«Um ein Idyll ärmer» – die letzten Posthornklänge
31.07.2026 Region ReusstalMellingen: Vor 100 Jahren wurde die Postkutsche vom Postauto abgelöst – das Verkehrswesen in der Region vom 18. Jahrhundert bis heute
Die Stadt Mellingen war mit ihrer Brücke seit Jahrhunderten ein aussergewöhnlich wichtiger Transitort für ...
Mellingen: Vor 100 Jahren wurde die Postkutsche vom Postauto abgelöst – das Verkehrswesen in der Region vom 18. Jahrhundert bis heute
Die Stadt Mellingen war mit ihrer Brücke seit Jahrhunderten ein aussergewöhnlich wichtiger Transitort für Fussgänger, Reiter, Lastkarren und Kutschen auf der Ost-West-Achse im schweizerischen Mittelland.
Das Kutschenwesen wurde lange Zeit von privaten Transportunternehmern – unter anderem auch durch die Familie Fischer von Bern – betrieben. So eröffnete die sogenannte Fischersche Post vermutlich 1776 einen Postkutschenkurs «Bern-Zürich». Dabei bediente man auf heutigem Aargauer Boden unter anderem Aarburg, Aarau, Lenzburg, Mellingen und Baden. Seit 1776 verkehrten zudem auch Kutschen von Basel über den Unteren Hauenstein, weiter nach «Olten – Aarau – Lenzburg – Mellingen – Baden nach Zürich». Über die Postkutschen- und die Postautolinien im Raum Mellingen seit Beginn des 19. Jahrhunderts geht es in den folgenden Abschnitten.
Die Postkutschenrouten im 19. und 20. Jahrhundert
Seit der Gründung des Aargaus 1803 und der Errichtung des Bundesstaates 1848 unterstanden die Postkutschenbetriebe zuerst der kantonalen Verwaltung und 45 Jahre später dem eidgenössischen Post- und Baudepartement (heute Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation; diesem ist die Post-Auto AG angeschlossen), wobei gewisse Bereiche von den kantonalen Kreispostdirektionen wahrgenommen werden. Letztere betrauten viele private Transportunternehmen, die verschiedenen Routen zu betreiben. So erlaubte der Kanton Aargau der Fischerschen Post, die Kutschenfahrten «Bern-Zürich» bis 1808 fortzuführen.
Ab 1848 fuhr täglich ein Postkutschenkurs von Aarau über Lenzburg und Mellingen nach Baden. Als 1877 die Nationalbahn eröffnet wurde, stellte man ein Jahr später diese Route ein. Ein weiterer Kurs führte 1848 über «Baden – Mellingen – Wohlen» und bis 1875 weiter nach Muri. 1877 beschloss die Kreispostdirektion die einspännige vierplätzige Postkutsche «Mellingen – Wohlen» neu über Fischbach-Göslikon nach Bremgarten verkehren zu lassen. Dieser Kurs wurde einmal pro Tag vom Mellinger Hirschenwirt Theodor Frey betrieben. 1904 ersetzte man die alte Kutsche durch eine sogenannte Berline, ein bequemes voll durchgefedertes Gefährt. Dieses verkehrte als Zweispänner zweimal pro Tag. Mit dieser Aufgabe wurde der Mellinger Fuhrmann Josef Zeier betraut, ab 1917 sein Sohn Albert Gottfried Zeier. Deren Nachfahren betreiben noch heute eine Transportfirma. Diese wurde 1892 gegründet und ist daher in fünfter Generation das älteste Familienunternehmen der Gemeinde.
Von der Postkutsche zum Postauto – die letzten Posthornklänge
In den 1920er-Jahren wurden in den meisten Gemeinden der Umgebung die Postkutschen durch Postautos ersetzt. Es sollen hier nur zwei Beispiele genannt werden: Ende 1925 wurde die Postautolinie «Brugg – Gebenstorf – Birmenstorf» eröffnet. Im März 1926 ersetzte man die Zweiplätzerkutsche von Bellikon bis zum Bahnhof Dättwil mit einem kleinen «Kraftwagen», wie im «Reussbote» gemeldet wird. Und am 1. August 1926 verkehrte dann das erste Postauto auf der Route «Mellingen – Bremgarten». Diese Linie wurde gleichzeitig nach Merenschwand und Muri erweitert.
