Shimeon Balmer arbeitet als Prozess Architekt bei Swisscom und amtet als Co-Präsident der Die Mitte-Ortspartei in Niederwil-Nesselnbach. Er ist ausserdem Mitglied der kantonalen Schiesskommission für die Bezirke Muri und Bremgarten.
«Sorry». Wir sagen es, wenn ...
Shimeon Balmer arbeitet als Prozess Architekt bei Swisscom und amtet als Co-Präsident der Die Mitte-Ortspartei in Niederwil-Nesselnbach. Er ist ausserdem Mitglied der kantonalen Schiesskommission für die Bezirke Muri und Bremgarten.
«Sorry». Wir sagen es, wenn wir jemanden im Gedränge anrempeln, und wir sagen es sogar, wenn uns jemand anrempelt ... was für eine Ironie. Wir tippen es in Chats, bevor jemand Zeit gehabt hätte, sich zu ärgern. Es rutscht heraus, wenn wir eine unbequeme Frage stellen, die zwar unangenehm, aber keine eigentliche Störung ist: «Sorry, wenn ich störe ...» oder «Sorry, aber ich denke ...».
Das Wort ist abgenutzt wie der Handlauf im Altersheim. Aus einer Bitte um Vergebung ist eine Floskel geworden, ein verbaler Rauchmelder, den man betätigt, damit niemand nach dem Feuer fragt. Dabei steckt in der Bitte um Entschuldigung etwas Grosses. Wer um Verzeihung bittet, macht sich verletzlich. Er gibt zu: Ich habe etwas falsch gemacht. Ich habe dich bewusst oder unbewusst getroffen, übergangen oder gar verletzt. Das kostet Mut und Demut. Eine echte Entschuldigung passiert nicht im Vorbeigehen; sie ist ein Stehenbleiben und ein Hinschauen auf das eigene Handeln.
Das kleine, allgegenwärtige «Sorry» ist genau das Gegenteil: der Versuch, nicht hinschauen zu müssen. Ein Sicherheitsnetz aus falscher Höflichkeit, damit wir gedankenlos weiterplappern können. Wer seinen Handlungen und Aussagen ein vorauseilendes «Sorry» beifügt, sollte sich überlegen, einen Moment die Klappe zu halten und sich umzusehen, warum er oder sie sich denn dauernd entschuldigen muss. Denn wenn alles eine Entschuldigung ist, ist nichts mehr eine. Die Entschuldigung wird zur Vorab-Busse fürs eigene Dasein. Das ist keine Höflichkeit, das ist einfach nur gedankenlos.
Und deshalb mein Appell an uns alle da draussen im friedlichen Reusstal: Lassen wir das mit den floskelhaften Entschuldigungen und achten wir mehr auf das, was wir tun und was nicht. Achten wir darauf, was und wie wir etwas sagen und ob überhaupt etwas gesagt werden muss. Ich wünsche mir für uns alle, dass unser Wort und unser Handeln wieder mehr bedeuten und nicht mit einem begleiteten «Sorry» daherkommen, um von der eigenen Tollpatschigkeit abzulenken. Wer achtsam ist, hat seltener Anlass zur Entschuldigung und wenn dann doch einmal etwas passiert, gilt es, mit der grossen, ehrlichen Variante um Verzeihung zu bitten und danach entsprechend anders zu handeln. Ich denke, so würde unser Alltag auch nicht unhöflicher, sondern verbindlicher. Das Reusstal hätte es verdient. Sorry, falls euch das zu pathetisch ist…