auch Paul Irniger starb und die heute noch im Museum Luzern zu sehen ist. Obwohl er nicht der Letzte war, bei dem das Urteil vollstreckt wurde, spielt die Geschichte der Todesstrafe hierzulande dennoch auch in seinem Fall eine wichtige Rolle. Der Jurist Thomas Gattlen beleuchtet das Thema in seinem Aufsatz für das Ortsmuseum. Denn bis zum Inkrafttreten des damals höchst umstrittenen eidgenössischen Strafgesetzbuches im Januar 1942, das eine Todesstrafe nicht mehr vorsah, war es Sache der Kantone, über die Verhängung der Todesstrafe zu entscheiden. Mit dem Inkrafttreten des eidgenössischen Strafgesetzbuches durften diese die unter eigenem Recht ausgesprochene Todesstrafen nicht mehr vollstrecken. Todesurteile, die bis zum 31. Dezember 1941 nicht vollstreckt worden waren, wurden von Gesetzes wegen in eine lebenslängliche Freiheitstrafe überführt.
Bemerkenswert am Fall Irniger ist die Tatsache, dass er nach seiner Verhaftung am Gericht in St. Gallen zwar für die beiden Morde in Rapperswil zum Tode verurteilt, aber später begnadigt wurde, während das Gericht in Zug ihn am 15. Juli 1939 wegen des Raubmordes von Baar verurteilte und das Urteil schliesslich auch vollstreckte.
Geständnis und Reue?
Aber wie wurde der Mord am Taxifahrer Werner Kessler überhaupt aufgeklärt? Nach seiner Verhaftung war Paul Irniger, wie bereits erklärt, zunächst nicht vernehmungsfähig: «Sie haben ihn bei seiner Festnahme ziemlich zusammengeschlagen», erzählt Gattlen. In der Zwischenzeit ermittelten die Behörden jedoch weiter. Auf die Spur kam man Irniger schliesslich durch die Aussage einer Freundin seiner damaligen Geliebten. Durch sie kam heraus, dass Paul Irniger seiner Mutter direkt nach der Tat gestanden hatte, dass er den Chauffeur erschossen hatte. Sowohl die ehemalige Geliebte als auch die Mutter bestätigten dies danach. Mit den Aussagen der Frauen konfrontiert, legte Irniger, als er wieder sprechen konnte, ein umfassendes Geständnis ab.
Gegen das Todesurteil in St. Gallen reichte sein Verteidiger innert 24 Stunden ein Gnadengesuch ein – ob dies mit dem Einverständnis seines Mandanten geschah, ist unklar. Obwohl sich die Regierung dagegen aussprach, wandelte das Kantonsparlament die Todesstrafe schliesslich in eine lebenslange Haftstrafe um. Auch nach der Verurteilung in Zug reichte der Verteidiger eine Appellation ans Obergericht in Zug ein. Mit persönlichem Schreiben vom 16. August 1939 zog Paul Irniger diese jedoch zurück. «Er hat gesagt, wenn Gott das so will, dann sei das sein Weg und dass er die Entscheidung seines Herrn und Gottes akzeptiert», fasst Thomas Gattlen die Haltung Irnigers zusammen. Durch den Rückzug der Appellation wurde das Urteil in erster Instanz rechtsgültig und wie eingangs beschrieben nur wenige Tage später am 25. August 1939 um 4.45 Uhr in Zug vollstreckt. Mit dem Fallbeil fiel auch der letzte Vorhang im bewegten Leben des Dreifachmörders Paul Irniger. Er war zu diesem Zeitpunkt noch keine 26 Jahre alt.
Michael Lux
Ein Radio-Hörspiel und ein Sohn Irnigers
Das bewegte Leben Paul Irniger interessierte und inspirierte von jeher die Medienschaffenden. Ende der 1970er und Anfang der 1980er-Jahre plante das Radio DRS erstmals ein mehrteiliges Hörspiel über sein Leben. Dieses wurde jedoch im Auftrag von Irnigers Sohn juristisch bekämpft. Der Fall ging bis vors Bundesgericht, das die Ausstrahlung schliesslich verbot. Begründung: die Persönlichkeitsrechte des Sohnes Irnigers würden dadurch verletzt. Die tragische Lebensgeschichte von Paul Irnigers Sohn, der Zeit seines Lebens unter Vormundschaft stand, ist ebenfalls Teil des Ortsmuseums-Projekts. Irniger zeugte ihn 1934 mit einer «Dirne», wie man Prostituierte damals bezeichnete. Er erkannte den Sohn offiziell an, womit das Heimatrecht von Niederrohrdorf an diesen überging. Die Gemeinde wurde später auch Vormundschaftsbehörde für den Sohn und liess dessen Nachnamen ändern, um ihn zu schützen. Mit dem Nachweis des Familienstammbaums beantragten Richard Irniger und Thomas Gattlen für ihr Projekt vor dem Familiengericht Baden Einsicht in die Vormundschaftsakten. Da Paul Irnigers Sohn bereits 2009 verstorben ist und die Buchvorlage für das Hörspiel nie verboten wurde, prüft die SRG laut Gattlen, ob sie das Stück heute aufführen dürfte.






