Stadtrat: Öffentliches Interesse zu klein
06.10.2026 MellingenMellingen: Ein grosses Wandgemälde beim Ortseingang kommt nicht zustande. Der Stadtrat hat finanzielle Bedenken
Die Kunstschaffende Petra «Peppa» Strasser wollte eine graue Wand der SBB verschönern und Mellingen ein Kunstwerk schenken. Doch die Stadt will keine ...
Mellingen: Ein grosses Wandgemälde beim Ortseingang kommt nicht zustande. Der Stadtrat hat finanzielle Bedenken
Die Kunstschaffende Petra «Peppa» Strasser wollte eine graue Wand der SBB verschönern und Mellingen ein Kunstwerk schenken. Doch die Stadt will keine Vereinbarung mit der SBB abschliessen und befürchtet unkalkulierbare Unterhaltskosten.
Rund 23,4 Meter breit und 7,2 Meter hoch ist die Fläche, welche Peppa Strasser mit einem Kunstwerk verschönern wollte. «Ich lebe 21 Jahre in Mellingen und diese Wand stach mir immer ins Auge», sagt die Künstlerin beim Ortstermin, auf dem Kopf ihre charakteristische hellgrüne Baskenmütze. «Für mich wäre diese Wand das Traumobjekt, um darauf ein Kunstwerk zu realisieren.» Die dreieckige, unansehnliche Wand befindet sich zwischen dem Hevo-Kreisel und dem Bahnhof Heitersberg auf der rechten Seite. Sie gehört der SBB. Im Sommer 2025 hat die Künstlerin begonnen, ein detailliertes Konzept zu entwerfen, dem sie den Namen «Projekt Mural» gab. Das Konzept wurde noch nie in der breiten Öffentlichkeit präsentiert. «Aus einem tristen, von illegalen Sprayereien geprägten Ort entsteht ein inspirierender Empfang für Mellingen», heisst es darin. Streetart (Strassenkunst) besitze eine enorme kommunikative Kraft. «Das geplante Wandgemälde steht für Wandel, Aufbruch und Hoffnung und greift mit floralen Formen, Vögeln und den Wellen der Reuss Elemente der Umgebung auf.» Das ruhige Porträt (einer Frau) bilde den Mittelpunkt der Komposition, so die Künstlerin. «Mehr Grün statt Grau: Das Werk soll wie ein visuelles Atemholen mitten im Alltag wirken.» Das Kunstwerk solle auch zu den Bemühungen der Stadt passen, Mellingen naturnaher zu gestalten. Und nicht zuletzt könnten legale Wandmalereien dazu beitragen, illegalen Sprayereien und Beschädigungen entgegenzuwirken; das wisse man aus anderen Städten. Das Kunstwerk in Mellingen wollte die Künstlerin mit wetterfesten Spraypaint-Farben für Graffitis in rund zwei Wochen auf einer Hebebühne stehend realisieren. Peppa Strasser hat auch die Kosten berechnet, rund 32 000 Franken. Vegetation müsste entfernt werden, ein Malerbetrieb die Wand reinigen und mit Betonfarbe bemalen. Dazu kommt die Miete der Hebebühne sowie ihre Arbeit plus Material. Das Geld wollte die Künstlerin mittels Fördergeldern, Crowdfunding und privaten Spenden auftreiben. «Ich erhielt viel positives Echo auf meine Idee», sagt sie. Die Künstlerin lässt Interessierte durch eine Virtual-Reality-Brille schauen und man sieht das Bild auf die Wand projiziert. Strasser präsentierte ihre Idee zuerst der Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer. Diese reagierte positiv. Anfang 2026 wurde die Idee im Gesamtstadtrat besprochen. Doch dieser lehnte das Ansinnen mehrheitlich ab. Einer der Knackpunkte: Die SBB schliesst bei solchen Projekten jeweils Vereinbarungen ab, um sich abzusichern – jedoch nicht mit Einzelpersonen. Die Stadt Mellingen hätte die Vereinbarung unterschreiben müssen. «Der Stadtrat hat den Vertragsabschluss über eine Wandmalerei mit der SBB bereits im Februar abgelehnt», sagt Stadtschreiber Gregor Glaus auf Anfrage. «Die Argumente gegen eine Übernahme der Risiken mittels Steuergeldern haben überwogen. Aus Sicht des Stadtrats besteht zudem kein ausreichendes öffentliches Interesse.» Die SBB verlangt laut dem Stadtschreiber eine verbindliche Regelung für die Pflege sowie die Entfernung von Graffiti und Verschmutzungen am Kunstwerk. «Die Stadt Mellingen hätte unter anderem bestätigen müssen, dass sie jederzeit und auf Verlangen der SBB den Ausgangszustand des Bauwerks auf eigene Kosten wiederherstellt», so Glaus.
Wiedererwägungsgesuch abgelehnt
Der Stadtrat ist im September nicht auf ein Wiedererwägungsgesuch der Künstlerin eingetreten. «Er möchte weiterhin nicht als Vertragspartei auftreten. Ein solcher Vertrag würde die Stadt verpflichten, umfassende Pflichten mit unkalkulierbaren Kosten einzugehen», erklärt der Stadtschreiber. Die Künstlerin ist enttäuscht. «Ich respektiere den Entscheid, finde es aber schade, dass letztlich vor allem Bedenken hinsichtlich der Zukunft, des Unterhalts und möglicher Konsequenzen ausschlaggebend waren. Aus meiner Sicht wurde damit eine einmalige Chance verpasst.» Sie habe seit dem Bekanntwerden der Absage viele Reaktionen erhalten von Personen, welche den Entscheid nicht nachvollziehen könnten. Manche werfen dem Stadtrat Mutlosigkeit und «verstaubtes Denken» vor. Nun hofft die Mellinger Künstlerin, dass sie vielleicht eine andere Wand angeboten bekommt, auf der sie Kunst im öffentlichen Raum realisieren könnte. «Ich bin offen für neue Wände, ob öffentliche oder private.» In der Zentralschweiz gibt es einige Werke von ihr zu sehen. Siehe auch auf peppastrasser.ch/wandmalerei.
Marc Benedetti