Bereits am 26. März 1926 erschien im «Reussbote» ein Inserat für die «Postführungs-Ausschreibung» der Strecke Mellingen – Muri. Am 31. Juli führte Postillion Bachmann, der fast 20 Jahre lang mit grosser Gewissenhaftigkeit für die Fuhrhalterei Zeier gearbeitet hatte, die letze Kutsche nach Mellingen. Fast melancholisch beschrieb der Redaktor des «Reussbote» das Ende dieser Ära: «Um ein Idyll ärmer geworden ist unser anmutiges Reusstal! Wohl konnte die heimelige Postkutsche den Verkehrsbedürfnissen mehrerer Generationen genügen; letzten Endes musste auch sie den immer sich mehrenden Ansprüchen einer rastlosen Menschheit zum Opfer fallen. … Zum letzten Mal … erklangen die lieblichen Töne des Posthorns, denen eine von Rührung ergriffene Menge lauschte.» Versöhnlich beschliesst aber der Redaktor seinen Bericht: «Heute nun, am 1. August, durchfliegt voller Hoffnung und Zuversicht das neuzeitliche Auto mit seinen Motorschwingen wiederum die alte Strecke «Mellingen – Muri» und wiederum umrahmen die herrlichsten Zweige und Blumen der Talschaft das niemals veraltende weisse Kreuz im roten Feld.»
Das Postautonetz entwickelt und verzweigt sich rund um Mellingen
Zuerst wurde laut dem PTT-Archiv in Bern das Postauto, ein Zwölfplätzer, von Karl Laubacher in Brugg betrieben. Dieser fuhr zweimal pro Tag die Strecke von Mellingen nach Muri und wieder zurück. Später übernahm Alois Bossard von Bremgarten diese Linie und ab 1965 die Firma Robert Wicki. 1982 verkehrte das Postauto nur noch von Bremgarten nach Mellingen, wurde aber nach Baden verlängert.
1947 wurde die Gesellschaft Autobus «Mellingen – Wohlen» gegründet und seit 1950 von der Firma Louis Geissmann, Mellingen, geführt. Auch die 1955 eröffnete Linie «Mellingen – Brugg» wurde von der Firma Geissmann betrieben. Ab 1982 fuhr auch ein Postauto nach Wohlenschwil und seit 2000 weiter nach Mägenwil («Birr – Brugg»).
Der Busbahnhof an der Haltestelle Mellingen Heitersberg
Als man im Dezember 2004 die Station Mellingen Heitersberg eröffnete, wurde der dortige Busbahnhof eine wichtige Drehscheibe für zahlreiche Postautolinien. Die Busse fahren zurzeit von hier aus an folgende Endstationen: Baden Postautostation, Baden Kantonsspital, Bremgarten, Brugg, Mägenwil, Mellingen Geerig, Mellingen Lindenplatz, Mellingen Stetterstrasse, Widen und Wohlen. Die Postautos aller Linien halten an 30 Ortschaften und Weilern. An einem gewöhnlichen Werktag steuern den ganzen Tag von 5.29 bis 24.30 Uhr nicht weniger als 364 Postautos den Busbahnhof bei der SBB-Haltestelle Mellingen-Heitersberg an. An Werktagen steigen in die S-Bahn durchschnittlich 4600 Passagiere ein oder aus. Diese ideale Anbindung an die S-Bahnlinie Aarau – Zürich bewirkte unter anderem eine Bevölkerungszunahme und eine rege Bautätigkeit in unserer Region.
Rainer Stöckli, Historiker
Garage fürs Postauto
Die Kleine Kirchgasse um 1930: Links das Backsteingebäude, das als Garage für das erste Postauto diente. Vorher stand hier ein Stall. 1932 baute Fritz Riesen anstelle dieses Gebäudes das Geschäfthaus «Zum billigen Laden», welches später vom Ehepaar Säuberli-Kummli weitergeführt wurde. 1978 erwarb Sattler Niklaus Bättig die Liegenschaft Kleine Kirchgasse 5, die später dessen Sohn Otto Bättig und seine Gattin Renate übernahmen, mit einem grossen Angebot von Teppichen, Bodenbelägen und Bettwaren. Seit 2015 war hier das auf Bodenbeläge spezialisierte Geschäft von Islam Gallapeni unter dem Firmennamen «Bättisa» untergebracht. 2025 eröffneten hier Corinne und Urs Taverner eine Praxis für Ergotherapie und ambulante psychiatrische Pflege. Das Auto auf dem Bild ist nicht das Postauto. Es gehörte Fritz Riesen, der vor 1932 sein Geschäft auf der rechten Seite der Strasse betrieb. Rainer Stöckli




